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Ein Jahrhundertleben

Dr. Rudolf Müller ist im Alter von 100 Jahren gestorben. Obwohl er bereits mit Ende vierzig erblindete, leistete er als Oberstaatsanwalt Wegweisendes.



Dr. Rudolf Müller beim Gesprächs-Termin mit dieser Zeitung kurz vor seinem 100. Geburtstag im Februar. Der frühere Oberstaatsanwalt stand für Ausdauer und Kraft, wie ein legendäres Bild zeigt, auf dem er perfekt balancierend die Waage vorführt. Archivfoto: Dankbar
Dr. Rudolf Müller beim Gesprächs-Termin mit dieser Zeitung kurz vor seinem 100. Geburtstag im Februar. Der frühere Oberstaatsanwalt stand für Ausdauer und Kraft, wie ein legendäres Bild zeigt, auf dem er perfekt balancierend die Waage vorführt. Archivfoto: Dankbar  

Hof - Als Dr. Rudolf Müller vor neun Monaten seinen 100. Geburtstag feierte, war das ein berührendes Ereignis. In gewohnter Vitalität unterhielt er sich, genoss das Essen und tanzte sogar. Er freute sich, so alt geworden zu sein und blickte mit Zufriedenheit auf sein Leben zurück. Als besondere Ehre empfand er es, dass die Stadt Hof am Untreusee eine Eiche für ihn pflanzen ließ - mit einem Spruch, den er als langjähriges Mitglied des Stadtrates öfter gesagt hatte: "Was kümmert es die stolze Eiche, wenn sich eine Wildsau an ihr reibt."

Dr. Rudolf Müller formulierte mit deutlichen Worten, aber nie verletzend. Ihm ging es immer um die Sache, persönliche Angriffe oder Intrigen gab es nicht. Entschieden und mit bewundernswerter Vitalität kämpfte er, wo immer er Ungerechtigkeit witterte. "Ich wollte die Großen hängen, nicht die Kleinen", sagte er einmal im Rückblick auf seine Arbeit als Oberstaatsanwalt. Unerschrocken ermittelte er bei Steuervergehen und besonders bei Betrügereien im innerdeutschen Handel. "Was da getrickst wurde, das war unheimlich", erzählte er zu seinem 100. Geburtstag. Legendär war sein Spruch "einsperren, alle einsperren", wenn er einem groß angelegten Betrug auf der Spur war. Dabei hatte er durchaus mit Schwierigkeiten zu kämpfen, denn die Unternehmer, die er ins Gefängnis zu bringen gedachte, verfügten häufig über gute Beziehungen zur Politik. "Die Interventionen kamen von verschiedenen Seiten", erzählte er einmal. "Man brauchte schon Mut."

Das größte Handicap war jedoch seine Erblindung. In den Sechzigerjahren zeigte sich bei ihm eine Erkrankung, die ihm nach und nach das Augenlicht nahm. Doch nach seinem Lebensmotto "jammern gilt nicht" schaffte er es, weiter zu arbeiten und ein normales Leben zu führen. Viele Angeklagte und auch Anwälte merkten nicht einmal, dass er nichts sah. Die teilweise umfangreichen Schriftsätze ließ er sich vorlesen und behielt alles im Kopf. Er wusste sogar, auf welcher Seite in welcher Akte etwas zu finden war, während andere Prozessbeteiligte oft umständlich nachblättern mussten.

Müllers Verdienst war es auch, dass Hof heute Sitz der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität ist, der einzigen bayerischen Schwerpunktstaatsanwaltschaft außerhalb eines Regierungssitzes und der größten Anklagebehörde Oberfrankens. Aufwendige Verfahren finden hier statt, mit Angeklagten aus ganz Oberfranken.

Wirtschaftsrecht interessierte ihn seit seinen Studientagen. Das hing mit seinen Eltern zusammen, die eine Schmiede hatten und von denen er lernte, wie ein Betrieb geführt werden musste. Er studierte in Würzburg und Erlangen, promovierte über das Hypothekenrecht und kam 1952 als junger Staatsanwalt nach Hof. "Damals fragten mich schon einige, was ich angestellt hätte, dass ich nach Hof müsse", erzählte er einmal. "Aber es war einfach so, dass hier eine Stelle frei war." Welchen Ruf die Stadt Hof hatte, merkte er auch, als er in den Sechzigerjahren von einem Gericht in Nordrhein-Westfalen einige Unterlagen anforderte und zur Antwort erhielt, in die DDR würden keine Akten versandt.

Geboren wurde Rudolf Müller am 24. Februar 1918 in Schweinshaupten in den Haßbergen - "als der Kaiser noch an den Endsieg im Ersten Weltkrieg glaubte". Nach der Volksschule besuchte der intelligente Junge das Gymnasium in Haßfurt. Das bedeutete um 4.30 Uhr aufstehen, mit dem Fahrrad achteinhalb Kilometer zum Zug nach Hofheim fahren und nachmittags die Strecke wieder zurück. Nach dem Abitur kam er zum Militär. Den Zweiten Weltkrieg musste er vom ersten bis zum letzten Tag mitmachen, unter anderem in der gefährlichen Mission eines Artelleriefliegers hinter den feindlichen Linien. "Dass ich manche Situationen überlebt habe, ist ein echtes Wunder", erzählte er.

Neben seinem außergewöhnlichen Einsatz für die Justiz fand Dr. Rudolf Müller noch Zeit für Ehrenämter. Er gehörte Jahrzehnte dem Hofer Stadtrat an, war Mitglied des Kirchenvorstandes und Vorsitzender eines Elternbeirates. Dieses Engagement, für das er 1988 die Goldene Ehrenmedaille der Stadt Hof erhielt, wäre jedoch nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung seiner Ehefrau Marianne, die ihm ebenso klug wie sanft zur Seite stand. Mit ihr unternahm er große Reisen, vor allem zu Zielen der klassischen Antike in Italien und Griechenland. Er konnte herzlich lachen und mit Menschen jeglichen Bildungsstandes über Gott und die Welt reden.

Nie hörte man Dr. Rudolf Müller klagen. "In mir ist es immer hell", sagte er manchmal, wenn er auf seine Erblindung angesprochen wurde. Lag er nachts wach, rezitierte er für sich lange Gedichte, den "Faust", oder dachte über die Argumente der altgriechischen Philosophen nach. Auch als vor zwei Jahren nach einem Sturz das Becken zertrümmert war und er einige Wochen liegen musste, sah er immer das Positive. Mit unglaublicher Willenskraft schaffte er es, wieder auf die Beine zu kommen und das zu tun, was er jahrelang getan hatte: mit einer Begleiterin, die mit ihm kaum Schritt halten konnte, um den Untreusee zu laufen. Danach ließ er sich das Essen schmecken und genoss einen Wein. Passend dazu zitierte er Psalm 104: "Der Wein erfreue des Menschen Herz."Auch an seinem letzten Tag freute er sich noch seines Lebens, saß auf der Terrasse und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen.

Dr. Rudolf Müller wird vielen Menschen fehlen. Er hat gezeigt, dass es sich lohnt, für das Gute zu kämpfen und dass man bei allem Leid das Dasein genießen und anderen zugeneigt sein kann. Es war ein Geschenk, ihn gekannt zu haben.

Autor

Elfriede Schneider
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Veröffentlicht am:
20. 11. 2018
16:58 Uhr

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Elfriede Schneider

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Veröffentlicht am:
20. 11. 2018
16:58 Uhr



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