Lade Login-Box.
Topthemen: 30 Jahre GrenzöffnungBilder vom WochenendeHofer Filmtage 2019VER Selb

Hof

Wie viel Gülle darf’s denn sein?

Beim Thema Düngung gehen die Meinungen weit auseinander. Auch in einem aktuellen Fall im Landkreis Hof. Ein Landwirt und ein Anwohner schildern ihre Ansichten.



In diesem 70 Kubikmeter fassenden Container wurde die Gülle nach der Anlieferung per Sattelschlepper zwischengelagert, bis sie ein Traktor mit Güllefass auf die umliegenden Flächen brachte. Der Landwirt erklärt, diese Vorgehensweise sei vergleichsweise umweltschonend.	Foto: Keltsch
In diesem 70 Kubikmeter fassenden Container wurde die Gülle nach der Anlieferung per Sattelschlepper zwischengelagert, bis sie ein Traktor mit Güllefass auf die umliegenden Flächen brachte. Der Landwirt erklärt, diese Vorgehensweise sei vergleichsweise umweltschonend. Foto: Keltsch  

Landkreis - Die Düngung mit Gülle ist heftig umstritten, auch international. Die EU hat ein zweites Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet, weil in Deutschland vielerorts zu viel Nitrat ins Grundwasser gelange. Die Kommission fordert deshalb, dass in Problemgebieten die Ausbringung von Gülle um 20 Prozent reduziert wird. Dem Schutz von Flüssen, Bächen und Seen dient die Düngeverordnung, die unter anderem Mindestabstände zu Oberflächengewässern vorgibt. Sind die Regelungen angemessen? Die Meinungen gehen weit auseinander, und auch die Wahrnehmungen der Beteiligten können höchst unterschiedlich sein, wie ein Beispiel aus dem Landkreis Hof zeigt. Die Kontrahenten: Anwohner W., der "völlig übertriebene Düngung" mit Gülle auf den umliegenden Äckern und Grünflächen anprangert; und Landwirt E., der im Auftrag der Eigentümer die Flächen bewirtschaftet. (Aus Datenschutzgründen nennen wir nicht die vollständigen Namen.)

Gut zu wissen

Die bei der Düngung erlaubten Mengen hängen unter anderem von der Art der Gülle und deren Nährstoffgehalt ab, wie Frank Stübinger vom Amt für Landwirtschaft in Münchberg erklärt. So enthält ein Kubikmeter Rindergülle drei bis fünf Kilogramm Stickstoff. 15 bis 20 Kubikmeter Rindergülle dürfen im Laufe einer "Einzelgabe" auf einem Hektar ausgebracht werden.

Die Düngeverordnung gibt Mindestabstände zu Oberflächengewässern vor. Die Breite des düngefreien Streifens hängt von der Geländeneigung und von der Ausbringtechnik ab. Bei Flächen mit weniger als zehn Prozent Neigung ist ein Abstand von vier Metern einzuhalten. Dieser kann auf einen Meter reduziert werden, sofern Geräte benutzt werden, "bei denen die Arbeitsbreite gleich der Streubreite ist". Ausführliche Informationen dazu findet man im Internet, zum Beispiel unter:

www.ifl.bayern.de.

Ansprechpartner bei möglichen Verstößen gegen die Düngeverordnung ist oberfrankenweit das AELF Coburg, Außenstelle Staffelstein.


Anwohner W. Er wohnt in einem Tal im östlichen Landkreis Hof neben einem Bach, der zu dem Netz von Fließgewässern gehört, in dem Naturschützer eines Tages wieder die Flussperlmuschel ansiedeln wollen. Am Mittwoch, 4. September, einem der letzten Tage der langen Trockenheit, machte W. eine Beobachtung, die ihn erboste. Ein Landwirt brachte auf den umliegenden Flächen Gülle aus - wogegen grundsätzlich nichts einzuwenden sei, wie W. betont. Ihm geht es um die "unglaubliche" Menge, die auf den etwa 22 Hektar gelandet sei, auch auf den Talhängen und in unmittelbarer Nähe des Bachs. Dieser habe verbotenerweise erhebliche Mengen Gülle abbekommen, davon ist W. überzeugt.

