Lade Login-Box.
Topthemen: 30 Jahre GrenzöffnungBlitzerwarnerVER Selb

Fichtelgebirge

Zwischen Gummistiefel und Anzug

Grußwort sprechen, Kuvert übergeben, Bild machen. Bürgermeister ist ein schöner Job. Oder vielleicht doch nicht? In Hohenberg spricht Bernd Hofmann über die Arbeitsbelastung.



Gelöste Atmosphäre trotz des ernsten Themas: Bürgermeister seien "Mädchen für alles", sagte Bernd Hofmann (links) im Gespräch mit Jürgen Hoffmann. Foto: pr.
Gelöste Atmosphäre trotz des ernsten Themas: Bürgermeister seien "Mädchen für alles", sagte Bernd Hofmann (links) im Gespräch mit Jürgen Hoffmann. Foto: pr.  

Hohenberg - In einer Woche, am Sonntag, 20. Oktober, entscheiden die Hohenberger Bürger über die Rechtsstellung ihres nächsten Bürgermeisters. Der führt seit einer Amtsperiode die Geschäfte hauptamtlich. Die Fraktion der CSU und Parteifreien im Stadtrat möchte das ändern. Die Begründung: Der hauptamtliche Rathauschef kommt der Stadt zu teuer. Doch im Nebenamt sei die Arbeit gar nicht zu erledigen, sagt dagegen Amtsinhaber Jürgen Hoffmann (SPD). Um die Belastung darzulegen, hatte der seinen Amtskollegen Bernd Hofmann (Aktive Liste) aus Thiersheim zu einer Infoveranstaltung eingeladen. Denn der hatte im Juli bekanntgegeben, nicht mehr kandidieren zu wollen. "Ich kann die Aufgaben als Bürgermeister nicht mehr mit den Ansprüchen, die ich selbst an mich stelle, erfüllen", hatte Hofmann seine Entscheidung begründet.

Nagel setzt auf Hauptamt

Gerne hätte Jürgen Hoffmann auch seinen Nagler Amtskollegen Theo Bauer (CSU) am Tisch gehabt. Der, seit 26 Jahren ehrenamtlicher Bürgermeister, tritt nicht mehr an. Sein Nachfolger wird hauptamtlicher Bürgermeister. Auf Nachfrage sagt Bauer: "Verschiedene Programme machen eine stärkere Einbindung der Bürgermeister notwendig." Er habe seinen Beruf schon vor knapp acht Jahren aufgegeben, um sich auf das Amt konzentrieren zu können. "Ein hauptamtlicher Bürgermeister kann vielleicht durch seine Aktivitäten die erhöhte Entlohnung wieder wettmachen."


Offenbar ist früher tatsächlich vieles besser gewesen: Bernd Hofmanns Vorvorgänger habe seine Amtsgeschäfte tatsächlich noch im Wirtshaus erledigen können und auch er habe bei seinem Amtsantritt vor zwölf Jahren mehr Zeit gehabt. "Aber das hat sich radikal geändert", sagte Bernd Hofmann am Donnerstag im Gasthaus "Zur Burg" in Hohenberg. Alleine die Bearbeitung der komplizierten Förderprogramme nehme viel Zeit in Anspruch. Dazu ließe sich lange nicht jede Arbeit an Mitarbeiter delegieren. Schon gar nicht in Verwaltungsgemeinschaften, erklärte Bernd Hofmann. Denn die seien "relativ sparsam" besetzt. Fehle etwa einer der beiden Mitarbeiter im Bauamt - sie sind für drei Gemeinden in der VG Thiersheim zuständig - sei er als Bürgermeister gefragt gewesen, Arbeiten zu übernehmen, sofern die Rechtssicherheit dafür gegeben war. "In Städten gibt es Hauptämter und Referenten. In kleinen Gemeinden hängt alles am Bürgermeister. Du musst immer Gummistiefel und Anzug dabei haben", sagte Hofmann. Er habe sich immer eine Sekretärin gewünscht. Weil das nicht ging, habe er seine Frau mitgenommen. "Da weiß ich, dass die Arbeit erledigt wird."

Doch es sei mitnichten so, dass ein Bürgermeister seine Zeit nur im Rathaus verbringe. Tagungen, Infoveranstaltungen, Versammlungen von Tourismuszentrale, Naturpark, Kreistag, Einladungen zu Vereinstreffen, dazu unzählige vor-Ort-Termine. Da seien auch Treffen mit unscheinbarem Charakter dabei, "oft sind gerade die wichtig, um Netzwerke aufzubauen", sagte Bernd Hofmann. "Und was ist ein Bürgermeister, der sich nicht sehen lässt?" Irgendwann aber stoße man an seine Grenzen. "Vieles ist in der Kürze der Zeit nicht zum Abarbeiten", machte er deutlich. Dazu kommen die Termine, die den Gemeinden "von außen übergestülpt" werden, wie Hofmann sagte. Als Beispiel nannte er Ostbayernring und Hochwasserschutz. Bei Letzterem habe sich auch die Anspruchshaltung der Bevölkerung gezeigt: Hatte Bernd Hofmann beim ersten Starkregen 2014 noch Fotos und Filme gemacht, um den Weg des Wassers zu dokumentieren, also Grundlagenarbeit für den Hochwasserschutz, drohten ihm Teile der Bevölkerung beim nächsten Hochwasser wenige Wochen später. "Ich sei schuld, dass Grundstücke überschwemmt wurden. Das ging bis zur Klagedrohung", sagte Hofmann.

