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Der Hofer Gegenentwurf zum Hass

Antisemitismus im Land nimmt wieder zu, die Hofer Jugend hält dagegen. Und findet wortgewaltige Mitstreiter ebenso wie solche, denen es um versöhnliche Töne geht.



Gespannte Blicke, mitfühlen, nachdenken: Die Präsentation der Beiträge in Form kurzer Video-Clips hinterlässt Eindruck bei den Gästen der Preisverleihung - ebenso wie die Beiträge selbst.
Gespannte Blicke, mitfühlen, nachdenken: Die Präsentation der Beiträge in Form kurzer Video-Clips hinterlässt Eindruck bei den Gästen der Preisverleihung - ebenso wie die Beiträge selbst.   Foto: Jochen Bake » zu den Bildern

Hof - "Ja, die Mutter hätte ihre Freude an dem Abend hier gehabt", sagt Susana Hoffmann. "Sie hatte immer einen leichten Zugang zur Jugend, und das hier hätte sie sehr glücklich gemacht. Dafür meine große Anerkennung: Bitte gebt diese Botschaften und diese Einstellung weiter!" Susanna Hoffmann und ihr Mann sind am Donnerstag als Ehrengäste nach Hof gereist; fürs Kurzinterview mit Moderator Florian Spieler hatte sie sich einige wohlüberlegte Worte zurechtgelegt: "Vergessen ist nie eine Option!", mahnte sie. Und verwies in ruhigen Worten darauf, dass die Schatten der Vergangenheit ihre Mutter vor allem in ihren letzten Lebensjahren eingeholt hätten. Der Name der Mutter, die 2012 in einem Altenheim nahe München gestorben ist, ist in diesem Jahr vielen Hofern bekannt geworden: Käthe Franken. Die Tochter eines jüdischen Ladenbesitzers in der Ludwigstraße überlebte Getto und KZ; vielen Mitgliedern ihrer Familie war das nicht vergönnt. Damit sich der Holocaust nicht wiederholen kann, hatten sich über die vergangenen Monate hinweg unglaublich viele Engagierte mit dem Thema Antisemitismus befasst. Der Donnerstag war der Höhepunkt der immensen Bemühungen - und er war mehr als ein Lichtblick in ziemlich düsterer Umgebung.

Zehn Beiträge, zehn Preise - und drei obendrauf

Drei Sonderpreise für besonders beeindruckende Beiträge sind am Donnerstag vergeben worden:

Das Schiller-Gymnasium erhielt den Preis der Stadt Hof für seinen "Audioguide - eine thematische Stadtführung durch Hof in vier Sprachen".

Das Reinhart-Gymnasium erhielt einen Sonderpreis der Jury für den einfühlsamsten Beitrag: Es hatte sich dem Thema aus vielen künstlerischen Perspektiven genähert.

Die Münster-Mittelschule bekam einen Sonderpreis der Jury für die höchste Beteiligung von Schülern und das Gesamtkonzept - entstanden sind zwei packende Hörspiele. Zusätzlich dazu räumte die Schule mit einem Themenabend Antisemitismus den Preis für den "Beitrag mit dem vielseitigsten Konzept von damals bis heute" ein.

Die Hofecker Schule erhielt den Preis für den Beitrag mit dem leichtesten Zugang bei geringen Deutschkenntnissen; sie hatte eine Fotoausstellung samt Hintergrund-Infos mit QR-Codes gestaltet.

Die Seminararbeit "Hof - (K)eine Heimat für Juden" von BOS-Schülerin Veronica Tschampel erhielt den Preis für die Arbeit mit dem größten Gegenwartsbezug: Sie hatte unter anderem die Hofer zu Antisemitismus befragt.

Die Christian-Wolfrum-Schule war mit zwei Beiträgen ins Rennen gegangen. Für ein Projekt mit fiktiven Tagebucheinträgen erhielt sie den Preis für die persönlichste Perspektive. Zudem hatte sie Jugendliche der Israelitischen Kultusgemeinde zu sich in den Unterricht eingeladen: Für die Juroren war das der Beitrag, der die jüdische Schülerperspektive heute am besten zeigt.

Das Jean-Paul-Gymnasium erhielt für sein Filmprojekt die Auszeichnung zum "Beitrag mit der anspruchsvollsten Idee und Quellenarbeit".

Mustafa Alabboud von der VHS Hofer Land hatte Unterrichtseinheiten zum Thema für Sprachkurse entwickelt: Die Jury vergab dafür den Preis für den Beitrag aus muslimischer Flüchtlingsperspektive für Flüchtlinge.

