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"Und sie war ganz allein"

Christa Schmid aus Hof ist am 12. Juni gestorben. Ihre beiden Töchter erheben schwere Vorwürfe gegen das Sana-Klinikum.



Beate Schmid (rechts) und ihre Schwester Simone Grimm trauern um ihre Mutter Christa Schmid. Foto: Keltsch
Beate Schmid (rechts) und ihre Schwester Simone Grimm trauern um ihre Mutter Christa Schmid. Foto: Keltsch  

Hof - Die Hoferin Beate Schmid ist Gemeindereferentin in der katholischen Pfarrei Bernhard Lichtenberg und dort unter anderem zeitweise Notfallseelsorgerin. In dieser Funktion hat sie schon einige schlimme Situationen und Bewegendes mitgemacht. Doch jetzt ist sie fassungslos über das, was sie und ihre Familie erlebt haben. Ihre Mutter ist am 12. Juni gestorben - und wenn Beate Schmid und ihre Schwester Simone Grimm die Geschichte dazu erzählen, treibt es ihnen auch noch Monate danach immer wieder die Tränen in die Augen. Beide erheben im Gespräch mit der Frankenpost schwere Vorwürfe gegen das Hofer Sana-Klinikum.

 

 

Mitte Mai fühlte sich ihre Mutter Christa Schmid, 74 Jahre alt, allgemein sehr schlecht. Sie litt unter Erschöpfungszuständen, Übelkeit, zunehmender Atemnot und geschwollenen Beinen und Fußknöcheln. Ihre Töchter und ihr Ehemann Franz beschlossen, sie am nächsten Tag zum Hausarzt oder gleich ins Krankenhaus zu bringen. Am nächsten Morgen, dem 15. Mai, wollte sich die Kranke auf den Arztbesuch vorbereiten - doch sie schaffte es nicht. Sie saß auf ihrem Bett und sagte zu ihrem Mann: "Ich kann nicht mehr."

Was dann folgte, haben Beate Schmid und ihre Schwester Simone Grimm in einem Gedächtnisprotokoll minutiös aufgeschrieben.

 

 

Am 15. Mai gegen 9 Uhr rief der Ehemann in der Hausarztpraxis an und schilderte die Krankheitssymptome seiner Frau. Der Arzt ließ ausrichten, man müsse sofort über die Notrufnummer 112 den Rettungsdienst rufen. Dies tat der Ehemann um 9.05 Uhr.

Um etwa 9.15 Uhr, so schildern es die Angehörigen, kamen die Sanitäter vom Roten Kreuz. Ehemann Franz berichtete ihnen über sämtliche Vorerkrankungen und beschrieb den aktuellen Gesundheitszustand seiner Frau. Die Sanitäter empfahlen ihm, zu Hause zu bleiben, er bekäme zu gegebener Zeit einen Anruf vom Klinikum. Franz Schmid fuhr jedoch ins Krankenhaus, um seiner geliebten Frau beizustehen.

Tochter Beate Schmid erfuhr um 9.26 Uhr telefonisch, dass ihre Mutter im Klinikum sei. Sie fuhr sofort hin. Dort fand sie ihren wartenden Vater, der ihr erzählte: Er sei gleichzeitig mit dem Krankentransport angekommen; eine Krankenschwester habe ihn jedoch sofort weggeschickt, in den Wartebereich. Zu seiner Frau in die Notaufnahme dürfe er nicht.

"Auch ich durfte nicht zu ihr", berichtet Beate Schmid. Die Begründung dafür erfuhr sie auf Anfrage zwei Stunden später: Der Zustand ihrer Mutter sei stabil, sie liege auf dem Gang der Notaufnahme, und dort dürfe sie, die Tochter, nicht hin - aus "Datenschutzgründen". Denn auch andere Patienten lägen dort. Beate Schmid wollte das nicht akzeptieren, sie erklärte, dass ihre Mutter dement sei und deshalb nicht alle Fragen umfassend beantworten könne; sie benötige die Hilfe ihrer Angehörigen. Die Antwort: "Wenn wir Sie brauchen, holen wir Sie schon."

