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. . . oder doch lieber ruhen lassen?

Lasst doch die alten Geschichten auf sich beruhen: So denken viele über die Forschungen zur Judenverfolgung. Einer Hofer Familie ist das Nachhaken besonders unangenehm.



Ort der Mahnung und der Erinnerung: das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Die Sache mit der Erinnerung bräuchte es nicht unbedingt, sagen viele im Land - und zwar nicht nur jene, die unter ihren Vorfahren Täter oder Nutznießer des Nazi-Regimes vermuten. Foto: Christophe Gateau, dpa
Ort der Mahnung und der Erinnerung: das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Die Sache mit der Erinnerung bräuchte es nicht unbedingt, sagen viele im Land - und zwar nicht nur jene, die unter ihren Vorfahren Täter oder Nutznießer des Nazi-Regimes vermuten. Foto: Christophe Gateau, dpa  

Hof - "Ich habe Angst vor einem Hakenkreuz am Garagentor." Der Satz fällt nach einer guten Stunde im Gespräch. "Die anderen Nachfahren wohnen anderswo, sie kommen hierher und reden über ihre Familie, und dann sind sie wieder weg. Aber wir leben alle hier." Die diese Sätze sagen, sind drei Hoferinnen. Sie gehören zu einer alteingesessenen Hofer Familie, die nicht genannt werden soll: Die Zusicherung der Anonymität ist ihnen so wichtig, dass sie sie auch im Gespräch mehrmals erbeten und betonen und einfordern. Das allein ist schon eine Nachricht: Die Familie, die hier spricht, hat keine Nazis, Täter, Mörder in ihrem Stammbaum - vielmehr hat sie sehr unter diesen gelitten. Denn ein Familienmitglied war Jüdin. Die Familie setzt sich zwar untereinander intensiv und offen mit dem Thema auseinander, will aber öffentlich keine Rolle spielen. Weil sie sich schon in den vergangenen sieben Jahrzehnten immer wieder in der Rechtfertigungshaltung gesehen hat.

Darum bohren

Muss man alte Wunden aufreißen, indem man so tief in der Vergangenheit bohrt? Die Beteiligten der Studie sagen: Ja. 70 Jahre lang hätten die Hofer nicht oder nicht genug nachgefragt - es hätte sich ja jemand beschweren können. Für die Studie stand das oberste Gebot im Raum, dass es egal sei, ob jemand Einwände erhebt. Nicht, um Menschen zu schaden - sondern, damit Menschen aus früherem Grauen etwas lernen können.


In den vergangenen Wochen und Monaten hat eine Studie die Hofer auf ein lange vergessenes Thema gestoßen: die Verfolgung, Vertreibung und bisweilen auch die Ermordung von jüdischen Hofern während der Nazizeit. Vor einem Monat kam das Buch "Jüdische Familien in Hof an der Saale - Schicksale und Verfolgung im Nationalsozialismus" von Dr. Ekkehard Hübschmann in den Buchhandel. Das Thema nimmt seither, wie berichtet, auch in der öffentlichen Wahrnehmung einen hohen Stellenwert ein. Eine Familie, deren Namen Hübschmann in den Archiven fand, ist darin nicht näher betrachtet: Zwar hatte er für Zeitzeugengespräche angefragt, zwar hatten die Beteiligten ihm zunächst zugesagt. "Aber dann habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen, dann habe ich erst gemerkt, welche Erinnerungen da wieder hochkommen. Wir haben ihm wieder absagen müssen", sagt eine der Beteiligten. Dennoch: Für sie selbst, für ihre Kinder und Enkel gehört die Familiengeschichte zur eigenen Identität.

Die Familie, um die es geht, besucht seit jeher die evangelische Kirche; man pflegt einen guten Umgang miteinander und mit den Hofern an sich. Viele wissen eh, um wen es sich handelt, der Rest muss es nicht erfahren: Das ist der pragmatische Ansatz hinter dem Verhalten der Beteiligten. Doch fußt er, das gestehen die Hoferinnen schon ein, auf einer gewissen Dünnhäutigkeit eine einzige Sache betreffend. Die Frage: "Seid ihr nicht auch irgendwie jüdisch gewesen?" begleitet sie seit Jahrzehnten. Und selbst, wenn das im Normalfall nicht böse gemeint sei, treffe es sie jedes Mal. "Dass wir, unsere Kinder und Enkel ständig darauf angesprochen würden, wäre aus meiner Sicht existenzvernichtend", sagt eine der Betroffenen. Und erzählt dann, so wie ihre beiden Verwandten.

