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Fichtelgebirge

Wald und See als Lebensretter

Kerstin Bietz zieht aus der Not ins Fichtelgebirge. Wegen der Krankheit ihres Mannes sucht sie ein neues Zuhause. In Nagel ist sie jetzt daheim. Mach’s einfach, lautet ihre Devise.



Kerstin Bietz im Kreis der Birken am Nagler See (im Hintergrund). Sie genießt die Natur des Fichtelgebirges in vollen Zügen. Foto: Peggy Biczysko
Kerstin Bietz im Kreis der Birken am Nagler See (im Hintergrund). Sie genießt die Natur des Fichtelgebirges in vollen Zügen. Foto: Peggy Biczysko  

Nagel - Kerstin Bietz steht auf ihrer Terrasse, blickt auf den spiegelglatten See, über dem sich die herbstlichen Nebelschwaden erheben. Sie atmet tief ein, genießt die Stille. "Die Luft hier ist wunderbar." Sie schöpft ihre Kraft aus dem angrenzenden Wald, verbringt jede freie Minute in der Natur. Doch was sie eigentlich ins Fichtelgebirge, nämlich nach Nagel, verschlagen hat, ist die Sorge um ihren Mann gewesen. Denn der leidet unter Multipler Sklerose.

Turbulenter Werdegang

Kerstin Bietz stammt eigentlich aus dem Osten, nämlich aus der Bauhaus-Stadt Dessau. Doch als der Eiserne Vorhang fällt, gibt es für sie kein Halten mehr. Zwei Monate ehe sie den Abschluss zur Kindergärtnerin - "so hieß das drüben" - in der Tasche hat, verlässt sie die damalige DDR. Noch einmal fünf Jahre im Westen Erzieherin lernen, will sie nicht.

Sie zieht nach Erlangen und absolviert eine Lehre zur Arzthelferin mit dem Schwerpunkt Orthopädie und Chirurgie. Sie lebt mal in Nürnberg, mal in Fürth, mal in Erlangen.

Sie lernt in Mittelfranken ihren Mann kennen, heiratet und bekommt drei Kinder, die heute 22, 23 und 24 Jahre alt sind. "Dann habe ich das Arbeiten aufgehört."

Als die Kinder größer sind, betreut die heute 48-Jährige acht Jahre lang demente Senioren in der Tagespflege. Auf die Dauer strengt es sie zu sehr an, nur Sterbende zu begleiten. "Eigentlich hätten die Angehörigen mehr Begleitung nötig als die Dementen selbst", weiß sie aus bitterer Erfahrung. "In dem Beruf ist viel Achtsamkeit nötig."

Um dem Leid zu entfliehen, arbeitet sie zuletzt als Stations-Sekretärin in der Erler Klinik in Nürnberg.

Nach dem Umzug ins Fichtelgebirge arbeitet sie bis heute im kleinsten Heilbad Bayerns, in Bad Alexandersbad, in der Gäste-Information.


Das Fichtelgebirge ist für die 48-Jährige bis 2011 ein weißer Fleck auf der Landkarte. Bis zu jener Zeit, als eine Ärztin ihrem heute 56-jährigen Mann, der eine eigene Kunst- und Bau-Schlosserei in Erlangen betreibt, dringend eine Luftveränderung ans Herz legt. Denn Stress, MS und Panikattacken gefährden die Gesundheit des fünffachen Vaters. "Wir hatten bis dahin als wundervolle Patchwork-Familie im Nürnberger Raum gelebt", erzählt Kerstin Bietz in ihrem Haus am Nagler See. Im Internet geht die Mutter dreier Kinder - "zwei hat mein Mann mit in die Ehe gebracht" - auf die Suche nach einer neuen Heimat. "Da bin ich auf das Fichtelgebirge und auf Nagel gestoßen, wo ich nie zuvor gewesen bin. Und auf das Haus am See." Als sie mit ihrem Mann an einem traumhaften Herbsttag 2011 hier ankommt, verliebt sie sich sofort in das einstige Ferienhaus mit dem Spitzgiebel. "Dann ging es Schlag auf Schlag. Nach einem Wochenende Probewohnen haben wir zugeschlagen", sagt sie mit strahlenden Augen, während die Worte nur so aus ihr heraussprudeln.

