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Kulmbach

Apotheker kritisieren Mangelwirtschaft

Gesetzliche Krankenkassen zahlen neuerdings für die Impfung gegen Gürtelrose. Viele Menschen in der Region wollen sich schützen, doch der Impfstoff ist nicht mehr erhältlich.



Es wäre nur ein kleiner Piks gegen die Gürtelrose, aber der Impfstoff fehlt. Foto: Africa Studio /Adobe Stock
Es wäre nur ein kleiner Piks gegen die Gürtelrose, aber der Impfstoff fehlt. Foto: Africa Studio /Adobe Stock  

Kulmbach - Alle Menschen im Alter über 60 Jahren sollten sich gegen Gürtelrose impfen lassen, empfiehlt die Ständige Impfkommission. Denn an der hochansteckenden Infektion, auch Herpes Zoster genannt, erkranken in Deutschland 300 000 Menschen jährlich. Weil sie besonders im Alter oft einen schweren Verlauf nimmt, beschloss der gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken auf Empfehlung der Ständigen Impfkommission im März, gesetzlich Versicherten ab 60 Jahren vom 1. Mai an die Impfkosten zu erstatten. Gut gemeint, doch der Impfstoff ist seit vielen Wochen in der Region kaum lieferbar.

Was ist Gürtelrose?

Ausgelöst wird die Gürtelrose - wie Windpocken - durch das Varizella-Zoster-Virus (VZV). Wer sich zum ersten Mal mit diesem Virus ansteckt, bekommt Windpocken (Varizellen). Ist die Kinderkrankheit ausgestanden, verbleiben die Viren im Körper und schlummern in Nervenzellen entlang des Rückenmarks (Spinalganglien). Einmal aufgewacht, breiten sich die Viren entlang bestimmter Nervenbahnen aus und entzünden Gewebe. In den betroffenen Abschnitten, meist an Brust und Rücken, bildet sich der unangenehme und schmerzhafte Hautausschlag oft "gürtelförmig" aus, daher der Name.

Dass die Erreger überhaupt wieder aufwachen, ist zumeist einem geschwächten Immunsystem zu "verdanken". Zu den Risikofaktoren für eine Gürtelrose gehören immenser Stress und seelische Belastung, hohe Dosen an UV-Strahlung, grippale Infekte, AIDS, Krebserkrankungen, Chemotherapie, Immunsuppressiva und angeborene Immundefekte. Da die Körperabwehr mit dem Alter abnimmt, tritt die Gürtelrose meist erst in einem Alter ab 40 Jahren auf; bei Kindern oder jungen Erwachsenen ist sie sehr selten.

Gürtelrose-Patienten sind ab dem Auftreten der Hautbläschen bis zu deren vollständigem Verkrusten ansteckend. Die Viren werden durch direkten Kontakt mit den Bläschen oder indirekt über Gegenstände übertragen, die der Patient berührt hat. Im Allgemeinen dauert dies fünf bis sieben Tage. In seltenen Fällen können auch Personen an Gürtelrose erkranken, die keine Windpocken hatten.

Einmal infiziert, verspürt der Patient eine Art Kribbeln am betroffenen Hautareal, das nach zwei bis drei Tagen in Schmerzen übergeht. Gleichzeitig bildet sich der typische Gürtelrose-Ausschlag (auch Zoster genannt). Bis zu fünf Tage halten sich die Bläschen, in zwei bis zehn Tagen trocknen sie dann aus. Mit Abfallen der Krusten verschwindet der Ausschlag. Nach zwei bis vier Wochen ist die Gürtelrose äußerlich überstanden. Jedoch entwickeln Patienten mitunter eine postherpetische Neuralgie: Sie leiden noch bis zu Monaten nach Abheilen der Bläschen unter schweren Schmerzen.


Die gute Nachricht von der Kostenübernahme führte zu einer großen Nachfrage nach dem Impfstoff Shingrix des Herstellers Glaxo-Smith-Kline (GSK). Das Robert-Koch-Institut empfiehlt Shingrix, weil er das Risiko zu erkranken deutlich senkt. Zugelassen ist der Impfstoff zur Vorbeugung von Herpes Zoster und postzosterischer Neuralgie ab einem Lebensalter von 50 Jahren.