Die Geschichte, um die es geht, ist die der Großmutter - wohlgemerkt: der Oma derer, die heute die Großmütter sind. Eine kleine, zierliche Frau soll sie gewesen sein - und daneben eine derart starke Persönlichkeit, dass sie das unbestrittene Familienoberhaupt war. Jene Großmutter war Jüdin. Als sie damals ihren Eltern eröffnet habe, dass sie einen Christen heiraten möchte, hätten diese mit Enterbung gedroht - was sie nicht davon abhielt, ihren Liebsten zu heiraten; die Eltern machten schlussendlich ihre Drohung wahr. Zu Zeiten der Nazi-Herrschaft war sie schon alt, überlebt hat sie den Terror, weil die Familie sie in einem Häuschen im Frankenwald versteckt hielt. Den meisten ihrer Verwandten sei das nicht vergönnt gewesen, betont eine der drei Hoferinnen: "Aus der Familie unserer Großmutter ließe sich sicher genauso viel Schreckliches berichten wie über die anderen Familien, die im Buch beschrieben werden." Aber: Die heute die Alten sind in jener Familie, hätten damals so gut wie nichts mitbekommen, sagen sie. Das Unwohlsein begann für sie erst später.

"Einmal stand in meinem Schulzeugnis, dass ich zu drei Vierteln deutschblütig sei", erinnert sich die Älteste der drei. Das war noch zu Kriegszeiten, dafür habe sie sich geschämt. Ansonsten aber hätten sie ihre Eltern derart abgeschirmt vor allem, was damals vor sich ging, dass sie sich nie Gedanken gemacht hätten. Für die Jüngste der drei, Jahrgang 1945, kam das prägende Ereignis erst später: "In der Schule gab es ein Mädchen, das mich regelrecht schikaniert hat. ‚Ihr seid doch Juden!‘, hat sie immer gerufen - das war im Schuljahr 1956/57." Die Eltern hätten bei der Schulleitung um Hilfe gebeten, geschehen sei nichts. "Meine Mutter hat mich dann eine zeitlang immer von der Schule abgeholt." Ob das "nur" Mobbing unter Kindern war oder anerzogener Antisemitismus: Man weiß es nicht. Für die Betroffenen hat es damals den Ausschlag gegeben, sich erstmals mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und mitunter mehr zu erfahren, als ihnen lieb war.

"Ich habe bis 1956 nicht gewusst, dass mein Vater im KZ war", berichtet eine der Hoferinnen. Er war vier Jahre in Buchenwald interniert, "ein persönlicher Racheakt des NSDAP-Kreisvorsitzenden Benno Kuhr", sagt seine Tochter. "Anfang 1940 wurde er von dort entlassen, als einer der Letzten überhaupt. Danach hat man niemanden mehr aus den KZs entlassen." Als Jugendliche hätten sie damals die Wiedergutmachungs-Verfahren der Eltern mitbekommen, auf der Beerdigung der benannten Großmutter sei die Familiengeschichte erzählt worden. Und man sei sich einmal mehr bewusst darüber geworden, welch willkommene Ansätze sich hier manchem Angreifer bieten.

Die Familie, um die es geht, sieht sich oft mit dem Neid der anderen konfrontiert. Da schaudert es die Betroffenen bisweilen, wenn sie spüren, wie bereitwillig auch heute noch die Nazi-Mär vom raffgierigen Juden aufgenommen wird. "Wir sind schon als Juden beschimpft worden, es gab auch schon einmal eine Hakenkreuz-Schmiererei." Ressentiments gegen Juden seien in Hof nie komplett verschwunden - momentan vergifte sich die Stimmung im ganzen Land wieder. Sie wollen und sie brauchen sich nicht verstecken, sagen sie. Aber schlafende Hunde wecken möchten sie auch nicht.

Autor
Christoph Plass

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Veröffentlicht am:
21. 02. 2019
18:34 Uhr

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21. 02. 2019
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