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Kulmbach

"90 Prozent der Medizin schadet mehr als sie nutzt"

Der im Raum Kulmbach aufgewachsene Kritiker Gerd Reuther spricht über die Todesursache Medizin. Und er sagt, was es für ein langes Leben braucht.



Nicht immer läuft bei einer OP - wie hier in Sachen Herzklappenersatz - alles wie geplant. Foto: Oliver Berg/dpa
Nicht immer läuft bei einer OP - wie hier in Sachen Herzklappenersatz - alles wie geplant. Foto: Oliver Berg/dpa   » zu den Bildern

Herr Dr. Reuther, Sie klären in Ihrem Buch "Der betrogene Patient" unter anderem darüber auf, wie viel Medizin wir wirklich brauchen. Was ist das richtige Maß?

Zur Person

Dr. Gerd Reuther hat seine Tätigkeit als Radiologe mit 55 Jahren eingestellt, weil er - wie er selbst sagt - nicht mehr der Steigbügelhalter für eine unsinnige Medizin sein wollte.

Der inzwischen 60-Jährige ist jetzt hauptberuflich Schriftsteller, will über die Zustände in der Medizin aufklären. Für sein erstes Buch "Der betrogene Patient", das im Jahr 2017 erschienen ist, hat er zwei Jahre lang recherchiert. "Die Kunst, möglichst lange zu leben" - das zweite Buch des Arztes - kam im Herbst 2018 auf den Markt.

Reuther tourt mit seinen Büchern und Vorträgen regelmäßig durch Deutschland, fühlt sich aber in der Region heimisch. Geboren wurde er in Bad Berneck, aufgewachsen ist der Medizinkritiker anschließend in Lanzendorf.


Am Anfang meiner Berufslaufbahn habe ich geglaubt, dass mindestens 90 Prozent der Medizin, so wie wir sie heute anwenden, sinnvoll und notwendig ist. Am Ende meiner beruflichen Tätigkeit sehe ich das anders: Maximal zehn Prozent der Behandlungen haben einen Nutzen für die Patienten. Die anderen 90 Prozent werden unnötig angewandt und schaden mehr als sie nutzen.

Warum werden diese 90 Prozent trotzdem angewandt, obwohl sie schädlich sind?

Weil sich die Medizin heute um den nachgewiesenen Nutzen überhaupt nicht schert. Es wird behauptet, dass die Schulmedizin im Vergleich zur alternativen Medizin durchgängig wissenschaftlich belegt sei. Das stimmt aber nicht. Lediglich für vier Prozent der Operationen und Medikamente gibt es Studien, die die Wirksamkeit belegen. Bei Tablettenbehandlungen ist es ähnlich. Es gibt Vergleichsgruppen-Tests, aber man kann mit Studien tricksen. Die Zulassungen für ein Medikament werden in Deutschland von den Herstellern eingereicht, nicht von einer unabhängigen Stelle.

Welche Medizin ist konkret überflüssig?

Angefangen bei den Operationen: Es gibt kaum welche, die mit einer Kontrollgruppe ohne Behandlung im Vergleich untersucht werden, bevor man sie anwendet. Ein konkretes Beispiel für überflüssige Operationen ist das Entfernen der Gaumenmandeln. Der Eingriff macht keinen Sinn. Man verhütet damit keine späteren Erkrankungen. Kindern, deren Mandeln entfernt wurden, haben bei verschiedenen Krankheiten in ihrem späteren Leben sogar größere Probleme. Auch der Großteil der Wirbelsäulen- oder Blinddarmoperationen ist nicht notwendig. In der Tabletten-Medizin bräuchte es nur selten Blutdrucksenker, Blutverdünner oder Cholesterinsenker. Diese Mittel schaden, verlängern das Leben aber nicht.

Warum wird nichts gegen unnötige Behandlungen und Medikamente unternommen?

Ganz einfach: Es besteht ein massives industrielles Interesse. Die Pharmaindustrie und die Krankenhausbetreiber sind jeweils eine extrem starke Lobby. In der gesamten Gesundheitsindustrie sind rund sechs Millionen Menschen beschäftigt. Pharmaunternehmen, Krankenkassen und Krankenhäuser leben von der Krankheit. Und genau das verhindert, dass die Medizin auf das Notwendigste beschränkt wird.

