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Fichtelgebirge

Eine Familie kämpft um ihren Sohn

Gerhard und Gisela Kleineidam haben einen jungen Mann aus Afghanistan adoptiert. Jetzt ist die Familie verzweifelt: Ihr Sohn ist in Abschiebehaft.



Mit ihrem Adoptivsohn Karim aus Afghanistan haben Dr. Gerhard Kleineidam und seine Frau Gisela aus Nagel im Fichtelgebirge viele Ausflüge unternommen. Sie führten sie auch nach Kulmbach. Dort war der Vater von Gerhard Kleineidam, Fritz Kleineidam,lange Jahre Pfarrer von St. Petri. Seine Frau Marianne war im Stadtrat. Foto: Privat
Mit ihrem Adoptivsohn Karim aus Afghanistan haben Dr. Gerhard Kleineidam und seine Frau Gisela aus Nagel im Fichtelgebirge viele Ausflüge unternommen. Sie führten sie auch nach Kulmbach. Dort war der Vater von Gerhard Kleineidam, Fritz Kleineidam,lange Jahre Pfarrer von St. Petri. Seine Frau Marianne war im Stadtrat. Foto: Privat  

Nagel/Kulmbach - Eine Familie ist verzweifelt und versteht die Welt nicht mehr. Dr. Gerhard Kleineidam und seine Frau Gisela haben im August 2015 Karim kennengelernt und zu dem heute 25-jährigen Afghanen ganz schnell eine enge Beziehung aufgebaut. Die ganze Familie, auch die fünf erwachsenen Kinder des Ehepaars aus Nagel, fühlte sich dem jungen Mann so zugetan, dass Gerhard und Gisela Kleineidam ihn schließlich adoptiert haben. Aus Karim Alizadeh wurde nach einem zweijährigen Adoptionsverfahren im Juli 2019 Karim Kleineidam. Die Hoffnung war groß, dass Karim trotz eines abgelehnten Asylantrags nun bei seiner neuen Familie bleiben darf. Die Kleineidams hatten bereits konkrete Pläne. Karim war gerade dabei, seinen Hauptschulabschluss zu machen. Dann wollte er eine Ausbildung beginnen. Doch das alles hängt nun in der Luft. Karim wurde am Montagmorgen um 5 Uhr von der Polizei abgeholt und in Abschiebehaft genommen. Bereits am Donnerstag kommender Woche soll er nach Kabul gebracht werden. "Wir sind total am Ende", sagt Gerhard Kleineidam. Seine Frau und er wollen nun alles tun, um ihren Sohn wiederzubekommen. Dabei setzen sie auch auf die Hilfe von Politikern aus der Region.

Gerhard Kleineidam zitiert aus dem Beschluss des Familiengerichts, das am 25. Juli die Adoption bestätigt hatte: "Bei der richterlichen Anhörung konnte glaubhaft dargelegt werden, dass alle Beteiligten emotional eng verbunden sind ... wie auch durch Fotos dokumentiert, ist der Anzunehmende gut in die Patchwork-Großfamilie der Annehmenden integriert ... das Gericht sieht familienbezogene Gründe als die tragende Motivation an."

Doch geholfen hat das nicht. Die Zentrale Ausländerbehörde in Bayreuth werfe Karim mangelhafte Kooperation bei der Identitätsklärung und fehlende Integrationsbemühungen vor und verweigere deshalb einen Aufenthaltstitel, berichtet Gerhard Kleineidam. Das kann der Adoptivvater überhaupt nicht nachvollziehen. Für die Adoption sei ein afghanischer Pass beschafft worden. Damit sei die Identität von Karim zweifelsfrei geklärt. Und auch der Vorwurf, Karim zeige keine Integrationsbemühungen, ist Gerhard Kleineidam unverständlich. Gerade erst habe das Familiengericht in einem Beschluss die gute Integration schriftlich bestätigt. Aber es gebe noch mehr, sagt der Vater. Er legt eine Bestätigung und Zeugnisse der Berufsschule Wunsiedel vor, Bescheinigungen über Praktika, das Zeugnis eines bestandenen Deutschtests mit dem Anforderungsprofil A2/B1, eine Beurteilung des Seniorenheims in Wunsiedel und einen Nachweis über einen VHS-Kurs Deutsch und Beruf Lager/Logistik vor. Karim besuche täglich die Schule in Selb, will dort in einem Programm mit dem Titel "Step by Step" seinen Hauptschulabschluss machen, dann eine Lehre beginnen. Zum Teil seien die Nachweise für all diese Integrationsbemühungen bereits im August 2018 an die Ausländerbehörde geschickt worden. Doch von dort, sagt Gerhard Kleineidam, sei nicht nur keine Hilfe zu erwarten. "Immer dann, wenn wir mit einem Mitarbeiter der ZAB einen Schritt weitergekommen sind, wurde er von dem Fall abgezogen." Die Ausländerbehörde am Landratsamt in Wunsiedel habe im August bei der ZAB beantragt, den Fall an sie abzugeben. "Aber auch das hat die ZAB nicht gemacht." Gerhard Kleineidam sieht vor allem in der Führung der Behörde keinerlei Menschlichkeit. Von den Mitarbeitern seien etliche zur Hilfe bereit gewesen. Die sei aber dann immer wieder zurückgezogen worden. "Es liegt ganz klar am Kopf der ZAB", betont der Vater.

