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Hof

Zappelbeine bringen Leidende zusammen

Die Selbsthilfegruppe für Restless-Legs-Patienten besteht seit einem Jahr. Von der "unbekanntesten Volkskrankheit" sind viele Menschen betroffen.



Restless-Legs-Patienten leiden an unangenehmem Kribbeln und Ziehen in den Beinen, an ungewolltem Zappeln und Zucken. Die Krankheit bereitet ihnen manche schlaflose Nacht. Fotos: Deutsche Restless-Legs-Vereinigung, Rainer Maier (2)
Restless-Legs-Patienten leiden an unangenehmem Kribbeln und Ziehen in den Beinen, an ungewolltem Zappeln und Zucken. Die Krankheit bereitet ihnen manche schlaflose Nacht. Fotos: Deutsche Restless-Legs-Vereinigung, Rainer Maier (2)   » zu den Bildern

Weißenstadt - Jeder zehnte Deutsche, so schätzen Experten, hat es: das Restless-Legs-Syndrom (RLS), also Beschwerden durch unruhige Beine, ausgelöst durch Missempfindungen der Nerven. Was RLS verursacht, ist noch nicht geklärt. Unter der Volkskrankheit - und das ist RLS als eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems in Deutschland - leiden die rund acht Millionen Betroffenen in der Republik, in der Mehrzahl Frauen, mehr oder weniger schlimm. Die Probleme treten vor allem nachts auf, wenn der Körper zur Ruhe kommt. In rund drei Prozent der Fälle ist die Bewegungsstörung behandlungsbedürftig.

Selbsthilfegruppen-Gründerin Doris Beer aus Röslau im Landkreis Wunsiedel hat das unangenehme Kribbeln und das schmerzende Ziehen in ihren Beinen, das ungewollte Zappeln und Zucken, der Drang, nachts aufzustehen und herumzulaufen, dazu gebracht, sich im Frühjahr 2018 mit anderen Leidenden zusammenzutun. Bei den regelmäßigen Treffen sind inzwischen immer um die 50 RLS-Betroffene aus Hochfranken dabei. In ungezwungener Runde tauschen sie sich bei Kaffee und Kuchen über die Krankheit aus, die ihre Lebensqualität durch Schlafmangel und starke Nebenwirkungen mancher Medikamente massiv mindert.

Beer informierte zu Beginn des Jubiläumstreffens im Weißenstädter Kurzentrum darüber, dass Cannabis zwar jetzt als Arznei für die RLS-Therapie zugelassen sei; die Möglichkeit, den als Rauschmittel bekannten Hanf-Extrakt einzusetzen, werde aber nur von wenigen Ärzten genutzt. RLS-Patienten machen demnach weniger als ein Prozent der Nutzer aus, siebzig Prozent der medizinischen Cannabis-Anwender seien Schmerzpatienten. "Cannabis ist kein Allheilmittel, aber für den einen oder anderen eine überlegenswerte Alternative zu anderen Medikamenten", sagte Beer.

Referent des Treffens war der physikalische Therapeut Wolfgang Diendorfer aus Bayerbach im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn. Er hat eine eigene RLS-Behandlungsmethode entwickelt, die nach seiner Überzeugung die schulmedizinische Ansicht widerlegt, wonach es nichts gibt, was RLS heilen kann. Diendorfer sagte in Weißenstadt, er nutze Techniken aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Bislang habe er 600 RLS-Patienten behandelt, fast 500 davon seien danach zumindest zeitweise beschwerdefrei gewesen, manche schon über fünf Jahre hinweg. Der Therapeut räumte allerdings offen ein, dass seine Methode "bei fünfzehn bis zwanzig Prozent der Patienten nicht funktioniert".

Schon nach zwei Behandlungen könne er einschätzen, ob ein an RLS Leidender auf seine Methode anspreche. Auf die Art seiner Behandlung ist Wolfgang Diendorfer stolz, zumal sich die Schulmediziner kaum gegen RLS zu helfen wüssten und oft Parkinson-Medikamente bis zur Höchstdosis gegen das Syndrom verschrieben. "Dabei ist RLS eine komplett andere Krankheit, sie hat mit Parkinson nichts zu tun", sagte der physikalische Therapeut.

Bei 70 Prozent der Menschen, die bei ihm Hilfe suchen, könne er das Auftreten der Symptome ganz verhindern, bei weiteren zehn Prozent könne er die Beschwerden zumindest so weit lindern, dass sie die Einnahme ihrer Medikamente, die oft sehr unangenehme Nebenwirkungen haben, auf ein Minimum reduzieren können.

Diendorfer wendet die alte TCM-Heilmethode der Akupunkt-Massage an. Er verwendet dabei keine Nadeln wie in der Akupunktur, reizt aber die gleichen Stellen entlang der Energieleitbahnen im Körper durch geschickten Druck mit den Fingern. "Ich kitzle die Punkte entlang der Meridiane ein bisschen", sagte er. Wie genau, das wollte er nicht verraten, weil man medizinische Behandlungsmethoden in Deutschland nicht patentieren kann.

Am besten funktioniere seine Methode bei Patienten, die noch keine Medikamente nehmen. Hier könne er das RLS oft schon mit drei, vier Behandlungen wegbringen. Kämen die Beschwerden nach einer gewissen Zeit, oft nach etwa anderthalb Jahren wieder, bekomme er sie meist mit nur ein, zwei neuerlichen Akupunkt-Massagen wieder in den Griff.

Wolfgang Dienhofer sagte, er sei "mindestens so erfolgshungrig wie meine Patienten". Unbedingt wolle er so viel wie möglich über RLS lernen, eine Krankheit, die nach seiner Einschätzung "sowieso immer macht, was sie will". Weder ihre Auslöser noch ihre schulmedizinische Behandlung seien bislang ausreichend erforscht. Und das, obwohl so viele Menschen daran leiden. "RLS ist die unbekannteste Volkskrankheit", sagte Dienhofer. Seine Behandlung in Bayerbach müssen die Patienten selbst bezahlen, da es den Krankenkassen in Deutschland verboten ist, Ausgaben für nicht wissenschaftlich anerkannte Behandlungsmethoden zu erstatten. Die Betroffenen können die Behandlungsgebühren sowie Anfahrts- und Übernachtungskosten aber von der Steuer absetzen, wie Dienhofer sagte.

Im Weißenstädter Kurzentrum verwies der Therapeut auch darauf, dass Radonwasser wie hier im Fichtelgebirge bei RLS-Patienten oft positive Wirkung gezeigt habe.

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Das nächste Treffen der RLS-Selbsthilfegruppe Hochfranken findet am 31. August um 14 Uhr im Kurzentrum Weißenstadt statt.

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Rainer Maier
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Veröffentlicht am:
16. 07. 2019
19:10 Uhr

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Rainer Maier

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Veröffentlicht am:
16. 07. 2019
19:10 Uhr



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