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Kulmbach

Aus praktischer Erfahrung lernen

Seit hundert Jahren gibt es Waldorfschulen. Die Einrichtung in Wernstein ist fast 40 Jahre alt. Das nimmt die Schule zum Anlass zu feiern und für ihre Pädagogik zu werben.



Solche Erinnerungen bleiben ewig: Drittklässler der Wernsteiner Schule bearbeiteten selbst einen Acker, säten mit Hilfe eines Landwirts Getreide, verfolgten das Wachstum und die Ernte. Foto: Waldorfschule Wernstein
Solche Erinnerungen bleiben ewig: Drittklässler der Wernsteiner Schule bearbeiteten selbst einen Acker, säten mit Hilfe eines Landwirts Getreide, verfolgten das Wachstum und die Ernte. Foto: Waldorfschule Wernstein  

Wernstein - Draußen toben Kinder im Schnee, rodeln, bauen ein Iglu. Im Lehrerzimmer bereitet Waldorf-Lehrerin Franziska Bartels eine Ausstellung vor, die zum hundertjährigen Jubiläum der Waldorf-Pädagogik am 17. Januar im Fritz eröffnet wird. Franziska Bartels strahlt, wenn sie die vielen Fotos betrachtet, die von einem Schülerprojekt gemacht wurden, das an staatlichen Schulen wohl eher die Ausnahme sein dürfte. An der Waldorfschule in Wernstein gehören solche Projekte fest dazu. Die Fotos zeigen Drittklässler, die gemeinsam einen Acker bearbeiten. Bilder zeigen, wie Kinder versuchen, gemeinsam einen Pflug zu ziehen, wie sie von Hand Getreide säen, das Feld betreuen. Die Erinnerungen daran, sagt die Lehrerin, werden die Kinder immer haben. "Auswendig lernen verbindet nicht so stark. Woraus lernt man denn am besten? Aus Erfahrungen! Das sind welche."

Waldorfschule Wernstein stellt sich vor

Mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen feiert die Waldorfschule in Wernstein das hundertjährige Bestehen der Waldorfschulen.

Auftakt ist am Donnerstag, 17. Januar, 17 Uhr, mit der Eröffnung einer Ausstellung rund um die Schule im Einkaufszentrum Fritz in Kulmbach. Die Schau in dem Geschäft gleich rechts nach dem Haupteingang zeigt vier Wochen Bilder aus dem Schulalltag, Arbeiten von Schülern und stellt die Waldorf-Pädagogik vor.

Am 19. Januar und am 30. März gibt es jeweils von 10 bis 12 Uhr Infotage direkt in der Waldorfschule. Angeboten werden Führungen durch die Schule. Für Kinder wird ein Mitmach-Schultag angeboten. Die Erwachsenen sind derweilen zu einem Impulsvortrag eingeladen und können Fragen zur Waldorf-Pädagogik stellen.

Einen Tag der offenen Tür bietet die Schule dann am Samstag, 2. Februar, von 10 bis 14 Uhr an. Der Tag startet mit Vorführungen der Schüler im Saal der Schule in Wernstein. Dann gibt es wieder die Möglichkeit zum Mitmach-Unterricht und anschließend findet ein Podiumsgespräch mit ehemaligen Waldorf-Schülern statt, die aus ihren eigenen Erfahrungen berichten.


Vor hundert Jahren fing alles an

Im Jahr 1919 gründete Rudolf Steiner zusammen mit dem Unternehmer Emil Molt, Besitzer der damaligen Waldorf Astoria Zigarettenfabrik, für die Arbeiterkinder in Stuttgart die erste Waldorfschule. Mit dieser Schule wurde zum ersten Mal das Prinzip sozialer Gerechtigkeit im Bildungswesen verwirklicht, schreibt der Bund der Freien Waldorfschulen in seinem geschichtlichen Rückblick. Waldorfschulen, wenn man so will, sind die ersten Gesamtschulen überhaupt. Sie setzten auf gemeinsame Bildung, unabhängig vom angestrebten Schulabschluss.

Die Waldorfschulen haben mit der Auslese auch das übliche Zensurensystem abgeschafft. Die Zeugnisse bestehen aus detaillierten Charakterisierungen, die die Leistung, den Leistungsfortschritt, die Begabungslage, das Bemühen in den einzelnen Fächern aufzeigen. Erst wenn es in die staatlichen Prüfungen, ob Quali, Mittlere Reife oder Abitur, geht, kommen auch Noten ins Spiel. Sitzenbleiben gibt es an Waldorfschulen nicht. Der Lehrplan der Waldorfschulen ist auf die Weite der in den Kindern liegenden seelischen und geistigen Veranlagungen und Begabungen ausgerichtet. Deshalb tritt vom ersten Schuljahr an neben die mehr sachbezogenen Unterrichtsgebiete ein vielseitiger künstlerischer Unterricht.


