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Kulmbach

Auf dem Weg ins Ungewisse

Heute ist der Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung. Siegfried Philipp flüchtete vor 74 Jahren aus Schlesien - und kam über Neuenmarkt nach Lanzendorf.



Siegfried Philipp kann sich kaum mehr vorstellen, wie es war, als kleines Kind aus Schlesien zu flüchten. Er kam damals am Bahnhof Neuenmarkt an. Von dort aus ging es weiter nach Lanzendorf.
Siegfried Philipp kann sich kaum mehr vorstellen, wie es war, als kleines Kind aus Schlesien zu flüchten. Er kam damals am Bahnhof Neuenmarkt an. Von dort aus ging es weiter nach Lanzendorf.   » zu den Bildern

Lanzendorf - Siegfried Philipp war gerade einmal etwas älter als drei Jahre, als er seine Heimat Schlesien verlassen musste. Heute, 74 Jahre später, am Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung, erinnert er sich zurück, wie er aus Schlesien über Neuenmarkt nach Lanzendorf kam.

20. Juni - Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung

Gedenktag: Das Bundeskabinett hat am 27. August 2014 beschlossen, dass ab dem Jahre 2015 jährlich am 20. Juni der Opfer von Flucht und Vertreibung gedacht werden soll. Mit dem Datum knüpft die Bundesregierung an den Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen an und erweitert das Flüchtlingsgedenken um das Schicksal der Vertriebenen.

Großes Leid: Flucht und Vertreibung bedeuten für die Betroffenen großes Leid. Flüchtlinge werden ermordet, vergewaltigt und seelisch verletzt. Gewachsene Kulturräume werden zerstört. Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht wie 2018: Laut Zahlen der UNO-Flüchtlingshilfe sind es über 68,5 Millionen - viele als Flüchtlinge im Ausland, der größere Teil als Vertriebene im eigenen Land. Es war ein Jahr der Extreme: In Bangladesch entstand das größte Flüchtlingslager der Welt, Venezuela erlebt die größte Fluchtbewegung in der Geschichte Lateinamerikas und im Jemen hat sich eine der größten humanitären Krisen der Welt entwickelt.

Teil der Geschichte: Flucht und Vertreibung sind auch Teil der europäischen Geschichte. Millionen Menschen mussten im Kontext des Zweiten Weltkrieges ihre Heimat verlassen. Die Vertreibung der europäischen Juden fand ihr grauenvolles Ende in den Vernichtungslagern. Auch Millionen Deutsche mussten ihre angestammte Heimat verlassen.

Wille zur Aussöhnung: Am Gedenktag wird der Opfer von Flucht und Vertreibung und insbesondere der deutschen Vertriebenen gedacht. Hierdurch soll deutlich werden, dass der Wille zur Versöhnung und zum Neuanfang sowie der Zusammenhalt in der Gesellschaft das Fundament bilden, auf dem Deutschland heute Menschen aus 190 Nationen eine Heimat bietet. Quelle: Innenministerium/UNO

Wie mag das wohl gewesen sein, als Philipp als kleiner Junge am 7. März 1945 in einen Rot-Kreuz-Zug stieg, um sich auf den Weg ins Ungewisse zu machen? "Meine Mutter hatte mich und meine ältere Schwester in einen Eisenbahnwaggon gesteckt. Abends fuhr der Zug ab - von Waldenburg nach Westen. Wir sind nur nachts gefahren, denn tagsüber wäre es wegen der Tiefflieger zu gefährlich gewesen", sagt Philipp. Niemand wusste so recht, wo die Reise hingehen würde. Reise? Es war eine Flucht. "Der Schreckenstenor war, dass die Polen in unsere Häuser kommen."

Das Rote Kreuz hatte einen Personenzug organisiert. Alle, die mitfahren konnten und durften, hofften auf ein gutes Ende. Insgesamt fuhr der Zug drei lange Nächte. Am Samstag, 10. März 1945, hieß es dann: "Alle aussteigen!" Die Fahrt endete am Bahnhof Neuenmarkt-Wirsberg. Die Familie hievte ihr Gepäck aus dem Zug auf den Bahnsteig. Sie hatte nur einen einzigen Koffer mit dem Nötigsten dabei: etwas Wäsche, einige Fotos von Tanten, Onkeln, von Oma und Opa und vom Häuschen zu Hause. Alles andere musste daheim bleiben.