Warum suchen manche Gemeinden im Staatsanzeiger nach geeigneten Kandidaten? Warum sind Bürgermeister immer kürzer im Amt? Die Antwort lieferte Bernd Hofmann: "Die Leute werden fordernd bis aggressiv. Du bist Dienstleister und musst immer ansprechbar sein." 60 bis 80 Wochenstunden seien keine Seltenheit. Darunter leide die Gesundheit. 2011 habe ihn ein Tinnitus für mehrere Monate außer Gefecht gesetzt. "Das sind Warnsignale, die man ernst nehmen muss." Ehrenamtliche Bürgermeister seien ein Auslaufmodell, sagte Hofmann. "Das mag in völlig durchsanierten Gemeinden noch funktionieren."

Jürgen Hoffmann machte deutlich, dass es nicht um ihn gehe: "Es geht mir um den Bürgermeister, den die Bürger wählen. Und dass der die Zeit kriegt, die er braucht, und nicht eingeschränkt ist."

Robert Chlup, einer der Initiatoren des Bürgerentscheids, widersprach der Behauptung "vor den Karren gespannt" worden zu sein. "Wir haben die Diskussion verfolgt. Und wir haben gesehen, was der Bürgermeister geschafft hat. Ehrenamtlich wäre das nicht möglich gewesen."

Autor
Gerd Pöhlmann

Gerd Pöhlmann

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
11. 10. 2019
17:18 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Baubehörden Bernd Hofmann Bevölkerung Bürger Bürgermeister und Oberbürgermeister CSU Hochwasser und Überschwemmung Hochwasserschutz Kreistage Naturparks SPD Stadträte und Gemeinderäte Städte
95352 Hohenberg
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Sabrina Kaestner (vorne, Mitte) ist zur CSU-Bürgermeisterkandidatin nominiert worden. Mit auf dem Bild (von links) Melanie Kurczak von der CSU Niederlamitz, Landratskandidat Peter Berek, Landtagsabgeordneter Martin Schöffel, die Stadträte Klaus Prell und Harald Fischer, Doris Lempenauer von der CSU Kirchenlamitz, dritter Bürgermeister Andreas Ritter und CSU-Ortsvorsitzender Christoph Haas. Foto: Hans Gräf

28.10.2019

Sabrina Kaestner will auf den Chefsessel

Die 31-jährige CSU-Frau kandidiert in Marktleuthen für das Amt des Bürgermeisters. Damit stehen drei Kandidaten zur Wahl. Sie fordert "Aufbau statt Abriss". » mehr

Wird nach der Ablehnung des Baus einer Ortsumgehung ein "Kreisverkehr" mit nur je einer Zu- und Abfahrt bleiben: der 15 Jahre alte Kreisel nahe dem Holenbrunner Bahnhof. Foto: Rainer Maier

21.07.2019

Ortsumgehung Holenbrunn ist vom Tisch

Der Wunsiedler Stadtrat stimmt gegen das Projekt. 31 Jahre nach der ersten Planung ist der Straßenbau damit jetzt gestorben. » mehr

Ab Mai 2020 sitzt am Schreibtisch des Hohenberger Bürgermeisters wieder ein Ehrenbeamter.	Foto: Florian Miedl

25.06.2019

Rolle rückwärts in Hohenberg

Der Bürgermeister arbeitet ab 2020 wieder ehrenamtlich. Im Stadtrat setzt sich die CSU mit ihrem Antrag durch. Die SPD hätte gerne die Bürger befragt. Der Rest ist Wahlkampf. » mehr

Interview: Der Initiator der Gruppierung "Große Landstadt Fichtelgebirge", Dr. Matthias Popp

18.09.2019

"Wir haben jetzt schon viel erreicht"

Die Gruppierung "Große Landstadt Fichtelgebirge" steht vor ihrer ersten Wahl. Matthias Popp bastelt an der Kandidatenliste und könnte sich darauf Karl-Willi Beck vorstellen. » mehr

"Einen hauptamtlichen Bürgermeister können wir uns nicht leisten", sagen Andreas Übler, Christian Paulus und Peter Fischer (von links). Foto: G. P.

16.10.2019

Für die CSU fängt Sparen im Rathaus an

Den Christsozialen kostet ein hauptamtlicher Bürgermeister zu viel. Auch im Ehrenamt sei der Stadtobere gut bezahlt und könne sich in Vollzeit einbringen. » mehr

Als verschworene Gemeinschaft präsentierten sich die ABW-Kandidaten bei der Nominierung. Foto: Matthias Bäumler

15.11.2019

ABW setzt auf eine kreative Mischung

Die Wunsiedler Wählervereinigung will im kommenden Stadtrat ein gewichtiges Wort mitreden. Daran sollen alte Hasen ebenso mitwirken wie junge. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

1. Selbitzer Angerglüh'n

1. Selbitzer Angerglüh'n | 08.12.2019 Selbitz
» 10 Bilder ansehen

Q11 MGF pres. Froh und Hacke! Schwingen 06.12.2019

Froh und hacke in Schwingen: Q11 MGF | 07.12.2019 Schwingen
» 65 Bilder ansehen

Selber Wölfe - EV Lindau

Selber Wölfe - EV Lindau | 06.12.2019 Selb
» 31 Bilder ansehen

Autor
Gerd Pöhlmann

Gerd Pöhlmann

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
11. 10. 2019
17:18 Uhr



^