Franziska Bartels versteht es, eine Geschichte packend zu erzählen. Emotional berührt berichtet sie, wie aus einem Korn sieben Halme wuchsen, wie die Kinder, als der Roggen reif war, diese sieben Halme geerntet und die Körner gezählt haben. "Aus einem Korn sind 385 Körner geworden. Das zu erleben, wirkt auf die Achtung vor den Dingen. Und rechnen kann man damit auch gleich noch verbinden."

Die Waldorfschulen arbeiten mit anderen Ansätzen. Fast 40 Jahre werden die nun auch schon an der Wernsteiner Schule gelebt, die derzeit in den Klassen eins bis neun rund 100 Schülerinnen und Schüler besuchen. Franziska Bartels berichtet von der Waldorf-Ausbildung, die jeder Lehrer nach der üblichen Hochschulausbildung absolvieren muss. "Wie funktioniert ein Kind? In welchem Alter braucht es welches Futter?" Es gehe darum, den Kindern das anzubieten, das sie in ihrem individuellen Entwicklungsstadium aufnehmen können. So, davon ist Franziska Bartels überzeugt, kann man den Kindern ihre Freude erhalten. "Die Kinder wollen ja in die Schule gehen, wollen lernen." Dabei gehe es nicht nur darum, den Intellekt zu schulen. Auch das Gefühl und der Körper spielen eine große Rolle. "Man sollte nicht immer nur sitzen, sondern sich viel bewegen. Das Fühlen kann man sehr gut durch Künstlerisches entwickeln." Alles, was man Kindern beibringt, müsse so ansprechend gestaltet sein, dass sie es gerne aufnehmen. Die Kinder sollen eingebunden werden, zum Beispiel wenn sie ihre Lehrbücher selbst gestalten.

Leicht hat es diese Schule mit ihren besonderen Ansprüchen nicht. 1980 gegründet, startete die kleine Schule zunächst mit den privaten Mitteln, die Eltern aus ganz Oberfranken investiert haben, um ihre Kinder außerhalb des staatlichen Schulsystems unterrichten zu lassen. Irgendwann flossen auch staatliche Zuschüsse. Aber die reichen nicht aus. Weiterhin gibt es Elternbeiträge, um die Schule mit ihren 15 Beschäftigten zu finanzieren.

Die Klassen an der Waldorfschule in Wernstein sind klein. Zehn Kinder gehen in die erste Klasse, in der zweiten sind es 15, in der dritten zwölf. In diesen kleinen Gruppen lässt es sich leichter lernen, ist es leichter möglich, auf jedes einzelne Kind einzugehen. Trotzdem wünscht sich die Schule mehr Kinder. Wären es 200, sagt Franziska Bartels, ließe sich das alles viel besser rechnen.

Dafür nehmen Eltern, die von dieser Art der Pädagogik überzeugt sind, viel auf sich. Nicht nur das Schulgeld. Viele sind eigens wegen der Schule nach Wernstein gezogen, haben sich dort niedergelassen. Die Waldorfschule war es, die schließlich auch Demeterhöfe und eine Demetergärtnerei entstehen ließ, erzählt Franziska Bartels. Als die Einrichtung in Wernstein gegründet wurde, war sie die siebte ihrer Art in Bayern. Wer Waldorf wollte, musste dafür Opfer bringen und tat es gern. Dass Eltern aktiv am Schulgeschehen teilnehmen, ist in Wernstein eine Selbstverständlichkeit.

Lebendiger Unterricht mit viel praktischer Erfahrung ist eines der Merkmale der Waldorf-Pädagogik. Die Schüler müssen keine Angst vor schlechten Noten haben, denn es gibt keine. Der qualifizierende Hauptschulabschluss ist das erste Ziel für alle. Danach wird in Wernstein, wenn es genügend Interessenten gibt, noch eine weitere Klasse für die Vorbereitung auf den mittleren Bildungsabschluss angeboten. Wer das Abi anstrebt, wechselt entweder in die staatlichen Schulen oder in eine Waldorfschule, die bis zur Hochschulreife führt.

Weitere Informationen über die Waldorfschule in Wernstein gibt es im Internet unter: www.waldorfschulewernstein.de.

Infos über das hundertjährige Jubiläum sind zu finden unter: www.waldorf-100.org


zitat

Auswendig lernen

verbindet nicht so

stark. Woraus lernt man denn am besten?

Aus Erfahrungen!


Franziska Bartels, Waldorf-Lehrerin


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Melitta Burger
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Veröffentlicht am:
11. 01. 2019
17:28 Uhr

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