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Hof

Das Missbrauchsopfer, das selber hilft

Tamara Luding arbeitet mittlerweile ganz eng mit dem Familienministerium zusammen. Nun hat sie einen der größten Kongresse der Welt für Opfer sexueller Gewalt mitorganisiert.



Tamara Luding steht für die Rechte von Missbrauchsopfern auf. Um mehr zu erreichen, hat sie ihre Heimatstadt Hof verlassen und arbeitet nun hauptsächlich in Berlin.
Tamara Luding steht für die Rechte von Missbrauchsopfern auf. Um mehr zu erreichen, hat sie ihre Heimatstadt Hof verlassen und arbeitet nun hauptsächlich in Berlin.  

Hof/Berlin - Wenn heute und morgen in Berlin beim Kongress "MitSprache", Menschen zusammenkommen, die als Kind oder Jugendlicher Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, wird auch Tamara Luding aus Hof dabei sein. Sie ist eines von 14 Mitgliedern des Betroffenenrats, der den Kongress ausrichtet, Vorsitzende der Hofer Schutzhöhle - und selbst Betroffene.

Kontakt

Betroffene finden entweder bei Beratungsstellen und/oder telefonisch unter der 0800/2255530 oder Frauen unter der 0800/116016 Hilfe. Ratsuchende können ihre Fragen kostenfrei und jederzeit anonym stellen. Die Beratung erfolgt immer vertraulich und der Schutz der persönlichen Daten ist zu jedem Zeitpunkt gewährleistet.

 

Stadt weist Vorwürfe zurück

Die Stadt Hof hat gestern auf Anfrage die Vorwürfe, sie habe die Schutzhöhle nicht unterstützen wollen, zurückgewiesen. Pressesprecher Rainer Krauß betonte: Mehrfach habe die Stadt ihre grundsätzliche Offenheit zur Unterstützung signalisiert. "Natürlich aber muss sorgsam mit Geldern des Steuerzahlers umgegangen werden." Deshalb seien von der Schutzhöhle tragfähige Konzepte und nachvollziehbare Leistungsbilanzen eingefordert worden. "All dies ist die Schutzhöhle bis heute leider schuldig geblieben. Natürlich aber sind wir jederzeit für neue Gespräche oder Informationen zugänglich. Der Eindruck aber, dass die Stadt Hof eine Unterstützung nicht geprüft hätte, ist schlicht falsch."

 

 

250 Betroffene und Unterstützer aus verschiedenen Ländern werden zum Kongress kommen. Workshops sollen den Teilnehmern Räume öffnen, um sich über Erfahrungen auszutauschen, politische Entscheidungen kritisch zu beleuchten und Forderungen an die Politik zu stellen. Tamara Luding wird mit "Selbsthilfe/Selbstversorgung" selbst so einen Kurs anbieten. Es gehe vor allem um den Austausch. "Die Menschen tauschen sich untereinander aus, welche Methoden ihnen über schlechte Tage hinweg helfen, andere können das vielleicht für sich übernehmen oder sich vernetzen", erklärt Tamara Luding. "Das ist wie eine persönliche Werkzeugkiste, an der sich die Betroffenen bedienen können."

 

