Lade Login-Box.
Topthemen: 30 Jahre GrenzöffnungBilder vom WochenendeHofer Filmtage 2019VER Selb

Kulmbach

Anklage war nicht zu halten

Die Angeklagte musste Gefängnis fürchten. 109 Fälle der Untreue waren ihr vorgeworfen worden. Doch den Gerichtssaal verließ die 31-Jährige als unbescholtene Frau.



Mit der Einstellung des Verfahrens endete am Freitag am Kulmbacher Amtsgericht ein Prozess gegen eine 31-jährige Kulmbacherin. Ihr war gewerbsmäßige Untreue gegenüber ihrer Arbeitgeberin vorgeworfen worden. Doch am Ende sah Amtsrichterin Sieglinde Tettmann keine Beweise für die Taten. Foto: Friso Gentsch/dpa
Mit der Einstellung des Verfahrens endete am Freitag am Kulmbacher Amtsgericht ein Prozess gegen eine 31-jährige Kulmbacherin. Ihr war gewerbsmäßige Untreue gegenüber ihrer Arbeitgeberin vorgeworfen worden. Doch am Ende sah Amtsrichterin Sieglinde Tettmann keine Beweise für die Taten. Foto: Friso Gentsch/dpa  

Kulmbach - Es kam gar nicht erst zu einem Urteil. Amtsrichterin Sieglinde Tettmann hat mit Zustimmung aller Verfahrensbeteiligten am zweiten Prozesstag ein Verfahren mit schwerwiegendem Inhalt gegen eine 31-jährige Frau eingestellt. Die Angeklagte konnte den Gerichtssaal als unbescholtene Frau verlassen. Rechtsmittel gegen den Beschluss sind nicht mehr möglich. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.

Der bis dato nicht vorbestraften Frau, die als Haushaltshilfe bei einer Rollstuhlfahrerin gearbeitet hatte, war vorgeworfen worden, sich 109 Mal am Konto ihrer Arbeitgeberin mit unberechtigten Abhebungen bereichert und insgesamt mehr als 18 000 Euro an sich gebracht zu haben. Angeklagt war die Kulmbacherin wegen gewerbsmäßiger Untreue. Wäre sie verurteilt worden, hätte ihr eine Freiheitsstrafe gedroht. Doch so weit kam es nicht. "Die Beweislage ist schwierig. Aussage steht gegen Aussage, und dann gibt es auch Ungereimtheiten", machte Richterin Sieglinde Tettmann deutlich, was eine Besprechung aller Verfahrensbeteiligten hinter verschlossenen Türen ergeben hatte. Die Angeklagte brauchte einige Zeit, bis sie begriff, was das für sie bedeutete. Dann flossen nicht nur bei ihr, sondern auch bei ihrer Mutter und Tante Tränen der Erleichterung. Die Schwester der Rollstuhlfahrerin hingegen fauchte noch wütende Sätze, bevor sie den Gerichtssaal verließ.

Das Gericht hatte es nicht leicht mit den Zeugen, die zu dem Tatvorwurf befragt wurden. Die Rollstuhlfahrerin sagte zwar aus, die Abhebungen von ihrem Konto seien zu Unrecht erfolgt. Die Angeklagte habe oft zwei Abhebungen getätigt, lautete die Anklage. Eine im Auftrag, von der anderen, wenige Minuten später getätigt, habe die Arbeitgeberin keine Ahnung gehabt. Auch aus den Kontoauszügen sei das nicht hervorgegangen. Die Angeklagte habe nach der ersten Abhebung Kontoauszüge gedruckt und dann, nach der zweiten Abhebung, nochmals und habe diesen Auszug dann verschwinden lassen. So sei es möglich gewesen, den Vorgang zu verschleiern.