Jetzt galt es, alles loszulassen. Die Mutter war fortan allein für die zwei kleinen Kinder - Siegfried Philipp und seine Schwester - verantwortlich. Der Vater musste in der alten Heimat zurückbleiben, denn seine Kenntnisse als Grubenschmied im Bergwerk waren sehr gefragt. Ein halbes Jahr später überbrachte der Lanzendorfer Gemeindediener der kleinen Familie eine traurige Nachricht: "Vater am 9. Oktober an Typhus gestorben."

Philipp versucht sich zu erinnern, wie es war, vor 74 Jahren am Bahnhof in Neuenmarkt anzukommen - gestrandet in der Fremde mit unzähligen anderen Frauen und Kindern, die hungrig und durstig am Gleis standen, in abgetragenen Hosen und Mänteln. Der Bahnhof war aber noch nicht die Endstation der langen Reise. Die Flüchtlinge stiegen auf ein Pferdefuhrwerk, immer so viele, bis kein Platz mehr war. Dann wurden sie etliche Kilometer über staubige Landstraßen gefahren, bis sie schließlich im idyllischen Lanzendorf ankamen. "Da war ein kleiner Bach neben der Straße, auf dem ein paar Enten herumschwammen", sagt Philipp. Bei einem stattlichen Bauernhaus stoppte der Fahrer das Fuhrwerk. "Gepäck abladen!", rief er. "Viel Gepäck hatte meine Mutter ja nicht dabei: Einen Koffer, mich und meine Schwester." Das Bauernhaus sollte ihre neue Heimat werden. Die Haustür wurde geöffnet. "Wir gingen hinein, zögernd, in ein fremdes Haus. Dann war klar: Hier dürfen wir bleiben", sagt Philipp. Wo ist mein Bett, wo ist mein Tisch, wo darf ich spielen? Der kleine Siegfried ist voller Erwartungen - und glücklich. Die Mutter weint, ob vor Freude oder vor Schmerz, wissen die Kinder nicht.

Genau fünf Wochen später kamen Soldaten in den kleinen Ort. Doch die Mutter beruhigte ihre zwei kleinen Kinder: ",Keine Angst, wenn ihr brav bleibt, dann schießen sie nicht‘, sagte sie. Mutter war immer in unserer Nähe", erzählt Philipp. So gewöhnten sich die Kinder schnell an die neue Umgebung, obwohl sie nach einigen Monaten in ein anderes Bauernhaus am Schwärzhügel umziehen mussten. Und das sollte nicht der letzte Umzug gewesen sein. Erst ging es in ein anderes Bauernhaus in den Ortsteil Kremitz zur Familie Pösch, dann noch einmal zurück nach Lanzendorf in das Haus der Familie Pöhlmann in der Nähe des "Roten Ochsen" und schließlich in den zweiten Stock unter dem Dach eines alten Hauses bei der Familie Schmierbrenner. "Hier verbrachte ich mit meiner Mutter 35 lange Jahre. Immer mit dem Gedanken: Was wird aus unsrer alten Heimat geworden sein?", sagt Philipp. Und so vergingen die ersten Jahre in der Geborgenheit der neuen Heimat. Das kleine Dorf erfüllte sich in den Nachkriegsjahren mit neuem Leben. Etliche Flüchtlinge, die man später "die Vertriebenen" nannte, brachten auch neue Berufe in den Ort, zum Beispiel Glasmacher. "Man lebte sich ein - notgedrungen. Aber immer wieder kamen die Gedanken: Wie wird es zu Hause wohl sein? Werden wir unsere Heimat je wiedersehen?", berichtet Philipp. Erst im Herbst 1973 bot sich für Siegfried Philipp die Gelegenheit, den Ort seiner Kindheit noch einmal zu besuchen. Für ihn bot sich ein trauriges Bild: Von den einst blühenden Gärten im Ort war keine Spur mehr zu sehen, viele Häusern waren verwahrlost - auch die einst so glanzvolle und bekannte Fürstliche Gärtnerei Liebichau. Im Frühjahr 2016 besuchte Siegfried Philipp noch einmal die alte Heimat. Sein Geburtshaus war inzwischen abgerissen worden, nur noch der Grundstein ließ erahnen, wo es einst stand. Das Bahnwärterhäuschen am Bahnhof war inzwischen außer Funktion, doch die Bahnwärterin, die 1973 dort gearbeitet hatte, zeigte alte Fotos, die die Erinnerungen wach werden ließen. Philipp ist gerührt, wenn er zurückdenkt: "So schließt sich langsam der Lebenskreis, der Anfang wurde noch einmal lebendig."

Autor

Martin Kreklau
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
19. 06. 2019
18:02 Uhr

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Martin Kreklau

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Veröffentlicht am:
19. 06. 2019
18:02 Uhr



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