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Hof

Eltern vergeben dem Mörder des eigenen Kindes

Lisa und Michael Flemming verlieren 2010 ihren Sohn. Durch Gewalt. Dem Täter verzeihen sie trotz aller Seelenqualen. In Hof erzählen sie warum.



Hof - Zwischen Weihnachten 2009 und Neujahr saßen Lisa und Michael Flemming zusammen und resümierten: "Uns geht es eigentlich gut." Beide überlegten weiter: "Was wäre, wenn etwas Schlimmes passieren würde? Würden wir an Gott verzweifeln?" Acht Jahre später waren die Eheleute aus Riedenburg jetzt Gäste bei "Christen im Beruf" in Hof. Hier berichteten sie, wie es in einer Mitteilung des Vereins heißt, was damals, nur ein paar Tage später, Fürchterliches auf sie zukam.

In der Nacht zum 11. Januar 2010 wurde ihr Sohn Samuel ermordet - von einem guten Freund, der oft bei ihm übernachtet hatte. Noch in derselben Nacht wurden die Eltern von der Polizei geweckt. Michael Flemming sackte auf das Sofa und schrie: "Wirklich tot?" Wenig später mussten die Eltern den Leichnam identifizieren. Der weiße Sack mit dem Reißverschluss wurde geöffnet, und die Psyche von Mutter Lisa Flemming weigerte sich zunächst, das Unheil zu akzeptieren: "Das ist nicht mein Sohn! Ist das wirklich der Samuel?" Aber ihr Mann bestätigte: "Doch Lisa, er ist es."

Stunden später konnten die Flemmings dem Mörder im Gebet vergeben. "Viele Menschen können das nicht verstehen", erzählte Lisa Flemming nun in Hof, "aber wir hatten 40 Jahre lang in der Bibel gelesen, dass man vergeben soll."

Doch so einfach war die Bewältigung der Gewalttat dann doch nicht. "Dass Gott so etwas zugelassen hat, belastet mich heute noch", bekannte Michael Flemming. Er sagte jedoch: "Es ist kein Beweis, dass Gott uns nicht liebt. Wir verstehen ihn nur nicht. In uns rebelliert alles, aber er liebt uns." Auch die Mutter musste noch einmal eine seelische Folter überstehen. Als Nebenkläger hatte das Ehepaar Zugang zu den Gerichtsakten und konnte die Ergebnisse der Autopsie genau nachlesen. Als sie jedes kleine Detail der Gewalttat studierte, wuchsen Wut und Verbitterung in Lisa Flemming so enorm, dass sie es körperlich spürte. Sie ahnte, was ihr bevorstand. In einer ZDF-Dokumentation über Menschen, deren Kind ermordet wurde, hatte sie bei Angehörigen beobachtet, wie die Verbitterung "aus jedem Knopfloch" sichtbar war. "Ich hatte doch vergeben, wie komme ich da wieder raus?", schilderte sie ihre seelische Anspannung. Sie entschied sich für eine "Selbst-Therapie", die für viele schwer nachvollziehbar ist: Noch einmal las sie den Obduktionsbericht genau, und sprach bei jeder Kleinigkeit der dokumentierten Gewalt für den Mörder Vergebung aus. "Die Verbitterung war danach weg", berichtete sie. Und auch ihrem Mann ist klar: "Wir würden sonst verbitterte alte Menschen werden."

Der Einblick in die Gerichtsakten brachte noch anderes zutage. Der Mörder N. G. war offensichtlich als Kind von seinen Eltern misshandelt worden. Zu später Stunde wurde er beispielsweise als kleiner Junge splitternackt vor der Tür des Mietshauses gefunden. Als Strafe dafür, dass "er was ausgefressen hatte". Lisa Flemming: "Er war eigentlich ein armer Tropf." Als Nebenkläger bei der Gerichtsverhandlung sagte die Eheleute dem Angeklagten, dass sie ihm vergeben hätten.

Er antwortete, dass ihm der Mord leid tue; er könne sich aber selbst nicht vergeben. Bis jetzt, berichten die Flemmings, schweigt der Täter über Motiv und Hergang des Mordes. Seine Aussage, er könne sich an den Ablauf der Tat nicht erinnern, sei eine Schutzbehauptung, weil er sich so schäme, meinte ein Psychologe. Der Täter wird nicht mehr lange im Gefängnis sein. Der Richter hatte ihn "nur" zu zehn Jahren verurteilt. Seine Begründung: "Das Urteil ist so mild ausgefallen, weil die Opfer keine Genugtuung wollten."

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03. 01. 2018
20:03 Uhr

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03. 01. 2018
20:03 Uhr



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