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Hof

Lippenbekenntnisse am Pranger

Wie weit der Weg zur Gleichberechtigung von Frau und Mann noch ist, spürt Mirjam Kühne tagtäglich. Abwertung erlebt sie auch in politischen Gremien.



Mann und Frau haben gleich viel Gewicht? Noch lange nicht! Foto: andranik123/Adobe Stock
Mann und Frau haben gleich viel Gewicht? Noch lange nicht! Foto: andranik123/Adobe Stock  

Regnitzlosau/Landkreis - Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern in den politischen Gremien? Ach wo! Dass dies noch lange nicht erreicht ist, beweisen die Zahlen aus Stadt und Landkreis Hof. Wie berichtet, ist weniger als jeder vierte Sitz in den Stadt- und Gemeinderäten mit einer Mandatsträgerin besetzt. Mirjam Kühne sitzt für die Grün-Rote Liste im Regnitzlosauer Gemeinderat und bildet mit Jennifer Bernreuther die einzige rein weibliche Fraktion weit und breit; zudem ist sie im Kreistag vertreten. Sie fürchtet mit Blick auf die Arbeit in den Gremien, dass der Weg hin zu einer Ausgewogenheit noch ein langer sein wird.

Mirjam Kühne, 39 Jahre alt, ist eine, die auch mal aneckt, mit ihren Themen, mit ihrer Hartnäckigkeit, mit ihrem Willen, Sachverhalte auch mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. So fährt sie auch schon mal einem Referenten im Rat über den Mund, wenn der sich - wohl eher unbewusst - abwertend über eine Tierart äußert. Hier gleicht sie ihrem Vorbild, ihrer Mutter Anne Kiefer. Die Regnitzlosauer kennen sie als die (vorerst?) letzte Bastion der Sozialdemokratie im Ort - bis sie den Ort in Richtung Thüringen verlassen hat.

Vorbild ist die Mutter für Mirjam Kühne, weil die sich auch als alleinerziehende Mutter immer durchgeboxt und sich familiär und politisch als starke Frau erwiesen hat, die ihren Weg geht. So entwickelt sich eine Perspektive auf die Welt, in der Ungleichheit und Ungerechtigkeiten zum roten Tuch werden. Mirjam Kühne sagt: "Ich bin in die Politik gegangen, um die Wut zu kanalisieren." Angefangen hatte alles mit einer Anti-Stoiber-Demo, der Weg führte erst in die SPD, dann zu den Grünen.

Und jetzt, als Mitglied in den Gremien, wird die Unausgewogenheit zwischen den Geschlechtern für Kühne noch offenbarer. "Es gibt viele Lippenbekenntnisse", sagt sie. Zwar höre man allerorten ein Bedauern darüber, dass sich so wenige Frauen in der Politik engagieren möchten. Doch sind die Frauen dann gewählt, nutze man ihre Expertise, ihren Verstand und ihr Urteilsvermögen nur selten offensiv. Mirjam Kühne beklagt etwa die Besetzung der Ausschüsse, die dem Kreistag vorgeschaltet sind. "Da sitzen dann doch wieder nur die Männer", sagt sie. Teilweise seien die Frauen selbst schuld, da sich die konservative, männlich dominierte Denkweise auch bei ihnen manifestiere. Nach dem Motto: "Wenn eine Frau was kann, dann wird die auch was." Und wer entscheidet, ob die Frau was kann oder nicht? Die Männer. So drehe sich der Betrieb im Kreis. Und das vielgescholtene "Mansplaining" - der Begriff benennt herablassende, besserwisserische Erklärungen eines Mannes, der automatisch davon ausgeht, besser Bescheid zu wissen als sein Gegenüber - finde auch immer noch statt. Mirjam Kühne erinnert sich: "Als es im Gemeinderat um Ausgleichsmaßnahmen für den Amazon-Neubau ging, ist mir einer von der CSU sehr unwirsch über den Mund gefahren." Der Wunsch Kühnes und wahrscheinlich aller Beteiligten: "Ich will auf Augenhöhe diskutieren." Was sich da politisch abspielt, sei nur ein Spiegelbild dessen, was die Gesellschaft aktuell zu bieten hat. Und hier dominiert die patriarchalische Gesellschaft nach wie vor. Wie das zu ändern ist? Laut Mirjam Kühne muss man das Problem von mehreren Seiten angreifen. "Die Abwertung des Weiblichen findet auf vielen Ebenen statt", sagt sie. Nicht zuletzt sei die Sprache, wie in so vielen Bereichen, ein Schlüssel zu mehr Gleichberechtigung: "Auf seine Aussagen zu achten, ist die Verantwortung jedes einzelnen."

So lange es nicht so weit ist, muss man sich, um die Rechte der Frauen zu vertreten und ihre Interessen in den Diskurs zu tragen, laut Kühne in den bestehenden Strukturen bewegen. Was das heißt? Sich nicht zum Stammtisch setzen, sondern die Themen bei den Elternabenden im Kindergarten abgreifen. Und als Frau das Selbstverständnis vorleben, dass man in den politischen Betrieb gehört wie jeder andere auch.

Autor
Patrick Gödde

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Veröffentlicht am:
01. 08. 2020
00:00 Uhr

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01. 08. 2020
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