Und warum musste die Mutter so lange auf dem Gang warten, offenbar ohne dass etwas geschah? In der Notaufnahme, so wurde erklärt, gehe es nicht nach der Reihenfolge des Eingangs, sondern nach Dringlichkeit der Fälle.

Darüber können die beiden Schwestern im Nachhinein nur den Kopf schütteln. Während sie warteten und ihre Mutter, nach Luft ringend, alleine auf dem Gang lag, seien zwei Verletzte in die Aufnahme gekommen, der eine mit verbundener Zehe, ein anderer mit einem Pflaster am Kopf. Beide seien offenbar zügig behandelt worden, denn sie hätten die Notaufnahme nach relativ kurzer Zeit wieder verlassen.

 

 

"Wie muss sich unsere Mama gefühlt haben", klagen Beate Schmid und Simone Grimm im Frankenpost-Gespräch. Wenn sie die Geschehnisse rekapitulieren, kommen sie zu dem Schluss, dass ihrer Mutter wohl fast dreieinhalb Stunden auf dem Gang der Notaufnahme lag, ohne dass ihr geholfen wurde.

"Sie hat so schlimm geröchelt, sie hatte bestimmt Angst um ihr Leben - und sie war ganz allein", sagen die beiden Töchter. "Sie hätte sofort Hilfe gebraucht. Was muss man denn noch machen, dass einem geholfen wird?"

 

 

Durch die geschlossene Tür der Notaufnahme hörten sie plötzlich einen lauten Hilferuf. Beate Schmid erschrak und sagte zu ihrem Vater: "Es wird doch hoffentlich nichts mit der Mama passiert sein!?" Doch die Katastrophe war tatsächlich eingetreten. Wie die Angehörigen später erfuhren, war es etwa 12.15 Uhr, als die Mutter auf die Toilette musste. Eine Krankenschwester wollte sie dorthin führen - da erlitt Christa Schmid einen schweren Herzinfarkt. "Der Hilferuf kam wohl von der Krankenschwester", vermuten die Töchter heute. Nicht auszuschließen sei, dass die Patientin den Infarkt bereits erlitten hatte, als sie noch im Gang lag.

Nach weiteren 15 bis 20 Minuten rief ein Arzt die Angehörigen zu sich: Ihre Mutter musste reanimiert werden. Sie werde gleich operiert. Beate Schmid fragte den Arzt, warum die Mutter so lange auf dem Gang warten musste, ohne dass ihr geholfen wurde. Die Antwort, an die sich die Töchter erinnern, habe gelautet: Sie sei stabil gewesen; das Krankenhaus habe die Situation wohl verkehrt eingeschätzt.

Wie aus dem Anamnese-Protokoll des Klinikums hervorgeht, bekam Christa Schmid zum ersten Mal um 12.36 Uhr ein Medikament, nämlich Morphin - also nachdem der Infarkt eingetreten war.

 

All dies macht die beiden Schwestern "unfassbar wütend". Sie haben sich kundig gemacht: Atemnot, gerade bei Frauen, Bluthochdruck als Vorerkrankung, Übelkeit, Erbrechen, geschwollene Fußknöchel, und zudem bereits Diabetiker - das alles weise auf ein akutes Herzinfarktrisiko hin. Es werde in medizinischen Ratgebern dringend empfohlen, bei solchen Symptomen sofort die nächste Notaufnahme aufzusuchen.

 

 

Nach der Operation, am Nachmittag gegen 17 Uhr, musste Christa Schmid auf der Intensivstation erneut wiederbelebt werden. In den folgenden Tagen und Wochen geschah dies drei weitere Male. Vier Wochen lang lag sie im Koma. Bis sie am 12. Juni im Klinikum auf der Intensivstation im Beisein ihrer Töchter und ihres Ehemanns verstarb.