Die Angeklagte stritt zwar die Abhebungen und auch die separaten Kontoauszüge pro Abhebung nicht ab. Sie sagte aber, das alles sei im Auftrag ihrer Arbeitgeberin geschehen. Warum sie diese ungewöhnliche Form des Geldabhebens verlangt habe, sei zwar verwunderlich gewesen, sie habe aber nicht gefragt. Schon während des ersten Prozesstags hatte sich Richterin Tettmann gefragt, wie angeblich unerlaubte Abhebungen von oft deutlich mehr als 1000 Euro im Monat über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr nicht auffallen konnten. Mehrfach und in kurzen Abständen musste das Konto der nach einem Unfall querschnittsgelähmten Frau mit Geld aus einer Versicherungsleistung wieder aufgefüllt werden. Trotzdem hatte niemand Verdacht geschöpft. Dreimal kurz hintereinander seien 10 000 Euro auf das leere Konto umgebucht worden, sagte die Richterin. "Dass man da nicht draufkommt, dass etwas nicht stimmt, das ist doch nicht nachvollziehbar."

Was möglicherweise mit dem Geld geschehen sein könnte, dafür lieferte die Angeklagte eine, wenn auch unbewiesene, Antwort. Die gelähmte Frau habe sich Internetbekanntschaften kommen lassen und Partys gefeiert. Dass sie mindestens einmal einen Mann via Internet zu sich eingeladen hatte, stritt die Rollstuhlfahrerin auch nicht ab.

Licht ins Dunkel konnte auch der Vater nicht bringen, der am Freitag als Zeuge aussagte. Er hatte die Kontoauszüge seiner Tochter willkürlich in der Reihenfolge abgeheftet, in der er sie gefunden habe. Die Auszüge seien überall gelegen: Auf dem Tisch, auf der Heizung, sogar hinter dem Schrank. Anders als seine Tochter, die gesagt hatte, dass das Fehlen des Geldes erst im Oktober bemerkt worden war, erinnerte sich der Vater, die Tochter bereits im Januar und noch einmal im frühen Sommer angesprochen zu haben. Kontrolliert habe aber trotz der offenen Fragen nach dem Verbleib des Geldes weder die Tochter noch der Vater. Der bestätigte, auf Nachfrage von Richterin Tettmann nach "Herrenbesuch", dass er zumindest von zwei Männern wisse.

Weitere Zweifel kamen auf, als die Kripobeamtin, die den Fall ermittelt hatte, dem Gericht erzählte, wie sie auf die 109 Fälle und die in der Anklage aufgeführten rund 18 000 Euro Schaden gekommen war. Sie sei immer dann, wenn nur ein Abhebungsbetrag auf einem Kontoauszug stand, von einer Tat ausgegangen. Die einzelnen ihr verdächtigen Abhebungen habe sie dann auch nicht mehr mit der Geschädigten besprochen, sondern sei davon ausgegangen, dass es sich immer um den gleichen Tatmodus gehandelt habe. Diesen "Modus" konnte das Gericht dann auch nicht nachprüfen: Die originalen Kontoauszüge, die damals der Polizei übergeben wurden, befinden sich nicht in der Akte und auch nicht im Asservatenverzeichnis der Justiz.

Nach dieser Aussage regte Verteidiger Andreas Piel die Einstellung des Verfahrens an. Nur 15 Minuten dauerte die Besprechung zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Heraus kam zum einen, dass es sich, wenn es die Taten tatsächlich gegeben hätte, nicht um Untreue, sondern um Unterschlagung gehandelt hätte. Das ist, was den Strafrahmen angeht, erheblich: Bei Untreue wäre nur eine Freiheitsstrafe in Frage gekommen. Unterschlagung hätte auch mit einer Geldstrafe geahndet werden können.

