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Fichtelgebirge

Scharfe Granate liegt im Wald

Zwei Hobby-Schatzsucher mit Metalldetektoren fördern ein explosives Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg zutage. Das Sprengkommando sichert den Fund.



Mit ihren Metalldetektoren machten Johannes Rausch und Marcus Türr am Samstagnachmittag im Wald bei Kühlgrün den brisanten Fund. Fotos: Rainer Maier
Mit ihren Metalldetektoren machten Johannes Rausch und Marcus Türr am Samstagnachmittag im Wald bei Kühlgrün den brisanten Fund. Fotos: Rainer Maier   » zu den Bildern

Kühlgrün - Während der Rest der Familie am Samstagnachmittag zum Schwammern im Wald bei Kühlgrün unterwegs ist, sind Marcus Türr und Johannes Rausch nicht auf Pilze aus, sondern auf Schätze aus Metall. Der dreißigjährige Weißenstädter Türr ist bereits ein erfahrender Sondler, also einer, der mit dem Metalldetektor Flächen absucht, um Relikte aus alten Zeiten zu finden. An diesem Nachmittag will er Johannes Rausch zeigen, wie die Suche mit der Metall-Sonde funktioniert. Der 19 Jahre alte Wunsiedler interessiert sich sehr für das Hobby des Freundes.

Es lässt sich gut an an diesem sonnigen Herbstnachmittag. Sie entdecken erst ein Bonbonpapier, dann die Öse einer Zeltplane, schließlich einen alten Topfdeckel. Keiner der beiden ahnt, dass sie gleich einen brisanten Fund machen werden.

Kreisend führen sie ihre Sensoren weiter über den Waldboden. Da signalisiert ein Piepsen erneut: Es liegt etwas Metallisches in der Erde. Groß scheint es zu sein und massiv. Die beiden Sondler packt das Schatzfieber: Mit einem Spaten graben sie vorsichtig an der Fundstelle. In etwa dreißig Zentimetern Tiefe stoßen sie auf etwas Hartes. Behutsam legen sie den rostbraunen Gegenstand frei, ein Rohr von einem halben Meter Länge und rund zehn Zentimetern Durchmesser, das vorne spitz zuläuft. Den beiden Sondlern ist sofort klar: Sie haben eine Granate gefunden.

Was sie nun tun, ist unüberlegt und lebensgefährlich: Sie buddeln den Sprengkörper vollständig aus, Johannes Rausch trägt ihn rund hundert Meter durch den Wald bis auf eine Wiese, wo er die Granate vorsichtig ablegt. Mit dem Handy machen sie Fotos von sich mit ihrem Fund, den sie für ungefährlich halten. "Man hat an den Einkerbungen an der Hülle gesehen, dass das Ding schon abgeschossen worden war", sagt Rausch. Ein Blindgänger also, der nicht beim Aufschlag detonierte.

Aber es ist nicht auszuschließen, dass der Sprengkörper - gut 74 Jahre, nachdem er abgefeuert wurde - nun doch noch explodiert. Jetzt tun die beiden Schatzsucher das Richtige: Sie alarmieren die Polizei.

Stundenlang wird die Wiese zwischen Kühlgrün, Vierst und Vordorf abgesperrt, wird niemand mehr in den Wald gelassen, der einigen Kühlgrüner Landwirten gemeinschaftlich gehört. Der Kampfmittelräumdienst ist verständigt, aber die Experten des Sprengkommandos müssen aus Feucht bei Nürnberg anfahren. Erst gegen 21.15 Uhr treffen sie im Landkreis Wunsiedel ein. Eine knappe Stunde später melden sie: Entwarnung. Die Spezialisten haben die Zündnadel der Granate gesichert.

Es war Geschützmunition der US-Streitkräfte aus dem Zweiten Weltkrieg mit 105 Millimetern Durchmesser. Vermutlich wurde die Granate 1945 in den letzten Kriegstagen vom damaligen Standardgeschütz der US Army, der "105mm Howitzer M2", abgefeuert, als die Amerikaner Vordorf, Vierst und Kühlgrün vom Gebiet um den Rudolfstein am Nordostabhang des Schneebergs aus unter Beschuss nahmen. Die M 101, wie die Haubitze im Army-Jargon hieß, konnte ihre 16 Kilogramm schweren Granaten gut elf Kilometer weit schießen. Diese waren mit 1,7 Kilo Sprengstoff gefüllt, detonierten beim Aufschlag und zerstörten alles im Umkreis von etwa fünfzig Metern.

Kampfmittelbeseitigerin Bettina Jurga, die am Sonntagabend in Kühlgrün vor Ort war, gibt Johannes Rausch in seiner Deutung der Außenhaut der Munition recht: Die Granate war tatsächlich abgefeuert worden. Aber - und dieser Denkfehler hätte fatale Folgen haben können - sie war deswegen nicht ungefährlich. Im Gegenteil: Erst durch den Abschuss wird bei dieser Geschützmunition der vorher gesicherte Zünder scharf. Wenn er nicht durch den Aufschlag ausgelöst wird, dann bleibt er das auch - selbst über Jahrzehnte.

"So ein Fund ist immer gefährlich", sagt Jurga. "Jedes Mal, wenn jemand Munition findet, besteht die Möglichkeit, dass etwas Schlimmes passiert." Der Freizeit-Trend der Schatzsuche mittels Metalldetektoren fördere immer mehr alte Sprengkörper zutage. "Die Hobby-Sondler wissen oft nicht, womit sie es da zu tun haben", sagt die Kampfmittelbeseitigerin. Eindringlich formuliert sie die einzig richtige Verhaltensregel. "Egal welche Munition gefunden wird: Alles dort liegen lassen, wo es liegt! Nicht freilegen! Nicht ausgraben! Nicht bewegen! Abstand halten! Und sofort die Polizei rufen!"

Sie und ihre Kollegen in den drei bayerischen Standorten der professionellen Kampfmittelbeseitigung rückten "lieber ein Mal mehr aus, als ein Mal zu wenig". Die Entscheidung der jungen Männer, die Granate auszugraben und hundert Meter durch den Wald zu tragen, hätte für beide tödlich enden können. "Was die gemacht haben, war schon sehr, sehr wahnsinnig", sagt Bettina Jurga.

Nachdem die Spezialistin die Zündnadel gesichert hatte, konnte die Granate am Sonntagabend gefahrlos verladen werden. Sie wurde zum Sprengkommando nach München transportiert und dort fachgerecht vernichtet.

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Rainer Maier
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Veröffentlicht am:
13. 10. 2019
16:14 Uhr

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Rainer Maier

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13. 10. 2019
16:14 Uhr



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