"Ein Arzt deckt auf, warum Ihr Leben in Gefahr ist, wenn Sie sich medizinisch behandeln lassen", steht auf dem Buchcover von "Der betrogene Patient". Was sagen andere Ärzte zu dieser These?

Ein kleiner Teil der Ärzteschaft ist der gleichen Meinung. Aber das ist eine kleine Minderheit. Die große Mehrheit sind Mitläufer, die sich wenig Gedanken machen, das umsetzen, was in den Leitlinien steht und in den Pharma-finanzierten Fortbildungen erzählt wird. Ich werde nicht von anderen Ärzten angegriffen. Viele versuchen aber die unangenehmen Fakten totzuschweigen. Direkten Anfeindungen entzogen habe ich mich, indem ich nicht mehr als Radiologe tätig bin. Würde ich noch in einer Praxis arbeiten, müsste ich damit rechnen, dass Kollegen Propaganda gegen mich machen und mir keine Patienten zuweisen.

Sie haben Ihren Job also bewusst mit Blick auf Ihre Buchveröffentlichung aufgegeben?

Ja, mit Sicherheit. Ich war in Kliniken - zuletzt in Saalfeld - angestellt. Wenn man das Medizinsystem massiv angreift, dann hat man in einer Klinik kein Standing mehr. Das muss man sich vorher klarmachen. Ich habe auf zehn Jahre Berufseinkommen verzichtet, um aufzuklären.

Wie viel Medizin lassen Sie an sich ran?

Sehr wenig. Solange nicht ein Bein davonhängt, gilt bei fast allen Erkrankungen die Faustregel: Sich Zeit nehmen und schauen, wie die Krankheit sich entwickelt. Dann erst reagieren. Unser Körper versucht sich selbst zu reparieren, wenn er krank ist. Diese Reparaturmechanismen sind Millionen von Jahren alt und ausgezeichnet. Die Medizin müsste schon sehr viel aufbieten, um in gewissen Fällen besser zu sein.

Wie sieht für Sie ein besseres Gesundheitssystem und eine bessere Herangehensweise an die Medizin aus?

Man müsste die Vergütung im Gesundheitssystem von der Leistungserbringung entkoppeln. Momentan bekommt der, der Leistungen erbringt, Geld. Und noch schlimmer: Wer Leistung erbringt, die Komplikationen nach sich zieht, bekommt noch mehr Geld. Weil die Komplikationen abgerechnet werden können. Damit gibt es keinen Anreiz, möglichst wenig Medizin einzusetzen und komplikationsfrei zu arbeiten.

Mit Ihrem Buch haben Sie ein riesiges Medienecho ausgelöst.

Das stimmt. Ich war im Fernsehen, bin Online sehr präsent. Damit hatte ich ursprünglich nicht gerechnet. Es ist heutzutage nicht einfach, mit einem medizinkritischen Buch einen Verlag zu finden. "Der betrogene Patient" ist seit März 2017 ein Dauerbrenner und steht immer noch in einer Amazon-Auflistung unter den 5000 am besten verkauften Büchern.

Ihr zweites Buch heißt: "Die Kunst, möglichst lange zu leben". Haben Sie Tipps, die das Leben verlängern können?

Die Medizin hilft dabei nicht unbedingt. Kurz vor dem Tod ist der Medizinkonsum am höchsten. 40 Prozent aller Kosten, die wir unserer Krankenkasse im Laufe unseres Lebens verursachen, entstehen im Jahr vor dem Tod. Jeder Dritte stirbt wegen einer medizinischen Behandlung. Entscheidend ist die Prävention. Es kommt zum einen auf die Ernährung an, zum anderen auf den sonstigen Lebenswandel. Wir sollten darauf achten, möglichst viel frische Luft zu atmen. Denn die Belastung mit Mikroorganismen und Giftstoffen ist in geschlossenen Räumen weit höher als draußen. Außerdem sollten wir möglichst wenig Zeit im Auto verbringen. Ein wichtiger Faktor ist auch die Bewegung. Wir sind dafür gemacht, 15 bis 20 Kilometer pro Tag zu Fuß zurückzulegen.

Das Gespräch führte Lena Buckreus

—————

Der betrogene Patient - oder: Wie viel Medizin brauchen wir wirklich? Darüber spricht Gerd Reuther heute um 19 Uhr im Konferenzraum des DEG-Gebäudes in der Bindlacher Straße 3 in Bayreuth.

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Veröffentlicht am:
06. 05. 2019
00:00 Uhr

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