Damit war dann auch der Weg zur Einstellung des Verfahrens offen. Zu viele Fragen konnten während der Verhandlung nicht geklärt werden. Eindeutige Beweise gab es nicht. Die Geschädigte habe ausgesagt, erst im Oktober 2018 erstmals gemerkt zu haben, dass Geld fehlt. Dem stehe die Aussage des Vaters entgegen, der viel frühere Zeitpunkte genannt habe. "Auch die Beträge stimmen nicht", merkte Richterin Tettmann mit Blick auf die vielen vorgeworfenen Taten an. "Es wird schwierig sein, einen Tatnachweis zu führen", sagte die Richterin zum Schluss. Mit Blick auf die Angeklagte sagte sie: "Sie allein wissen, was passiert ist."

Autor

Melitta Burger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
30. 08. 2019
17:24 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angeklagte Anklage Geldstrafen Gerichtssäle Geschädigte Justizvollzugsanstalten Polizei Richter (Beruf) Staatsanwaltschaft Unterschlagung und Veruntreuung Zeugen
Kulmbach
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Hat eine Haushaltshilfe sich massiv vom Konto ihrer Arbeitgeberin bedient, oder hat die gelähmte Frau das Geld selbst ausgegeben? Diese Frage muss jetzt das Amtsgericht in Kulmbach klären. Schon jetzt ist klar, dass es noch mehrere Verhandlungstage geben wird. Foto: Fabian Sommer/dpa

09.08.2019

Gericht auf der Suche nach der Wahrheit

Eine junge Frau steht wegen des Vorwurfs der Untreue in 109 Fällen vor Gericht. Doch so einfach wie es zunächst schien, gestaltet sich der Fall vor Gericht keineswegs. » mehr

Trunkenheitsfahrt kostet 4000 Euro

11.08.2019

Trunkenheitsfahrt kostet 4000 Euro

Schon mehrfach wurde ein 49-Jähriger mit Alkohol am Steuer und ohne Führerschein erwischt. Die erneute verbotene Fahrt wird nun teuer für ihn. » mehr

War der Vorfall, durch den ein neunjähriger Junge vor zwei Jahren in Ziegelhütten durch zwei Rottweiler schwer verletzt worden war, ein bedauerlicher Unfall oder eine Körperverletzung? Das wird jetzt das Landgericht beschäftigten.

02.08.2019

Prozess: Rottweiler-Halter nimmt Berufung unter Protest zurück

Nach dem Angriff zweier Rottweiler auf ein Kind hatte das Amtsgericht den Halter verurteilt. Die zweite Instanz ging überraschend schnell zu Ende. Das Urteil hat Rechtskraft. » mehr

20.05.2019

Gewaltexzess im Rausch

Tritte gegen den Kopf, ein Finger im Auge, ein gebrochenes Bein: Drei junge Leute kommen bei der Amtsrichterin noch einmal mit Bewährung davon. » mehr

Wer seine Hände nicht bei sich behalten kann, muss mit Strafe rechnen, wenn sich das Gegenüber dadurch belästigt fühlt. Ein Prozess gegen zwei junge Männer aus Eritrea ist vor dem Kulmbacher Amtsgericht jetzt eingestellt worden.

07.08.2019

Gericht stellt Verfahren wegen sexueller Belästigung ein

Zwei junge Männer flirten mit zwei Frauen. Es kommt zu Berührungen, die mindestens eine zurückweist. Anzeigen will sie die Männer aber auch nicht. Das Verfahren wird eingestellt. » mehr

Mann droht Nachbarn mit dem Tod

09.10.2019

Prozess um Entführung: Einblick in den Menschenhandel

Im Prozess um eine Entführung in Kulmbach sagt der letzte Zeuge aus, der nach eigenen Angaben Bodybuilder ist. Mit einem Handgriff soll alles angefangen haben. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Eddy

Katzen aus Lichtenberg |
» 5 Bilder ansehen

Wunsiedel

20. Wunsiedler Kneipennacht | 09.11.2019 Wunsiedel
» 98 Bilder ansehen

Kickers Selb - FC Vorwärts Röslau

Kickers Selb - FC Vorwärts Röslau | 09.11.2019 Selb
» 5 Bilder ansehen

Autor

Melitta Burger

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
30. 08. 2019
17:24 Uhr



^