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Der Fluchtballon liegt unter Glas

Seit über drei Monaten ist der Fluchtballon in Regensburg zu sehen. Wie ihn das Museum der Bayerischen Geschichte präsentiert, gefällt in Naila aber nicht jedem.



Ein großer, weißer Glaskasten, ein Sichtfenster und ein Stück bunter Stoff: So präsentiert das Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg den Fluchtballon aus Naila. Foto: Susanne Glas
Ein großer, weißer Glaskasten, ein Sichtfenster und ein Stück bunter Stoff: So präsentiert das Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg den Fluchtballon aus Naila. Foto: Susanne Glas  

Naila/Regensburg - Soll man den Fluchtballon für das neue Museum der Bayerischen Geschichte hergeben oder nicht? Diese Frage hat die Nailaer jahrelang umgetrieben und war Gegenstand vieler emotionaler Debatten im Stadtrat. Immerhin handelte es sich um ein Exponat, dessen Geschichte auf der Sensations-Skala schwer zu toppen ist: 1979 hat der Ballon zwei Familien aus der DDR in den Westen getragen. Seitdem war er fester Bestandteil des Nailaer Museums. Wie die Diskussion ausging, ist bekannt: Seit Juni dieses Jahres ist der Ballon in Regensburg zu sehen - und darf getrost als Magnet bezeichnet werden.

"Zugegeben, ich hatte tatsächlich ein bisschen mehr erwartet", räumt Harry Kurz ein, Künstler und Mitarbeiter des Nailaer Museums. Er war zur Eröffnung Anfang Juni in Regensburg - und ein bisschen enttäuscht. Allerdings, sagt er, seien den Machern des Museums die Hände gebunden gewesen. "Anfangs war ja geplant, den Ballon in voller Größe in der Eingangshalle aufzuhängen. Da, wo jetzt der Löwe als Wahrzeichen Bayerns steht", erinnert sich Kurz. Dafür sei der Stoff aber mittlerweile viel zu porös. Jahrelang hing er im Treppenhaus des Nailaer Museums und sei dort auch Sonnenlicht ausgesetzt gewesen. Unter der Glasplatte in Regensburg sei der Stoff jetzt bestens konserviert und vor weiterer Zersetzung geschützt. "Das werden wir in Naila sicher genauso machen müssen, wenn er erst wieder da ist", sagt Harry Kurz - und nimmt die Antwort auf die nächste Frage gleich vorweg: "Nein, es steht noch nicht fest, wann der Ballon wieder nach Naila zurückkommt."

Er sei eine "Leihgabe auf Zeit", ohne dass ein genaues Rückgabe-Datum feststeht. Wann das sein wird, hängt laut Kurz auch davon ab, wie die Pläne für das frühere Weka-Kaufhaus voranschreiten. Dort soll bekanntlich eine Art kulturelles Zentrum entstehen, in das - womöglich - auch der Ballon einziehen könnte.

Bis es so weit ist, hilft Kurz, die Ballon-Abteilung im Regensburger Museum noch ein bisschen aufzupeppen. "Wir haben extra ein Foto vom Landungsplatz beigesteuert, das als Hintergrund dienen soll. Wie das Museum mitteilt, ist das Foto mittlerweile bereits in die Dauerausstellung integriert.

Blick in die Geschichte

"Sind wir schon im Westen?" Mit dieser Frage endete am frühen Morgen des 16. September 1979 für zwei Familien die wohl spektakulärste Flucht aus der damaligen DDR. In der Nacht waren zwei Ehepaare und vier Kinder mit einem selbst gebauten Heißluftballon vom thüringischen Pößneck aus über die innerdeutsche Grenze geflogen und in einem Waldstück bei Naila gelandet.

 

Jahrelang hatten Günter Wetzel und der inzwischen verstorbene Peter Strelzyk an der Konstruktion gebastelt und bereits im Juli 1979 einen ersten Versuch gewagt. Als der schief ging, war Eile geboten, denn die Behörden waren den Republikflüchtlingen auf der Spur.

 

Laut Günter Wetzels brachen die beiden Familien schon kurz nach der Flucht den Kontakt zueinander ab. Peter Strelzyk eröffnete ein Elektrofachgeschäft in Bad Kissingen, Günter Wetzel wurde Kfz-Meister in der Nähe von Hof.

 

Die Hülle des Ballons, mit dem die Flucht schließlich gelang, ist 28 Meter noch und 20 Meter breit. Sie besteht aus vier verschiedenen Stoffen: Regenschirmseide, Taftstoff, Zeltnylon und Bettlaken. Die Gondel, in der neben den acht Personen vier Gasbehälter Platz finden mussten, misst 1,40 mal 1,40 Meter und ist umgeben von einem 80 Zentimeter hohen Gelände aus Wäscheleine.

 

Die Flucht wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 2018 von Kult-Regisseur Bully Herbig im Film "Ballon".

 

250 000 Besucher sind dort bereits durch die Bayerische Geschichte flaniert - nicht zuletzt wegen des "Objekts Nummer 1", wie der Ballon auf der Homepage genannt wird.

 

Und dennoch, der eine oder andere wird enttäuscht sein: Mehr als ein Stück Stoff unter einer Glasplatte ist nicht zu sehen. Darüber hängt die Original-Gondel.

Vom Jahr 1800 bis 1970 - so weit müssen sich die Besucher durch die bayerische Geschichte graben, um beim Ballon zu landen. Der spektakulären Flucht, eingebettet in die Epoche 1970 bis 1990, ist zwar eine große Ecke gewidmet, in voller Schönheit oder ganzer Länge ist der Ballon aber nicht zu sehen. Dabei war es einst genau das, warum man ihn in Naila hergegeben hat.

Wolfgang Brügel, der Leiter des Nailaer Museums, war selbst zwar noch nicht in Regensburg, bezeichnet sich aber als "heißen Befürworter" der Dauerleihgabe: "Zugang zu den großen, gehaltvollen Einrichtungen in Oberfranken zu bekommen, ist das, was wir brauchen." Mit dem Haus der Bayerischen Geschichte habe man, was den Ballon betrifft, stets auf "höchstem Niveau" zusammengearbeitet. "Man hat uns auserwählt, eine bestimmte Zeitspanne der bayerischen Geschichte zu repräsentieren. Und ich bin sicher, dass es kaum ein geeigneteres Exponat für die Jahre 1970 bis 1990 gibt als den Ballon." Brügel freut sich, dass es der Ballon sogar auf das Eröffnungsplakat geschafft hat - direkt in der linken Pranke des Bayerischen Löwen.

Dennoch. Ganz verstummt seien die kritischen Stimmen in Naila nicht. "Ich höre hier im Museum bis heute oft die Leute darüber klagen, wie man den Ballon nur habe weggeben können", erzählt der Museumsleiter - und fügt nicht ohne Stolz an: "Aber wir wurden ja nicht dazu verdammt, sondern erfahren durch diese Kooperation auf sehr hoher Ebene eine fantastische Werbung für unsere Stadt."

 
Autor

Susanne Glas, Manfred Köhler
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
15. 09. 2019
18:42 Uhr

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Autor

Susanne Glas, Manfred Köhler

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Veröffentlicht am:
15. 09. 2019
18:42 Uhr



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