Landtagsabgeordneter Martin Schöffel hat sich, nachdem er von der Festnahme Karims erfahren hat, umgehend an Innenminister Joachim Herrmann gewandt mit der Bitte, sofort zu handeln, die Abschiebung auszusetzen und eine Lösung für eine dauerhafte Bleibeperspektive zu suchen. "Ich kenne die Adoptiveltern persönlich. Ich weiß, das sind Leute, die sich kümmern. Ich glaube, dass man die Elternrechte und auch die Gefühle hier keinesfalls außer Acht lassen darf. Ich sehe, dass hier eine hohe Integrationsleistung erbracht wurde. Da muss etwas geschehen. Das kann so nicht sein." Martin Schöffel wird deutlich: "Ich denke, unsere Behörden haben alle Hände voll zu tun, Geflüchtete ohne Integrationswillen und mit echten Vergehen abzuschieben. In diesem Fall muss die Abschiebung ausgesetzt werden."

Warum Karim nicht bei seiner deutschen Adoptivfamilie bleiben kann und stattdessen abgeschoben werden soll, will auch die Bayreuther Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin im Sozialministerium, Anette Kramme, klären. Ihr Büro will sich beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Sachlage erläutern lassen. Frank Meerkamp vom Büro Kramme bestätigt: "Dieser Fall ist es wert, ganz genau hinzuschauen."

Der Hofer Bundestagsabgeordnete und Parlaments-Vizepräsident Hans-Peter Friedrich ist in den Fall von Karim und seinen Adoptiveltern ebenfalls eingeschaltet. Die gesetzliche Lage, sagt er, sei durch den abgelehnten Asylantrag eindeutig. Allerdings müsse man auch sehen, dass es immer wieder Einzelfälle gibt, in denen die gesetzliche Lage "nicht passt". In solchen Fällen gelte es, Spielräume zu finden. Friedrich will das nun prüfen lassen.

Auch Landtagsabgeordnete Inge Aures wird sich an Innenminister Joachim Herrmann wenden. Unmöglich und unmenschlich sei dieser Fall. "Ich habe kein Verständnis, dass so etwas passiert."

Viel Zeit zum Prüfen gibt es nicht. Bereits am nächsten Dienstag soll der Abschiebeflug nach Kabul starten. In dem Flieger, befürchtet Stephan Theo Reichel vom Verein "Matteo - Kirche und Asyl", könnten auch noch weitere junge Afghanen aus der Region sitzen. Besonders fürchtet Reichel um eine Gruppe junger Männer, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Kulmbach gekommen waren und dort über Jahre bestens betreut wurden. "Gerade die, die sich am besten integriert haben, werden nun von Abschiebung bedroht", sagt Reichel. Er versteht nicht, wie derzeit angesichts der aktuellen Lage in Kabul überhaupt Menschen dorthin abgeschoben werden.

Erst Anfang September habe sich die deutsche Bundespolizei nach einem verheerenden Anschlag von dort zurückgezogen und ihre Kräfte entweder nach Deutschland zurückgeholt oder an andere Standorte verlagert. Die Afghanistan-Mission der Bundespolizei sei aus Sicherheitsgründen vorerst abgebrochen worden. "Und wir zwingen junge Menschen, die sich hier in Deutschland bestens integriert und nichts zuschulden kommen lassen haben, in eine solche unsichere Lage?"

Davor fürchten sich Gerhard und Gisela Kleineidam und die fünf Geschwister von Karim. Auch die Großeltern, der ehemalige langjährige Pfarrer von St. Petri in Kulmbach, Fritz Kleineidam und seine Frau Marianne sind in großer Sorge um den Enkel, den sie erst seit wenigen Monaten offiziell haben und der ihnen jetzt wieder genommen werden soll.

Autor

Melitta Burger
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Veröffentlicht am:
30. 09. 2019
18:08 Uhr

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Melitta Burger

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Veröffentlicht am:
30. 09. 2019
18:08 Uhr



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