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Hof

Die Angst vor dem eigenen Spiegelbild

Anne Crassers Fettzellen wuchern unkontrolliert. Das bereitet ihr Schmerzen - körperlich und geistig. Per Schwarmfinanzierung sammelt sie Geld für eine Fettabsaugung.



Wer Anne Crasser gegenübersitzt, sieht ihr das Lipödem kaum an. Unter Kleidung und Kompressionsstrümpfen bleibt das Problem verborgen.	Foto: Schwappacher
Wer Anne Crasser gegenübersitzt, sieht ihr das Lipödem kaum an. Unter Kleidung und Kompressionsstrümpfen bleibt das Problem verborgen. Foto: Schwappacher  

Naila/Hof - Anne Crasser hat Angst vor Umkleidekabinen. Vor denen in Klamottengeschäften ganz besonders. Weil die große Spiegel haben. Und vor ihrem eigenen Spiegelbild fühlt sich die 23-jährige Nailaerin so richtig krank. Denn das Fett an ihren Beinen und an ihren Armen ist außer Kontrolle geraten. Nicht, weil die junge Frau zu viel essen oder sich nicht bewegen würde. Sie leidet unter einem Lipödem, einer krankhaften Fettverteilungsstörung. "Wenn ich meine Beine sehe, werde ich manchmal richtig wütend", gesteht sie. "Ich frage mich dann: Warum muss gerade ich so deformiert sein?"

Der Spendenaufruf

Etwa acht Prozent der Kosten für die Fettabsaugung hat Anne Crasser zusammen. Wer noch helfen möchte, kann das tun unter:

—————

www.leetchi.com/c/annes-kampf-gegen-die-krankheit-lipoedem-spendenaufruf

 

Nun hofft die junge Frau auf das Mitgefühl und die Unterstützung der Masse. Auf der Onlineplattform Leetchi.com hat sie einen Spendenaufruf gestartet. Per Crowdfunding, also Schwarmfinanzierung, möchte sie das Geld für eine Fettabsaugung zusammenbekommen. Die Krankenkasse will dafür nicht aufkommen.

 

Anne studiert im sechsten Semester BWL an der Hochschule Hof. Als Werkstudentin arbeitet sie beim Nailaer Unternehmen Thüga Smartservice. "Ich gebe alles, um mir ein schönes Leben zu gestalten und bin an sich voll und ganz zufrieden mit dem, was ich habe", schreibt sie unter dem Spendenaufruf im Internet. "Leider kommt ein großes ABER." Denn das Lipödem stülpt sich als dicke Fettschicht über alle Bereiche ihres Lebens. Sich davon unterkriegen zu lassen, kommt nicht infrage. Selbst wenn sie über die Krankheit spricht, lächelt die junge Frau einnehmend. Ihre Stimme bleibt ruhig. Wer Anne gegenüber sitzt, sieht ihr das Leiden kaum an. Die Fettpolster bleiben verborgen unter den Kompressionsstrümpfen, die sie Tag für Tag unter der Kleidung tragen muss.

Mit ihrer Krankheit ist sie nicht allein. Schätzungen zufolge leidet jede zehnte Frau in Deutschland unter einem Lipödem. Oft sind die Betroffenen ihr ganzes Leben lang schlank gewesen, bis plötzlich kranke Fettzellen zu wuchern beginnen und sich selbstständig vermehren, vor allem an Oberschenkeln und Oberarmen, Hüfte und Po. Zudem lagert sich Wasser in den erkrankten Bereichen ein, was zu Druckempfindlichkeit und Schmerzen führt.

Dass etwas nicht stimmt, merkt Anne Crasser früh: "Eigentlich schon mit 14." Mit 16 Jahren verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch. "Ich hatte die Antibabypille abgesetzt. Hormonelle Veränderungen im Körper sind meist Auslöser für das Lipödem", erklärt Anne. Rasch bringt sie 20 Kilogramm mehr auf die Waage.