 

In Beate Schmid und Simone Grimm brodelt es. Niemand habe die Situation richtig erkannt, trotz eindeutiger Symptome. Beispiel: Im Protokoll der Aufnahme, das beiden Schwestern vorliegt, ist vermerkt: "Atemfrequenz 24". "Das ist viel zu hoch", sagen die Schwestern. Doch in der zusammenfassenden Anamnese heißt es seltsamerweise: "Keine Atemnot". Weiter ist dort vermerkt: "Keine Thoraxschmerzen". Doch heute wissen die beiden: "Diabetiker sind schmerzunempfindlich. Deshalb hat die Mama wahrscheinlich keinen Schmerz verspürt." Zudem stehe im Protokoll, Christa Schmid sei durch den behandelnden Hausarzt wegen "schlechtem Allgemeinzustand" ins Krankenhaus eingewiesen worden. Tatsächlich habe jedoch der Ehemann die 112 gewählt, betonen die beiden Schwestern.

Beate Schmid und Simone Grimm erklären, was sie so aufwühlt: "Wenn unsere Mutter die nötige Hilfe bekommen hätte, wäre der Infarkt möglicherweise nicht so schlimm oder vermeidbar gewesen, und sie könnte vielleicht noch leben." Sie machen sich Selbstvorwürfe: "Wir waren im Klinikum zu brav. Wir haben drauf vertraut, dass zeitnah und fachmännisch geholfen wird. Aber das ist nicht geschehen."

 

 

 

Das Sana-Klinikum hat auf Anfrage der Frankenpost keine Auskunft zum Tod von Christa Schmid und den Geschehnissen am 15. Mai in der Notaufnahme gegeben. Geschäftsführer Dr. Holger Otto verweist auf die "strengen Verschwiegenheitsverpflichtungen" und den Datenschutz.

 

 

Die zwei Schwestern wollen die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Sie haben einen Anwalt eingeschaltet und das Klinikum bei der Hofer Polizei wegen fahrlässiger Tötung angezeigt.

Als absurd bewerten die beiden Frauen die Begründung, warum sie in der Notaufnahme nicht zu ihrer Mutter durften, die schwerkrank auf dem Gang lag: aus Datenschutzgründen. Sie fragen: "Was ist in unserem Gesundheitssystem wichtiger: dass eine lebensbedrohlich erkrankte Frau Beistand ihrer Angehörigen erhält - oder der Datenschutz?"

 

 

Auf Anfrage, warum die Angehörigen nicht zu ihrer Mutter in die Notaufnahme vorgelassen wurden, gibt Geschäftsführer Dr. Holger Otto eine pauschale Antwort: In allen "bettenführenden" Bereichen des Hauses würden Angehörige, "wenn es der Behandlungsablauf gestattet und der Patient es wünscht", immer vorgelassen. In der Notaufnahme hingegen, erklärt Otto, seien Besuchsrechte "möglicherweise etwas eingeschränkter, weil es hier - anders als auf einer Station und einem Patientenzimmer - die Notfallversorgung von Patienten im Vordergrund steht". Es gehe räumlich enger zu, und es sei nicht ausgeschlossen, "dass Besucher dann datenschutzrelevante Details des nächsten eintreffenden Notfallpatienten mitbekommen können".

 

 

Mehrere Wochen nach dem Tod ihrer Mutter haben sich Beate Schmid und Simone Grimm mit der Geschichte an die Frankenpost gewandt. Erst jetzt seien sie dazu in der Lage, sagen sie, denn die Familie sei in tiefer Trauer. An die Öffentlichkeit gehen sie, um auf Missstände in Notaufnahmen hinzuweisen: "Es krankt am System. Nach allem, was man hört, sind fünf bis sechs Stunden Wartezeit nicht ungewöhnlich." Damit dürfe man sich nicht einfach abfinden. "Wenn die Kapazitäten und Kompetenzen nicht ausreichen, muss das geändert werden." Sie fassen ihren schlimmen Verdacht zusammen: "Unserer Mutter hat diese stundenlange Nichtbehandlung und das Nichterkennen von akuter Lebensgefahr möglicherweise das Leben gekostet." Beate Schmid: "Ich habe das Vertrauen in unser Gesundheitssystem und in die Notaufnahme Hof verloren."

Autor
Hannes Keltsch

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Veröffentlicht am:
07. 11. 2018
19:04 Uhr

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07. 11. 2018
19:04 Uhr



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