Beim Kongress im vergangenen Jahr, dem ersten seiner Art, waren 220 Menschen zusammengekommen. "Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, was für eine Energie in dem Raum herrschte und wie viel Power Menschen mit solchen Geschichten haben, wenn sie sich gut aufgehoben fühlen." Auch außerhalb des Kongresses hat sich Tamara Luding der Betroffenenhilfe verschrieben. Montags arbeitet sie in Hof als Traumapädagogin in der Schutzhöhle. Den Rest der Woche ist sie in Berlin, arbeitet als Referentin für den Bereich Vernetzung der Bundeskoordinierungsstelle spezialisierter Fachberatung zum Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend (BKSF). Zudem arbeitet sie ehrenamtlich für den Betroffenenrat, berät Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSK), und bringt ihre Expertise ein, und ist freiberuflich als Referentin tätig. Ihre Hauptanliegen: Präventionsarbeit in Kitas und Schulen, das Thema sexualisierte Gewalt zum Gegenstand der Ausbildung in sozialen Berufen zu machen und, allen voran, die gesicherte Finanzierung der Fachberatungsstellen. "Einrichtungen wie die Schutzhöhle hatten nie eine sichere Finanzierung. Dass ein Land wie Deutschland Opfer von sexuellem Missbrauch im Regen stehen lässt, ist skandalös." In Deutschland gehe man von sieben bis acht Millionen Betroffenen aus, das seien mehr als an Diabetes Erkrankte. Bundesweit gebe es nicht einmal 400 Fachberatungsstellen für Opfer von Missbrauch, damit könne man keine flächendeckende Versorgung sicherstellen. Als Minimalausstattung fordert Luding daher auf 20 000 Einwohner 2,5 Stellen in den Einrichtungen. "2,5 Stellen deshalb, weil die Kollegen zusammenarbeiten und sich auch untereinander mal austauschen müssen, die halbe Stelle ist für Verwaltungsaufgaben gedacht", erklärt sie. Momentan müssten das die Berater selbst übernehmen und jeden Cent erbetteln. "Ich liebe meinen Job, aber es ist heftig, wie wenig Anerkennung wir bekommen."

Enttäuscht ist Tamara Luding auch von der Stadt Hof. "Die Stadt hat kein Interesse gezeigt, auf die Schutzhöhle zuzugehen und uns finanziell zu unterstützen. Elf Jahre gibt es uns nun, zum Sommerfest haben wir eingeladen, aber kein Vertreter der Stadt kam." Der Hauptgrund für sie, nach Berlin zu gehen. "Ich hatte das Gefühl, dass ich in Hof keinen Meter vorankomme. Von Berlin aus kann ich viel mehr verändern", begründet Luding. Ganz zurück in die Saalestadt zu kommen, das kann sie sich nicht vorstellen. "Aber ich wünsche mir, dass die Leute in meiner Heimatstadt das Thema sexualisierte Gewalt mehr auf dem Schirm haben und meine Kollegen in der Schutzhöhle unterstützen."

Von Berlin aus habe der Betroffenenrat schon einiges erreichen können. "Wir haben schon mit Familienministerin Giffey gesprochen, sie hat sich viel Zeit genommen." Auch habe man schon einige Projekte anstoßen können, die Initiative "Schule gegen sexuelle Gewalt" hat Tamara Luding sogar mitkonzepiert.

Doch wie erkennt man als Elternteil, Nachbar oder Lehrer, dass ein Kind Opfer sexuellen Missbrauchs wird? "Es ist wichtig, genauer hinzuschauen, wenn sich ein Kind oder ein Jugendlicher sehr verändert", erklärt Tamara Luding. Man solle nicht alle unter Generalverdacht stellen, aber auch mal den Gedanken zulassen, dass Missbrauch der Grund sein kann. Die Zahlen machen deutlich, wie wichtig das ist: Statistisch gesehen sitzen in Deutschland in jeder Klasse ein bis zwei Schüler, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind oder noch immer sind. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht europaweit von rund 18 Millionen betroffenen Minderjährigen aus.

"Ich denke, dass viele Menschen schon die Courage hätten, in einem solchen Fall einzugreifen, aber viele sind eben wahnsinnig schlecht informiert", sagt Tamara Luding. Nicht zuletzt deswegen sei Aufklärung unerlässlich. Hilfe können die Helfer im Ernstfall unter anderem am Hilfetelefon bekommen - aber auch bei Beratungsstellen wie der Schutzhöhle.

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Laura Schmidt
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Veröffentlicht am:
13. 09. 2018
19:18 Uhr

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13. 09. 2018
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