Extrem schwierige Situation: Von heftigen Auseinandersetzungen und einer extrem schwierigen Situation spricht Dr. Hans-Peter Hubmann. Der Vorsitzende des Bayerischen Apothekerverbandes und Sprecher der Apotheker im Landkreis Kulmbach macht aus seinem Ärger keinen Hehl. "Die Ärzte wenden sich an die Apotheken und wollen händeringend den Wirkstoff haben", berichtet er. Anfang September sei zuletzt eine kleine Menge geliefert worden, aber sie deckt bei weitem nicht den Bedarf. Der Mangel besteht unverändert fort.

Der Apotheker kann sich erinnern, dass es in anderen Fällen schon Lieferprobleme gegeben hat. Diesmal ist die Dimension eine andere. "In dieser Massivität ist das sehr selten", sagt Hubmann. Entsprechend groß sei mittlerweile der Verdruss bei Ärzten, Apothekern und dem Großhandel für Medikamente. Und natürlich wirke sich die Situation auf den Patienten aus.

Streit um Packungsgrößen: Menschen im Alter ab 60 Jahren sowie Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung wie einer Immunschwäche könnten die Impfung eigentlich als Kassenleistung erhalten. Dass Impfen nützt und schützt, kann Hans-Peter Hubmann nur betonen. Wenn Patienten sich für den Schritt entschließen, sei das sehr zu begrüßen. Umso ärgerlicher ist es, wenn dann der Impfstoff nicht zur Verfügung steht. Der genaue Grund, warum der Hersteller nicht liefert, ist dem Kulmbacher Apotheker schleierhaft. Dass es problematisch wird, hat sich allerdings schon im Frühjahr abgezeichnet. Zuerst gab es großen Streit um die Packungsgrößen. Danach hieß es, dass das Mittel nicht lieferfähig ist - voraussichtlich bis Ende dieses Jahres.

Der Hersteller hat zugesichert, das Problem beheben zu wollen. Er spricht von einer sehr großen Nachfrage nach dem Gürtelrose-Impfstoff, die zu dem Lieferengpass geführt habe.

Kampf um die zweite Ration: In der gesamten Region ist der Impfstoff Mangelware. Die Süd-Apotheke im Coburger Stadtteil Ketschendorf hat Anfang September lediglich eine Großpackung bekommen. "Jetzt ist Shingrix erneut nicht lieferbar", berichtet Felix Planer. Zu Beginn des Monats war der Impfstoff kurzzeitig verfügbar. Die Zehnerpackung war schnell verkauft. 30 Packungen gingen in der Süd-Apotheke in diesem Jahr bereits über den Ladentisch. "Das spricht schon dafür, dass das Serum gut angenommen wird", sagt der pharmazeutisch-technische Assistent. Wer die erste Impfdosis erhielt, konnte mithilfe von Partnerapotheken gerade so auch mit der notwendigen zweiten Ration versorgt werden. "Das war teilweise schon ein Kampf", schildert Planer.

Shingrix sei beileibe kein Einzelfall: "88 Medikamente, die wir normalerweise im Sortiment haben, fehlen uns derzeit, weil sie nicht lieferbar sind", sagt Felix Planer. Das Serum gegen Gürtelrose ist nur die Spitze des Eisbergs, bestätigen andere Apotheker.

Derweil rät der Shingrix-Hersteller dringend dazu, neue Impfserien nur zu beginnen, wenn die nächste Dosis gewährleistet ist: "Der Arzt sollte sicherstellen, dass er jeden Patienten zweimalig impfen kann, bevor er bei weiteren Patienten mit der Impfung beginnt", wird eine GSK-Sprecherin zitiert.

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Bettina Knauth, Stefan Linß
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Veröffentlicht am:
01. 10. 2019
16:38 Uhr

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Bettina Knauth, Stefan Linß

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Veröffentlicht am:
01. 10. 2019
16:38 Uhr



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