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Kulmbach

Abrechnung ufert in Entführung aus

Das Opfer schweigt sich zu den Hintergründen der Tat aus. Inzwischen ist ein Täter-Opfer-Ausgleich abgesprochen.



Bayreuth/Kulmbach - Bei einem Prozess um eine Entführung auf offener Straße in Kulmbach (wir berichteten) versuchen die vier Angeklagten mit allen Mitteln Pluspunkte zu sammeln - und im Wortsinn zu kaufen. Derweil verdichten sich die Hintergründe der Tat.

Den vier Iranern, einem Kölner Brüderpaar von 34 und 32 Jahren, einem 29-Jährigen aus der Nähe von Köln und einem 25-Jährigen aus Braunschweig liegen erhebliche Vorwürfe zur Last. Schwerer, bewaffneter Raub - dafür sieht das Gesetz eine Mindeststrafe von drei Jahren vor. Erpresserischer Menschenraub, landläufig Entführung genannt, hierfür ist die Mindeststrafe fünf Jahre. Gefährliche Körperverletzung wird mit sechs Monaten bis zu zehn Jahren geahndet.

Die Besonderheit des Prozesses: Die vier Angeklagten behaupten, sie hätten für die Tat nicht die üblichen kriminellen Motive - also Bereicherung an einem unschuldigen Opfer - gehabt, sondern ein nachvollziehbares Interesse. Das liegt in der Person des Opfers begründet, eines 39-jährigen, in Kulmbach lebenden Iraners. Der Mann soll nach den Behauptungen aller vier Angeklagten ein Krimineller sein und als Menschenschleuser agieren. Er oder seine Familie sollten einen Cousin des Brüderpaars aus Teheran herausschleusen. Dafür sollen 6000 Euro geflossen sein, die versprochene Schleusung aber platzte. Nur deshalb, so trugen die Angeklagten vor, habe man den Mann in Kulmbach aufgesucht, um mit ihm über die Rückabwicklung und die Rückforderung des Geldes zu reden. Die Angeklagten gaben zu, dass diese "Geschäftsbesprechung" völlig aus dem Ruder gelaufen sei. Der Mann sei ins Auto gezerrt, geschlagen, mit einem Messer "gepiekst" und bedroht worden. In Offenbach setzten die vier Angeklagten ihn wieder an die Luft.

Es spricht einiges für die Version der Angeklagten. Tatsächlich, so gab der Vorsitzende der Strafkammer am Landgericht Bernhard Heim am Freitag bekannt: Gegen den 39-Jährigen ermittelt die Staatsanwaltschaft in Weiden wegen des Verdachts auf Menschenhandel.

Der 39-Jährige bekam am Freitag deshalb ein Aussageverweigerungsrecht auf Fragen eingeräumt, bei deren wahrheitsgemäßer Beantwortung er sich selbst einer Straftat bezichtigen müsste.

Dies hatte eine etwas paradoxe Situation zur Folge. Der Zeuge berichtete, wie er ins Auto gezerrt wurde und Todesängste ausgestanden haben will, wie er geschlagen wurde, wie ihm erst sein Geldbeutel abgenommen, dann aber wieder zurückgegeben worden sei. Auf Fragen, warum die Angeklagten Geld von ihm verlangten, antwortete sein Anwalt Ralph Pittroff: "Dazu sagt er nichts."

Ein Kriminalbeamter hatte zuvor berichtet, dass die Polizei damals am 27. Oktober 2018 eine Großfahndung eingeleitet hatte, nachdem drei Zeugen in Kulmbach die "Entführung" beobachtet hatten. Das Handy des Verschleppten wurde schließlich im Rhein-Main-Gebiet geortet. Dort griff die Polizei den 39-Jährigen dann auch auf. Der Kriminalbeamte sagte: "Ansonsten hätte er wohl keine Anzeige erstattet."

Die Anwälte der vier Angeklagten arbeiten indes an der Strafmilderung: Sie legten ein Schreiben vor, das als "Vertrag" über die erfolglose Schleusung interpretiert werden kann und vom Dolmetscher übersetzt wurde: In dem Schreiben ist von einem Schleuserlohn von 4000 Euro die Rede. Und die Verteidiger haben mit dem Anwalt des "Entführten" einen Täter-Opfer-Ausgleich vereinbart: Der "Entführte" bekommt von jedem Angeklagten 1500 Euro, alle schreiben die Forderung des Schleuserlohns ausdrücklich ab.

Der Prozess stockte am Freitag, als die Angeklagten sich beschwerten, dass der vom Gericht bestellte Dolmetscher lückenhaft übersetze. Das Verfahren geht am 8. Oktober weiter.

Autor

Manfred Scherer
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Veröffentlicht am:
29. 09. 2019
18:16 Uhr

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Manfred Scherer

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Veröffentlicht am:
29. 09. 2019
18:16 Uhr



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