Er berichtet von "fast industriellen Ausmaßen": Sattelzüge hätten die Gülle gebracht, jeweils mit einem Fassungsvermögen von 25 000 Litern; an einem einzigen Tag habe er fünf Anlieferungen gezählt. Wahrscheinlich seien es noch mehr gewesen, "ich habe ja nicht den ganzen Tag lang aufgepasst". Die Gülle wurde in einem großen Container, der bis zu 70 Kubikmeter fasst, zwischengelagert; aus diesem habe der Landwirt sein vom Traktor gezogenes Fass befüllt. Tags darauf habe er die Düngung fortgesetzt, bis unmittelbar an die Umzäunung einer Trinkwasseranlage in der Nähe.

Der Bauer habe den Fassinhalt auf den Feldern und Wiesen dick aufgetragen, erzählt W., wobei das Einarbeiten in den Boden kaum möglich gewesen sei. In die ausgetrocknete Erde seien die Zinken kaum eingedrungen. Beim Wenden im Talgrund, erzählt W. weiter, sei das Gespann immer wieder bis unmittelbar an den Bach gefahren, während die Gülle spritzte. Ihm könne keiner erzählen, dass dabei nichts in das Gewässer gelangt sei. In der Düngeverordnung sei ein Mindestabstand von einem Meter zwischen gedüngter Fläche und der Oberkante der Böschung zum Gewässer vorgeschrieben - "das ist doch gar nichts".

Das sei aber nicht das Schlimmste gewesen, erzählt W. Als es nach der Trockenheit einen Tag lang in Strömen regnete, floss das Wasser in Sturzbächen von den Hängen herab - und habe mit Sicherheit freiliegende Gülle in den Bach geschwemmt. "Nach dem Regen klebte uns die Scheiße an den Stiefeln."

W. sieht krasse Widersprüche. Naturschützer bemühten sich mithilfe der Aufzuchtstation in Regnitzlosau, langfristig in den Bächen der Region die Flussperlmuschel wieder anzusiedeln. Nach Auskunft von Experten gibt es in "seinem" Bach sogar kleine Aale, die über Elbe und Saale eingewandert sind. "Auf unserem Grundstück müssen wir ständig Auflagen erfüllen, zum Beispiel beim Brunnenbau, weil der Bach in der Nähe ist." Eine Befestigung der Zufahrt sei ihnen sogar untersagt worden. Doch gleichzeitig dürften Bauern offenbar unbegrenzte Mengen Gülle verspritzen. "Das ist doch Schwachsinn hoch drei", schimpft W. Oft sei der Bach "total grün" - ein Zeichen von wuchernden Wasserpflanzen durch Überdüngung.

Landwirt E. Die Frankenpost hat Landwirt E., der die Felder bewirtschaftet, mit den Vorwürfen konfrontiert, und er weist sie mit Entschiedenheit zurück. "Unbegrenzt", wie Anwohner W. mutmaßt, seien die erlaubten Mengen keineswegs. "Beim Stickstoffgehalt unserer Gülle sind 15 bis 20 Kubikmeter pro Hektar erlaubt", sagt er. "Wir lagen bei 17 Kubikmetern, also absolut im erlaubten Bereich." Auch den vorgeschriebenen Mindestabstand von einem Meter habe er eingehalten, versichert E. Dabei habe er die sogenannte Schleppschuh-Technik angewandt, bei der die Gülle nicht im breiten Schwall verspritzt, sondern gezielt bodennah ausgebracht werde - ein Beitrag zum Gewässerschutz.

