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Fichtelgebirge

Was ein Freitod mit den Lebenden macht

Nimmt sich ein Mensch das Leben, bleiben Fragen offen. Zwei Tage bietet die Agus-Bundestagung Betroffenen und Experten im Fichtelgebirge viel Gelegenheit zum Austausch.



Gespräche mit Gleichgesinnten statt Flucht in die Einsamkeit: Der Selbsthilfe-Verein Angehörige um Suizid lädt Ende September zur Bundestagung nach Bad Alexandersbad ein. Fotomontage: David Trott
Gespräche mit Gleichgesinnten statt Flucht in die Einsamkeit: Der Selbsthilfe-Verein Angehörige um Suizid lädt Ende September zur Bundestagung nach Bad Alexandersbad ein. Fotomontage: David Trott  

Bad Alexandersbad - 10.000 Menschen entscheiden sich pro Jahr in Deutschland freiwillig dafür, zu sterben. "Etwa sechs unmittelbar Betroffene lässt jeder dieser Todesfälle zurück", erklärt Jörg Schmidt von der Bundesgeschäftsstelle Angehörige um Suizid (Agus) in Bayreuth. Viele dieser Trauernden wünschten sich Unterstützung: 70 Agus-Selbsthilfegruppen gibt es in Deutschland bereits - pro Jahr kämen fünf weitere dazu, weiß Schmidt. "Das Netz soll immer dichter werden." Neben diesem regelmäßigen, wohnortnahen Austausch im Umfeld bietet Agus unter dem Motto "Vertrauen wagen" Trauerseminare an, außerdem eine zweitägige Bundes-Jahrestagung, zu der rund 200 Betroffene aus ganz Deutschland kommen. Sie findet von Samstag, 28., bis Sonntag, 29. September, erstmals im evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum (EBZ) Bad Alexandersbad statt.

25 Jahre traf man sich in Bad Berneck, aus Platzgründen musste Agus umziehen. "Wir brauchen 15 Gruppenräume für jeweils 15 Teilnehmer, außerdem einen großen Vortragssaal", erklärt Schmidt. Das Interesse an der Tagung ist groß: Die Zimmer im EBZ seien bereits belegt, auch die im nahe gelegenen Soibelmanns Hotel fast vergeben.

Das Thema, das die Menschen hinter Agus bewege, "ist in einem kirchlichen Tagungszentrum wie dem unseren gut aufgehoben", findet EBZ-Leiter Andreas Beneker. Zwar sei die Einrichtung diesmal inhaltlich nicht beteiligt - "aber wir werden uns alle Mühe geben und mit unserem Service dazutun, damit die Tagung ein Erfolg wird", verspricht Beneker. Mit neu gestalteten und renovierten Seminarräumen biete das EBZ auch für solche größeren Zusammenkünfte optimale Bedingungen.

Ziel der Agus-Bundestagung sei, Suizid-Betroffene zum Austausch zusammenzubringen, erklärt Schmidt. "Es geht um die Frage: Was hat mir geholfen, was kann ich anderen weitergeben?" Anders als bei regionalen Treffen gebe es bei der Tagung genauere Unterteilungen der Gesprächskreise: für Trauernde nach dem Verlust des Partners, des Kindes, des Geschwisters und eines Elternteils, außerdem eine Gruppen für betroffene Männer, eine für 18- bis 35-Jährige und eine unter dem Titel "Es ist schon so lange her".

Wer sich keiner Gruppe anschließen möchte, kann am Samstagnachmittag auch Workshops besuchen: Tanzen, singen, wandern oder "Vertrauen erleben" stehen zur Wahl.

Der Samstagvormittag beginne bei der Tagung stets mit einem Betroffenen-Vortrag, sagt Schmidt. In diesem Jahr erzählt Claudia Biel, wie bestimmte Gedanken den Schmerz aufwühlen und andere ihn erleichtern. 2005 verlor die Referentin ihren 47 Jahre alten Mann durch Suizid, 2009 ihren 23 Jahre alten Sohn, das einzige Kind des Paares. Biel erklärt, wie sie versucht, belastende Gedanken zu meiden und entlastende Deutungen für wahr zu halten. Ihr Satz "Was hilft, hat Recht”, zeigt ihren pragmatischen Umgang mit Trauer.

Ein Gottesdienst mit dem Sänger Jay Alexander und ein gemeinsames Essen beschließen den Samstag.

"Sind Suizidtrauernde traumatisiert?", heißt der Fachvortrag der Psychologin und Psychotherapeutin Sybille Jatzko. Sie erklärt, wie es Betroffenen nach dem Verlust geht, unterscheidet Trauer von Trauma und zeigt jeweils passende Verarbeitungs-Strategien und Therapien.

Zwei Tage laufen während der Bundestagung die beiden "Young-Survivors"-Workshops. Trauerbegleiterinnen gäben betroffenen Kindern und Jugendlichen Gelegenheit, über Bedrückendes zu sprechen, sagt der Agus-Geschäftsführer. Es könne trösten, zu sehen, dass Gleichaltrige ähnliche Verluste erlebten.

"Die Bundestagung will Betroffenen nach einem Suizid neue Impulse im Trauerprozess ermöglichen", erklärt Schmidt. Unabhängig von Alter der Angehörigen gehe es immer um die Grundfrage, wie sich ein so schwerer Schicksalsschlag in das eigene Leben integrieren lasse.

—————

Die Teilnahme an der Agus-Jahrestagung in Bad Alexandersbad ist kostenlos, Spenden sind willkommen. Seit 2006 gibt es eine gemeinnützige Stiftung mit dem Ziel, Trauernden nach Suizid zu helfen. Bei der Finanzierung helfen Mitgliedsbeiträge, Zuschüsse und Spenden.

Infos gibt es im Internet unter agus-selbsthilfe.de

Lesen Sie dazu auch: Elfi Loser hilft Trauernden. Die Agus-Fachfrau weiß aus eigener Erfahrung, wie fassungslos Hinterbliebene nach einer Selbsttötung zurückbleiben >>>

 

Anmerkung der Redaktion: Wegen der wissenschaftlich belegten Nachahmerquote nach Selbsttötungen haben wir uns entschieden, in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Dann gestalten wir die Berichterstattung bewusst zurückhaltend und verzichten, wo es möglich ist, auf Details. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge www.telefonseelsorge.de . Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Autor

Brigitte Gschwendtner
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
25. 08. 2019
16:42 Uhr

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Brigitte Gschwendtner

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Veröffentlicht am:
25. 08. 2019
16:42 Uhr



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