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Mitten in der Klimakrise

Naturschutz-Urgestein Hubert Weiger spricht in Bad Alexandersbad über ökologische Wege in die Zukunft. Die Fridays-for-Future-Bewegung sieht er positiv.



Professor Dr. Hubert Weiger (links, mit dem stellvertretenden EBZ-Leiter Dr. Johannes Twisselmann) ist seit Jahren gern gesehener Gast im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad. Foto: Rainer Maier
Professor Dr. Hubert Weiger (links, mit dem stellvertretenden EBZ-Leiter Dr. Johannes Twisselmann) ist seit Jahren gern gesehener Gast im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad. Foto: Rainer Maier  

Bad Alexandersbad - "Niemand kann mehr daran zweifeln, dass wir uns mitten in der Klimakrise befinden. Das ist Fakt." Hubert Weiger lässt bei diesem Thema keinen Raum für Interpretation. Er wählt auch seine Worte ganz bewusst: Weiger spricht von Klimakrise, wo andere noch von Klimawandel reden. Und den Trumps dieser Welt sagt er: "99 Prozent der Klimawissenschaftler sind sich einig, dass die Ursache dafür wir Menschen sind."

Professor Dr. Hubert Weiger ist ein Urgestein der Naturschutz-Bewegung. 1975 war er Gründungsmitglied des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), von 2007 bis zum vergangenen Samstag hat er ihn als Vorsitzender geleitet. Von 2002 bis 2018 war er auch Vorsitzender des Bundes Naturschutz (BN) in Bayern. Der 72-jährige promovierte Forstwirt hat seine Führungsämter abgegeben. Beim BUND folgte ihm Olaf Bandt nach, beim BN Richard Mergner, der ihn zum Fachseminar "Energiewende vor Ort - Was Kommunen und Bürger jetzt tun können" ans Evangelische Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad (EBZ) begleitet hat.

Ein fesselnder Redner ist Weiger auch ohne Spitzenamt: Engagiert spricht er am Dienstagabend über "Klimaschutz - eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe".

Gleich zu Beginn macht Weiger deutlich, dass es zwar derzeit eine sehr intensive Klimadiskussion gebe, dass aber konkret nur wenig passiere, um weltweit die klimaschädlichen Treibhausgase massiv zu reduzieren. Selbstgesteckte Ziele der Bundesregierung würden regelmäßig verfehlt, Absichtserklärungen aus dem Kanzleramt seien noch kein Gesetz, auf dessen Einhaltung man pochen könne. Er freue sich darauf, dass ein Klimaschutz-Gesetz komme - und sei es auch noch so unzureichend. "Denn dann kann man die dort formulierten Ziele einklagen." Der Natur- und Umweltschutz in Deutschland, erinnert Weiger, sei durch erfolgreiche Klagen vor den Gerichten entscheidend vorangebracht worden.

Positiv sieht der Redner auch, dass ein Klimaschutz-Gesetz eine klare Definition von Sektoren-Zielen beinhalten und exakte Marken für Treibhausgas-Emissionen zum Beispiel im Bereich Verkehr oder im Bereich Energieerzeugung setzen werde. "Das führt zu einer Ressort-Verantwortlichkeit. Damit ist das Schwarze-Peter-Spiel im Bundeskabinett beendet." Auch Umweltministerin Svenja Schulze könne von ihren Kollegen dann endlich konkrete Umsetzung einfordern.

Die von der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg angestoßene Fridays-for-Future-Bewegung hat Weiger beeindruckt. Vor allem, weil sie über viele Monate hinweg beständig Protestierende auf die Straßen brachte und bringt. "Für mich ist das ein kleines Wunder", sagt der langjährige BUND-Vorsitzende. "Wir Älteren müssen die jungen Leute ermuntern durchzuhalten." Greta Thunberg habe allen klar gemacht: Noch können wir handeln, die Alternativen sind vorhanden. Aber: Wir müssen sie jetzt nutzen! Der von unten aufgebaute demokratische Druck auf die politischen Entscheidungsträger werde immer größer. Und die werden nach Weigers Erfahrung handeln, "wenn die Angst, nicht mehr gewählt zu werden, zu groß wird".