Woher die Gülle stammte, will E. nicht verraten. Der Landwirt zählt aber weitere Gründe auf, warum er "alles richtig" gemacht habe. Die Anlieferung der Gülle im Sattelzug sei relativ umweltschonend, weil damit der Schadstoffausstoß weit geringer sei als bei vielen Einzelfahrten mit kleinen Schleppern. Bei der Nachbehandlung des Bodens habe er alle Vorschriften eingehalten: Vier Stunden Zeit blieben nach der Düngung, um die Gülle einzuarbeiten. "Auch das haben wir erfüllt."

Landwirten sei dringend empfohlen, sich an die Vorschriften zu halten, betont E., "sonst bekommen sie richtig Probleme". Dann kommt er auf Grundsätzliches zu sprechen. "Die Landwirtschaft wird durch den Dreck gezogen", klagt er. "Dabei wird oft vergessen: Landwirte ernähren die Menschheit." Früher, da sei gewiss "nicht alles richtig" gewesen. Vor 30 Jahren habe es in der Landwirtschaft "fast keine Gesetze" gegeben, zum Beispiel beim Umgang mit Pflanzenschutzmitteln. Heute dagegen sei ein konventionell wirtschaftender Bauernhof schon fast ein kleiner Öko-Betrieb. "Dabei müssen wir immer wieder unsere Kosten durchrechnen." Es erfordere großen Einsatz, um finanziell über die Hürden zu kommen und stets allen Vorschriften gerecht zu werden. Viele kleine Betriebe könnten sich daher nicht mehr halten, und so setzten sich immer mehr große, anonyme Agrarunternehmen durch.

Der "komplette Kreislauf" müsse überdacht werden, fordert E.: Dazu gehöre, dass die Verbraucher Erzeugnisse aus dem eigenen Land kaufen, keine Importware. "Dann gibt es Erdbeeren eben nicht das ganze Jahr über."

Einen Vorschlag hat E. zur Düngung: Notwendig sei eine Anpassung an exakte standortspezifische Bodenwerte. So ließe sich das Ausbringen von zu großen oder auch zu kleinen Mengen vermeiden.

Der Umweltschützer. Wolfgang Degelmann, Geschäftsführer des Bundes Naturschutz im Landkreis Hof, bricht beim Thema Gülle auf Anfrage eine Lanze für den Landwirt und die geltenden Regeln. Ein Kubikmeter Rindergülle enthalte gerade mal drei Kilogramm Stickstoff, erklärt er - da seien 17 Kubikmeter pro Hektar nicht exorbitant viel, sondern entsprächen "guter landwirtschaftlicher Praxis". Die Bauern hätten sich an "dicke Auflagen" zu halten, unterstreicht Degelmann. Klar sei: "Es darf keinesfalls Gülle ins Gewässer gelangen, auch nicht bei Regen. Wenn das passiert, bekommt der Landwirt richtig Stress."

Der Bund Naturschutz, sagt der Kreisgeschäftsführer, habe ein besonderes Augenmerk auf die Bäche im Landkreis Hof, in denen er eines Tages wieder die Flussperlmuschel ansiedeln will - und selbstverständlich auf die wenigen Gewässer, in denen die Muschel aktuell noch vorkommt. Welche das sind, verrät Degelmann nicht, aus gutem Grund: Die Muschelzüchter wollen Störenfriede fernhalten. Der besagte Bach, in dessen Tal Landwirt E. seine Gülle ausgefahren hat, beherberge keine Muscheln, stellt Degelmann klar.

Das Amt für Landwirtschaft. Die Kontrollen, ob sich Bauern an die Regeln halten, sind Sache der Landwirtschaftsbehörden. Eine Beweisfindung sei im Nachhinein freilich oft problematisch, "außer die Mistbrocken liegen noch im Bach", sagt Frank Stübinger, Pflanzenbauberater beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Münchberg. Im Übrigen sei die Gesetzeslage äußerst schwierig. "Es gibt keine Planungssicherheit", sagt Stübinger: "Es ist schon wieder eine Novelle angekündigt."