Fortan verbringt die Familie Bietz, deren Kinder in der Zeit noch zur Schule gehen, jedes Wochenende in Nagel. Als die Kinder flügge sind, macht das Ehepaar Nägel mit Köpfen und zieht im Dezember 2017 endgültig ins Fichtelgebirge in das Haus am See. Schon lange vorher wird Kerstin Bietz Mitglied im Fichtelgebirgsverein und schließt sich dem Kräuterverein an. Mittlerweile ist sie mit Kräuterfrau Erika Bauer gut befreundet, geht mit ihr gern auf Streifzüge durch die Natur.

"Meinem Mann geht es super in der Gegend", freut sich die 48-Jährige, dass es wirklich der richtige Schritt gewesen sei, nach Nagel zu ziehen. Sie selbst habe eine Weile gebraucht, um den richtigen Weg zu finden, auf dem sie jetzt sicheren Schrittes tagtäglich durch den Wald spaziert. "Wer das Fichtelgebirge nicht kennt, ist selbst schuld", sagt sie heute im Brustton der Überzeugung.

Nachdem die Dessauerin zunächst als Schwangerschaftsvertretung im Vorzimmer von Bürgermeister Heinz Martini in Tröstau gearbeitet hat, sitzt sie nun als Teilzeitkraft im Gäste-Service des kleinsten bayerischen Heilbads, in Bad Alexandersbad. "Teilzeit, weil ich auch noch Zeit für mich brauche, um den Wald zu spüren." Der ist ein fester Bestandteil ihres Lebens. "Es ist sensationell, mit ihr zu laufen", sagt Erika Bauer, die mit im Wohnzimmer von Kerstin Bietz sitzt. "Sie hat ein so großes Naturverständnis, dass sie mir die Augen für Dinge öffnet, die ich gar nicht wahrgenommen hätte", sagt die Kräuterfrau.

Bietz ist seit zwölf Jahren Indian-Balance-Kursleiterin und hat auch den Yoga-Trainings-Schein. "Mein Kursraum ist der Wald." Auch Atem-Kurse belegt sie, um den Schein zu bekommen. "Ich wollte alles tun, um meinem Mann zu helfen", erzählt sie. Yoga, Wandern, Achtsamkeit, Atmen - diese Themen helfen ihr und ihrem Mann, wieder ein normales Leben ohne Ängste führen zu können. Bietz schraubt im Wald keine Kilometer herunter, wie sie sagt. Sie hält inne an einer schönen Pflanze, klaubt die Feder eines Eichelhähers vom Boden auf, bestaunt angeknabberte Tannenzapfen, um herauszufinden, welches Tier sich daran zu schaffen gemacht hat.

Wind und Wetter sind ihr egal. "#Machs einfach" ist mittlerweile zu ihrem Markenzeichen geworden. Damit reduziert sie Stress, stärkt das Immunsystem. Ihre Erlebnisse teilt sie auf Facebook. "Ich möchte die Schönheit und Vielseitigkeit des Fichtelgebirges, das so herrlich ist, bekanntmachen." Sie sieht sich als Mittler zwischen Natur und Mensch. Achtsamkeits-Wanderungen seien gut bei Burnout und Depressionen. "Ich möchte den Menschen helfen, die Natur zu erleben, um den Weg zum Therapeuten zu verhindern oder zu erleichtern." Jeder, der Ballast mit sich herumträgt, müsse eine Nische finden, um frei im Kopf zu werden. "Waldbaden" ist nicht ihr Ding. "Ich möchte alle Sinne ansprechen, um die Gedanken wegzulenken vom Alltäglichen." So vieles sei heute kompliziert, "daher möchte ich die Menschen wachrütteln, motivieren und anspornen".

"Sie passt so gut zu uns", findet Kräuterfrau Erika Bauer. Deshalb bietet Kerstin Bietz im nächsten Flyer der Kräuterfrauen auch Achtsamkeits-Wanderungen an. "Nicht kompliziert denken, einfach bleiben", fordert die Natur-Liebhaberin, die das Fichtelgebirge für sich entdeckt hat, die Menschen auf. Sie möchte ihnen helfen, den inneren Schweinehund zu überlisten, um dem Leben wieder die schönen Seiten abgewinnen zu können.

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Nähere Informationen zu den Achtsamkeits-Wanderungen gibt es auf Facebook unter #MachsEinfach.

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Peggy Biczysko

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Veröffentlicht am:
15. 09. 2019
16:16 Uhr

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Peggy Biczysko

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Veröffentlicht am:
15. 09. 2019
16:16 Uhr



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