Dank der Fridays-for-Future-Bewegung werde auch in den Familien jetzt ein ganz anderer Dialog geführt. "Die Kinder erziehen ihre Eltern", sagt Hubert Weiger. "Und das ist gut so." Wer im Kindergarten Abfalltrennung lerne, lasse auch zu Hause nicht zu, dass einfach aller Müll zusammengeschmissen wird. Wenn er diese kleinen Umweltschützer sehe, dann wisse er, dass seine Hoffnung für die Zukunft berechtigt ist, sagt der 72-Jährige.

Neben den Familien seien die Kommunen der entscheidende Handlungsraum für Klimaschutz-Maßnahmen. Deshalb freut sich Hubert Weiger, dass das Fachseminar vom BUND in Zusammenarbeit mit dem bayerischen Gemeindetag und dem Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement Bayern ausgerichtet wird. "In Bayern haben wir für unsere Aktionen ein hohes Mitmach-Potenzial in der Bevölkerung."

Wie dramatisch die Klimakrise in das Leben aller Menschen auf dieser Erde eingreifen werde, verdeutlicht er an einigen Beispielen. Durch die Erwärmung der Weltmeere werden demnach neunzig Prozent aller Korallenriffe, schützende Kinderstuben vieler Fische, absterben. "In der Folge wird eine Milliarde Menschen ihre Nahrungsgrundlage verlieren." Jetzt gelte es, "den nächsten Anschlag der großen Konzerne auf die Natur" zu verhindern und nicht zuzulassen, dass Bodenschätze in der Tiefsee abgebaut werden.

Schwere Folgen werde auch das Abschmelzen der Gletscher weltweit haben. An der trockenen Westküste Südamerikas, zum Beispiel, seien die Wasservorräte der Anden-Gletscher existenziell für die Menschen.

Auch in Deutschland werde die Lage immer dramatischer. Nie zuvor gesehene Sandstürme tobten über Norddeutschland hinweg, auf dem Rhein habe im Trockensommer 2018 zum ersten Mal die Schifffahrt komplett eingestellt werden müssen, durch die Elbe bei Dresden habe man hindurchwaten können und sei kaum bis übers Knie nass geworden.

Die Trockenheit lasse auch die Wälder sterben. 200 000 Hektar umfasse die Fläche toter Bäume deutschlandweit. "Es sind gruselige Bilder, etwa im Harz: hektarweise abgestorbene Fichtenwälder." Erstmals sehe man auch Schäden an Kiefern und Buchen, Baumarten, die eigentlich gut mit Trockenheit umgehen können.

Auf der anderen Seite gebe es jetzt "singuläre Niederschlagsereignisse", auf kleine Areale begrenzte Starkregen von ungekanntem Ausmaß. Weiger: "Es wird genau das Realität, was die Klimaforscher seit Jahrzehnten voraussagen." Und die Emissionen von heute würden ihre klimaverändernde Wirkung erst in Jahren entfalten. Pro Kopf sei die Bundesrepublik noch immer das Land mit dem vierthöchsten Ausstoß an Treibhausgasen, vor allem wegen der Stromgewinnung aus Braunkohle, "der umweltschädlichsten Energiequelle überhaupt". Hubert Weiger sagt, er habe in der sogenannten Kohlekommission mitgearbeitet. Aber was jetzt als Handlungsvorschlag aus dem Wirtschaftsministerium komme, sei "von unseren Empfehlungen meilenweit entfernt".

Autor

Rainer Maier
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Veröffentlicht am:
13. 11. 2019
18:02 Uhr

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Rainer Maier

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13. 11. 2019
18:02 Uhr



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