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"Einfach ausprobieren und offen sein"

Autogenes Training kann zu völliger Entspannung. verhelfen. Die Wirkungen sind nachgewiesen, sagt die Nailaer Therapeutin Anne Fritsch-Eckstein.



Ob im Liegen oder im Sitzen: das autogene Training verhilft auch in der Gruppe zum Entspannen. Foto: Archiv
Ob im Liegen oder im Sitzen: das autogene Training verhilft auch in der Gruppe zum Entspannen. Foto: Archiv   » zu den Bildern

Frau Fritsch-Eckstein, der Mensch sucht gemeinhin Entspannung, indem er auf dem Sofa ein bisschen Ruhe findet. Worin unterscheidet sich das autogene Training?

Zur Person

Anne Fritsch-Eckstein, 46, ist Entspannungs- und Physiotherapeutin und betreibt mit ihrem Mann Peter Fritsch eine Praxis in Naila. Sie behandelt überwiegend Patienten mit neurologischen Erkrankungen sowie Menschen in ihrer letzten Lebensphase unter anderem im Hospiz Naila. Außerdem bietet sie VHS-Kurse an.

 

Beim autogenen Training lernt man völlige Entspannung, aber auch die Beherrschung von Körperfunktionen, die sich normalerweise dem bewussten Einfluss entziehen. Autogenes Training ist eine Entspannungstechnik, die auf Autosuggestion basiert, eine Therapieform ohne Medikamente. Ziel ist Stressbewältigung, die Linderung von Schmerzen, auch der Abbau von Ängsten und das Lösen von muskulären Anspannungen. Sogar die geistige Leistungsfähigkeit lässt sich erhöhen, es kann bei Schlafstörungen helfen. Darüber hinaus lernt man, den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen.

 

Wer hat das autogene Training

"erfunden"?

Entwickelt wurde es vom Berliner Psychiater Johannes Heinrich Schulz Anfang des 20. Jahrhunderts. Schulz hatte selbst Erfahrungen mit Hypnoseanwendungen gemacht. Er erkannte, dass sich Körper und Seele in einem verminderten Bewusstseinszustand beeinflussen lassen. Und er war einer Therapieform auf der Spur, die der Patient selbstständig durchführen kann, ohne sich vom Therapeuten "abhängig" zu machen. Dieser Gedanke wird auch deutlich in der Bezeichnung: auto = selbst und genesis = Erschaffung, Schöpfung. Gemeint ist damit auch Hilfe zur Selbsthilfe.

 

Für wen eignet sich autogenes

Training?

Für Erwachsene und Kinder gleichermaßen, gerade in Zeiten von Smartphone mit ständiger Erreichbarkeit, von Gewinnoptimierung am Arbeitsplatz, Leistungsdruck und Konkurrenzdenken bei gleichzeitig immer weniger Zeit für Familie und Freizeit. Immer häufiger erkranken Menschen an Burn-out. Autogenes Training kann helfen, zu mehr Gelassenheit zu finden. Mir persönlich kommt das besonders beim Zahnarztbesuch zugute. In meiner Ausbildung zur Physiotherapeutin haben wir autogenes Training auch im Rahmen der Geburtsvorbereitung kennengelernt.

 

Gibt es Menschen, die autogenes Training nicht betreiben sollten?

Autogenes Training kann vieles. Auch wenn ich an dieser Stelle nicht von Heilung sprechen möchte, ist diese Therapieform ein Weg zu unterstützen, zu begleiten. Aber jeder Mensch ist anders. Wer unter einer psychischen Erkrankung oder Epilepsie leidet, sollte sich vor Beginn eines Kurses unbedingt mit seinem betreuenden Arzt beraten.

Soll man autogenes Training weiter betreiben, wenn sich der Erfolg nicht einstellt?

Das ist gar nicht leicht zu beantworten. Ich würde ich mich keinem Erfolgszwang aussetzen. Autogenes Training ist ein Angebot von vielen, wie auch Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder Yoga. Ich würde einfach ausprobieren und offen sein.

 

Wie spielt sich das Training ab?

Im Kurs lernt man bestimmte Formeln, die man sich in Gedanken aufsagt. Sie lassen unter anderem die Gliedmaßen schwer und warm erscheinen. Im Laufe der Zeit werden dann die Formeln immer kürzer. Beim Zahnarzt sage ich mir nur noch "schwer" und kann dann angespannte Muskeln aufspüren und locker lassen. Autogenes Training ist wie vieles im Leben auch ein Weg. Es dauert einige Zeit, bevor man es "kann" . Anfangs benötigt man Zeit, einen ruhigen, angenehm warmen Ort - ohne Handy.

 

Was genau spielt sich dabei im

Körper ab?

Wer es gelernt hat, ist in der Lage, mit Schwereübungen Muskelspannungen zu vermindern, mit der Wärmeübung die Blutgefäße zu erweitern und die Durchblutung zu verbessern. Die Darmtätigkeit wird angeregt, die Atem- und die Herzfrequenz sinkt. Das zeigt, dass das autogene Training Einfluss auf unser vegetatives Nervensystem nehmen kann.

 

Ist das nachgewiesen?

Ja, mittlerweile ist die Wirksamkeit nachgewiesen. Die Kurse sind von der Schulmedizin anerkannt und werden von den meisten Krankenkassen finanziell unterstützt.

 

Sollte man beim autogenen Training sitzen oder liegen?

Ich selbst habe die Technik im Sitzen erlernt und war anfangs etwas enttäuscht, weil ich mich nicht hinlegen durfte. Es hilft aber dabei, beim eigenen Körper zu bleiben und nicht gleich ins Reich der Träume abzugleiten, sondern zu fühlen, vergleichen und zu erfahren. Später kann man sich natürlich auch hinlegen. Man wird vielleicht auch lernen, im Stau oder beim Einkauf in der Warteschlange zu entspannen. Das klingt doch gut, oder?

 

Es gibt mittlerweile viele Bücher und auch CDs zur Anleitung. Ist das zu empfehlen?

Ich möchte Interessierten einen Kurs empfehlen. Ich finde es wichtig, die eigenen Erfahrungen mit anderen Teilnehmern auszutauschen und benennen zu können - oder auch bewusst festzustellen, dass man nicht immer das fühlen muss, was erwartet wird. "Auto" bedeutet "selbst". Man erfährt im Kurs, dass man mit seinen Eindrücken richtig liegt und nichts falsch ist. Das war für mich als Entspannungstherapeutin interessant: Viele Teilnehmer erwarten, dass ihre Erfahrungen bewertet werden.

 

Es kommt durchaus vor, dass man während der Übung einschläft ...

Na, dann hat man wenigstens sein Schlafdefizit etwas ausgeglichen. Und wer wegen Schlafstörungen im Kurs ist, hat schon den ersten Erfolg.

Autor

Hannes Keltsch
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
31. 05. 2017
19:18 Uhr

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Hannes Keltsch

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31. 05. 2017
19:18 Uhr



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