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Hof

Diagnose vom Arzt kommt per SMS

Kann man sich bald den Arztbesuch sparen, indem man mit ihm per Video kommuniziert? In Hochfranken heißt das Pilotprojekt "E-Nurse". Doch es gibt kritische Stimmen.



So geht Telemedizin: Das Arzt-Patienten-Gespräch findet über den Laptop statt. Der Bayerische Ärztetag hat den Weg freigemacht für mehr Telemedizin in Bayern. Foto: Archiv/Sebastian Gollnow/dpa
So geht Telemedizin: Das Arzt-Patienten-Gespräch findet über den Laptop statt. Der Bayerische Ärztetag hat den Weg freigemacht für mehr Telemedizin in Bayern. Foto: Archiv/Sebastian Gollnow/dpa  

Hof/Landkreis - Arztsprechstunde per Videoschaltung, Datenübermittlung statt Hausbesuch: Die Digitalisierung hat inzwischen Einfluss auf fast alle Lebensbereiche, auch auf unsere medizinische Versorgung. In der sogenannten Telemedizin sehen Krankenkassen und Gesundheitsministerium eine Lösung gegen den immer gravierender werdenden Ärztemangel auf dem Land. Der Bayerische Ärztetag hat nun den Weg für Fernbehandlungen freigemacht. Ärzte aus der Region sehen aber auch Risiken.

In Stadt und Landkreis Hof sowie im Landkreis Wunsiedel wird die Telemedizin bereits getestet. Vor etwa einem Jahr startete das Pilotprojekt "E-Nurse" der Unternehmung Gesundheit Hochfranken (UGHO). Gefördert wird es vom Bayerischen Gesundheitsministerium. Beim Projekt besucht eine speziell ausgebildete medizinische Fachkraft im Auftrag von zehn Arztpraxen Patienten zu Hause. Sie misst Blutdruck und Blutzucker, kümmert sich um Verbände, kontrolliert das Gewicht von Patienten, kann Ruhe-EKGs machen - wie bei einem normalen Hausbesuch auch. Allerdings kann die Fachkraft die Daten sofort online an den Arzt übermitteln oder sogar ein direktes Arzt-Patienten-Gespräch am Laptop ermöglichen. "Wir und auch die Patienten sind damit sehr zufrieden", zieht UGHO-Prokuristin Alexandra Eichner Zwischenbilanz. Die E-Nurse, vom englischen Wort "nurse" für Krankenschwester, habe für die Patienten mehr Zeit als ein Arzt; die Ärzte wiederum sparten sich Hausbesuche bei Patienten, die nicht selbst in die Praxis kommen können.

Der Deutsche Ärztetag hatte Mitte Mai für eine Lockerung des Fernbehandlungsverbotes gestimmt, die Landesärztekammer Bayern hat das nun übernommen. Heißt im Klartext: Ärzte dürfen Patienten auch ausschließlich über Videochat, SMS und ähnliche Kommunikationswege behandeln - wenn sie das denn für vertretbar halten. Die Berufsordnung zumindest erlaubt es ihnen jetzt. Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml sieht in der Telemedizin ein Mittel, um "regionale Versorgungsunterschiede zwischen Stadt und Land auszugleichen", die AOK Bayern verspricht sich mehr Effizienz und Qualität der medizinischen Leistung und sieht eine Chance für den ländlichen Raum.

Dr. Petra Reis-Berkowicz, oberfränkische Bezirksvorsitzende des Hausärzteverbands, sieht das Votum des Ärztetags allerdings mit gemischten Gefühlen. Einerseits sei das ein notwendiger Schritt gewesen, weil die bisherige Nutzung von Telemedizin durch niedergelassene Ärzte nicht mit der alten Berufsordnung in Einklang gestanden habe. Telemedizin sei sinnvoll, wenn es zum Beispiel darum gehe, Bilder oder Daten von Patienten ärztlichen Kollegen zu übermitteln, um ihre Meinung einzuholen. Oder um Daten aus dem Rettungswagen schnell an eine Klinik zu senden. Ein Mittel gegen den Ärztemangel auf dem Land sieht sie in der Telemedizin aber nicht. "Mein Mann und ich arbeiten schon jetzt an der Kapazitätsgrenze", sagt die in Gefrees praktizierende Medizinerin. "Wenn ich noch mehr machen soll, zum Beispiel Sprechstunde per Bildtelefon, ginge das zulasten meiner anderen Patienten." Eine Videosprechstunde könne keinesfalls den "geschützten Vertrauensraum" zwischen Arzt und Patienten ersetzen, sagt Reis-Berkowicz: "Als Arzt setze ich bei der Diagnose und Behandlung alle meine Sinne ein, auch Tasten, Riechen und Fühlen. Am Bildtelefon kann man aber nur sehen und hören."

Auch Dr. Christoph Münch aus Hof, Bezirksdelegierter beim Hausärzteverband und praktizierender Arzt, äußert Bedenken. "Da sind noch so viele Fragestellungen offen", sagt er. Nicht zuletzt die Datenschutzgrundverordnung mache es schwer, die Telemedizin zu verwirklichen. "Das ist gar nicht so einfach. Selbst wenn ich Bilder von Patienten oder Dokumente über ihren Zustand weiterschicke - ist das sicher vor Hackern?", gibt er zu bedenken. Doch solche Probleme könne man mit Zeit und Geld lösen. Münch gibt noch etwas anderes zu bedenken: Ist Telemedizin wirklich das, was der Patient sich wünscht? "Natürlich können Prozesse so schneller und effektiver werden. Aber ich glaube nicht, dass es die Grundbedürfnisse von Patienten und Menschen im Allgemeinen befriedigt. Denn sie wollen nicht mit Automaten sprechen, sondern jemandem in die Augen sehen und an die Hand genommen werden - und das suchen sie beim Arzt." Zudem sei es eine Wertschätzung der Patienten, persönlich bedient zu werden. Ein weiteres Problem ist finanzieller Natur. Wie rechnet man eine solche Online-Sprechstunde ab?

Krankenkassen und Ärzte in Deutschland können wohl auf Einsparungen durch Telemedizin hoffen. UGHO-Prokuristin Alexandra Eichner sagt nach einem Jahr mit 600 Hausbesuchen der E-Nurse in Hochfranken, Einsparungen seien durch weniger Arztbesuche, weniger Krankentransporte zum Arzt oder in die Klinik und durch weniger Krankenhausaufenthalte zu erwarten. "Wir merken bereits jetzt: Das Modell rechnet sich."

So soll es nach Auslaufen der Förderung durch das Ministerium weitergeführt und eventuell ausgebaut werden. Eichner: "Wir brauchen eine zweite E-Nurse."

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Peter Rauscher, Laura Schmidt
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
08. 11. 2018
19:18 Uhr

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Peter Rauscher, Laura Schmidt

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08. 11. 2018
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