Die Berufsvorbereitungsklasse der VHS bekam die Auszeichnung "Der handfeste Beitrag": Die Teilnehmer hatten Schmiedearbeiten und Collagen gestaltet.

"Das Problem heißt: Antisemitismus": So ist ein Schülerwettbewerb überschrieben gewesen, den die Hermann-und-Bertl-Müller-Stiftung Anfang des Jahres ausgelobt hatte. Wie berichtet, hatten acht Hofer Schulen insgesamt zehn Beiträge eingereicht: von Collage bis Videoclip, von App bis Unterrichtseinheit, von Schmiede-Arbeit bis Interview-Projekt. Eine Jury hatte die Beiträge bewertet und klassifiziert. Am Donnerstag haben die Stiftung und die VHS Hofer Land, die die Organisation übernommen hatte, zur Preisverleihung ins neue VHS-Gebäude eingeladen. So nahmen die Schüler und Lehrer ihre Auszeichnungen vor 130 geladenen Gästen und in besonders würdigem Rahmen entgegen - begleitet von vielen ganz eindeutigen Botschaften.

 

"Die Beiträge haben allesamt die Erwartungen weit übertroffen", erklärte gleich eingangs Moderator Florian Spieler. So hatte die Jury - neben drei Sonderpreisen für besonders herausragende Projekte - jeder Gruppe einen Preis in einer eigenen Kategorie zugesprochen, allesamt versehen mit Urkunden und Geldpreisen. Das war als bewusste Anerkennung und Motivation gedacht, betonte Stiftungsvorsitzende Dr. Gisela Strunz. Denn manchmal möchte man schon an der Menschheit zweifeln: "Deutschland hat aus der Geschichte nichts gelernt", sagte sie mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen. Doch da Reden bei manch Älterem eh keinen Sinn mehr habe, habe man sich an die Jugend gewandt.

Darauf stieg auch Oberbürgermeister Dr. Harald Fichtner ein, der ein flammendes Plädoyer für eine bessere Verständniskultur hielt. "Wenn man sich ansieht, was die geistigen Brandstifter von AfD und Co. an Aufwind bekommen, kann man gar nicht genug tun, um die Wehrhaftigkeit der Demokratie zu stützen." Er sei stolz, dass in Hof derart viel für eine gemeinsame Verständniskultur getan werde, und freue sich, dass die Jugend das fortführe.

Dr. Jakob Gonczarowski, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Hof, verlas ein Grußwort von Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland; jener hatte für ein Treffen mit US-Minister Pompeo kurzfristig absagen müssen. "Der Antisemitismus in Deutschland ist nicht, wie viele glaube, 2015 neu entstanden: Denn zunächst einmal sind seitdem viele Menschen ins Land gekommen, die hier Schutz suchen." Doch sei er leider hier auf fruchtbaren Boden gefallen. So sprach er den Hofer Schülern seine Hochachtung aus.

Dr. Ludwig Spaenle, Antisemitismus-Beauftragter der Landesregierung, appellierte dazu, sich ganz aktiv über jüdisches Leben im Land zu freuen. "Das hier in Hof ist einzigartig, es ist ein Anlauf für einen Gegenentwurf zum Antisemitismus - und der ist die Pest dieses Landes!", sagte Spaenle. "Seine Fratze zeigt sich in neuer Frechheit, auf den Schulhöfen, auf der Straße, in den ‚asozialen Netzwerken‘." Es habe sich etwas verändert im Land, die Tabugrenzen seien verschoben worden - wie schlimm es um die geistige Verrottung mancher stehe, hätte das Attentat von Halle gezeigt. "Das darf uns nicht ruhen lassen, dagegen anzukämpfen."

Das griff auch Cigdem Toprak auf; sie publiziert in zahlreichen überregionalen Medien Gedanken zum Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen. Antisemitismus sei heimtückisch, da er überall auftreten könne - in der vermeintlich naiven Alltagssprache ebenso wie in politischen Diskussionen. Umso mehr dankte sie den Schülern und Lehrern für die Zeit, das Herzblut und den Mut, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Toprak: "Wenn Antisemitismus Alltag ist, muss der Kampf dagegen auch zum Alltag werden." In Hof hat man dafür mehr als den ersten Schritt getan.

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Christoph Plass

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Veröffentlicht am:
09. 11. 2019
00:00 Uhr

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Christoph Plass

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Veröffentlicht am:
09. 11. 2019
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