Autor
Hannes Keltsch

Hannes Keltsch

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
15. 09. 2019
19:54 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Düngeverordnungen Gesetze Gewässer Gewässerschutz Landwirtschaft Landwirtschaftliche Betriebe und Unternehmen Landwirtschaftsämter Naturschützer Saale Umweltschützer
Landkreis
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Bio-Landwirt Herbert Bayreuther aus Marxgrün füttert seine Kühe bereits mit Winterfutter, weil es wegen der Trockenheit an Grünfutter mangelt.	Fotos: Köhler

10.09.2019

Trockenheit lässt Ernte schrumpfen

Die Landwirte im Landkreis Hof ziehen Bilanz: Die Ernte war durchwachsen. Manch einer muss sogar Vieh verkaufen, weil das Futter nicht ausreicht. » mehr

Immer wieder stehen in den vergangenen Tagen Felder in der Region in Flammen - wie hier am Mittwochabend an der B 289 bei Schwarzenbach an der Saale.

25.07.2019

Die Trockenheit fordert ihren Tribut

In der Region trocknen die ersten Bäche und Weiher aus, Felder brennen, Pflanzen sterben. Das Wasserwirtschaftsamt warnt: Die Situation wird sich noch verschärfen. » mehr

"Er war wieder da": Wasserwart Karl Stampp analysiert Fisch-Überreste am Rohrweiher. Fotos: C. Sebert/ Eric Isselée

08.05.2019

Furcht am Fischteich

Der Otter steht unter Schutz - den wünschen sich aber auch Teichwirte und Fischereivereine. Sie sehen ihre Existenz bedroht, weil das Pelztier auf dem Vormarsch ist. » mehr

Alle ziehen an einem Strang: Landratsamt Hof, die Bürgermeister der Orte Sparneck, Weißdorf, Döhlau und Regnitzlosau sowie die Grundstückseigentümer, die ihren Grund für den Radweg hergaben. Foto: Nieting

12.10.2019

Lücke für Lücke verschwindet

Der Flüsse-Radweg wächst stetig. Jetzt stellte der Landkreis die Baupläne für die nächsten Abschnitte des Mammutprojektes vor. » mehr

Sieht harmlos aus, wie schwarzer Humus, riecht ein bisschen wie normaler Schlamm aus einem Teich, muss aber aufwendig entsorgt werden: Klärschlamm, hier in einem Container vor dem Abtransport per Sattelzug zur Verbrennung in einem Kohlekraftwerk. Im Bild Abwassermeister Klaus Schmidt. Foto: Keltsch

23.09.2019

Aus der Kläranlage ins Kohlekraftwerk

In Stadt und Landkreis Hof fallen jährlich Tausende Tonnen Klärschlamm an. Die Entsorgung ist aufwendig - und wird in Zukunft noch schwieriger. » mehr

Vier Landwirte in Schwarzenbach an der Saale haben die Blühflächen und das Saatgut zur Verfügung gestellt und gepflanzt. Willi Kraus (von links), Hans-Werner Schwarz, Christian Barthold und Klaus Lang mit seiner Tochter Amelie freuen sich über die Unterstützung.	Foto: Schobert

23.07.2019

Patenschaften für mehr Artenvielfalt

Vier Landwirte leisten in Schwarzenbach an der Saale ihren Beitrag zum Artenschutz. Unterstützt werden sie dabei von "Blühpaten" - zugunsten von Kitas und Schule. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Eddy

Katzen aus Lichtenberg |
» 5 Bilder ansehen

Wunsiedel

20. Wunsiedler Kneipennacht | 09.11.2019 Wunsiedel
» 98 Bilder ansehen

Kickers Selb - FC Vorwärts Röslau

Kickers Selb - FC Vorwärts Röslau | 09.11.2019 Selb
» 5 Bilder ansehen

Autor
Hannes Keltsch

Hannes Keltsch

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
15. 09. 2019
19:54 Uhr



^