Damit beginnen die Schmerzen. "Ich kann mir nicht normal die Haare föhnen oder in der Uni fünf Minuten am Stück mitschreiben, weil meine Arme wehtun", klagt die junge Frau. "Auch das Treppensteigen ist sehr schmerzhaft." In ihrer Freizeit fährt Anne Motorrad. Als sie im Sommer mit Freunden auf Tour ist, muss sie umkehren und nach Hause fahren. Der Schmerzen wegen. "Ich dachte: Wenn ich nicht einmal mehr Motorrad fahren kann, dann gute Nacht." Phasen starker Niedergeschlagenheit quälen die 23-Jährige.

Das liegt auch an den dummen Kommentaren ihrer Mitmenschen. "Seit Jahren traue ich mich nicht mehr ins Schwimmbad", bekennt die Nailaerin. Einmal habe ein junger Mann in der Disco Witze über ihre Körperfülle gemacht. "Den habe ich zur Seite genommen und gefragt: Hey, was soll das?", erzählt Anne.

Sie geht zum Hausarzt. Doch der erzählt ihr: "Sie sind kerngesund." Anne sucht im Internet nach ihren Beschwerden - und erfährt vom Lipödem. Schnell ist klar: "Die Symptome passen." Allerdings: Um ihr Leiden sicher benennen zu können, muss sie erst bis nach Darmstadt fahren. In der dortigen Hautklinik bekommt sie im März dieses Jahres die Diagnose: Lipödem im Stadium II. Insgesamt kennt die Krankheit vier Stadien. Im Stadium der 23-Jährigen ist die Haut bereits uneben und die Fettstruktur bildet grobe Knoten. Wenn jetzt nichts geschieht, schreitet die Krankheit chronisch fort.

Doch die Krankenkasse zahlt nur die konservative Behandlung, bestehend aus Lymphdrainagen gegen die Wassereinlagerungen und Kompressionsstrümpfen. Eine Fettabsaugung würde 17 100 Euro kosten und sich auf sechs Operationen aufteilen. "Auf einmal würde der Körper das nicht verkraften", erklärt Anne.

Als sie im September das Ablehnungsschreiben der AOK Bayern öffnete, sei das "ein Schlag ins Gesicht" gewesen. Die Kostenübernahme für den Eingriff bewilligen die gesetzlichen Krankenkassen selten. Denn der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen, der festlegt, welche Leistungen die Kassen übernehmen, stuft die Fettabsaugung als Schönheitsoperation ein. Er sieht es nicht als erwiesen an, dass sie einen Nutzen bringt. Immerhin hat das Gremium im Januar eine Studie in Auftrag gegeben, die darüber Klarheit schaffen soll. "Nach der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts sind die Entscheidungen des Ausschusses für die gesetzliche Krankenkasse bindend", heißt es im Ablehnungsschreiben an Anne Crasser.

Gegen die Entscheidung der AOK hat die junge Frau Widerspruch erhoben. Nun heißt es warten. "Die AOK Bayern hat ein ärztliches Gutachten beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) in Auftrag gegeben", heißt es auf Anfrage der Frankenpost vonseiten der Krankenkasse. Näher möchte sich die AOK nicht äußern.

Unterdessen helfen Annes Freunde ihr, nicht zu verzweifeln. "Sie sind meine selbstgewählte Familie", schwärmt die Studentin. Nach dem Gespräch mit der Zeitung möchte sie mit einer Freundin ins Fitnessstudio gehen. Zwar baut Bewegung das Fett an ihren Armen und Beinen nicht ab. Doch: "Es ist wichtig, sich nicht aufzugeben und trotzdem was zu tun", findet Anne.

Autor
Nico Schwappacher

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Veröffentlicht am:
23. 11. 2018
17:54 Uhr

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23. 11. 2018
17:54 Uhr



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