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Kulmbach

Auto-Experte warnt vor Panik

Dieselgate, SUV-Hass und Flug-Scham gehören zu den Schlagworten beim Thema Mobilität. Kfz-Sachverständiger Heinz Burger rät zur Vernunft und will grundlegende Konzepte.



Wohin entwickelt sich der innerstädtische Verkehr? In Kulmbach nutzen viele Menschen ihr eigenes Auto, um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren. Die autogerechte Stadt ist keine Lösung für die Zukunft, sagt Kfz-Sachverständiger Heinz Burger. Foto: Stefan Linß
Wohin entwickelt sich der innerstädtische Verkehr? In Kulmbach nutzen viele Menschen ihr eigenes Auto, um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren. Die autogerechte Stadt ist keine Lösung für die Zukunft, sagt Kfz-Sachverständiger Heinz Burger. Foto: Stefan Linß  

Kulmbach - Wer mobil sein will, der hat es derzeit nicht leicht. Der Klimaschutz beherrscht alle Lebensbereiche und besonders den Verkehr. Manche Menschen verzichten wegen des hohen Kohlendioxidausstoßes bereits auf Flugreisen. Wen der Flugscham noch nicht gepackt hat, der kommt trotzdem nicht weg, weil er mit dem insolventen Veranstalter Thomas Cook gebucht hat. Auch mehrere Kulmbacher Kunden müssen aktuell fürchten, dass sie ihren geplanten Urlaub nicht antreten können, heißt es in den Reisebüros. Aufs Auto umzusteigen, ist womöglich auch keine gute Lösung. Es drohen Staus und steigende Spritpreise. Bei der Internationalen Automobilausstellung marschierten Demonstranten auf. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Schreckensmeldung. Der Dieselgate-Skandal ist zwar fast vergessen, dafür macht jetzt der SUV-Hass die Runde. Der Kulmbacher Kfz-Sachverständige Heinz Burger warnt vor Panikmache und ruft zum Nachdenken auf.

Ein Kombi mit besserer Sicht: Ein Sport Utility Vehicle, abgekürzt mit der englisch ausgesprochen Bezeichnung SUV, ist ein Auto mit größerer Bodenfreiheit, das aussieht wie ein Geländewagen. "Ein SUV ist ein höher gelegtes Fahrzeug ganz ähnlich wie ein Kombi", erklärt Heinz Burger. "Es lässt sich viel einladen. Außerdem sitzt man erhöht und hat dadurch eine bessere Sicht."

Nach dem tragischen SUV-Unfall mit vier Toten in Berlin ereignete sich vor wenigen Tagen in Reisdorf in Thüringen wieder ein schwerer Unfall. Erneut raste ein SUV in Fußgänger. Diesmal starben zwei Menschen. Im Gespräch ist nun ein SUV-Verbot für Innenstädte. Experten wie Heinz Burger sagen zwar, dass von anderen Autos aufgrund der Masseverhältnisse genauso viele Gefahren für Fußgänger und Radfahrer ausgehen wie von SUVs. Trotzdem richtet sich der Zorn vieler Menschen nun vorwiegend gegen die sogenannten Stadtpanzer.

Politikerin im SUV bedroht: In Düsseldorf soll am vergangenen Samstag eine FDP-Politikerin, die in der Innenstadt mit ihrem SUV unterwegs war, von einem etwa 15 Menschen starken Mob beschimpft und offen bedroht worden sein. Darüber berichtet die Zeitung Express. Offenbar geschah die Tat aus Hass gegen das Automodell.

SUV ist nicht gleich SUV. Es gibt Varianten mit 300 PS genauso wie mit 80 PS, sagt Heinz Burger. Eine Geländelimousine verbrauche nicht zwingend mehr Sprit als ein Kombi. Aber sie stehe eben sinnbildlich für einen Zeitgeist. Die Industrie habe die SUVs beworben mit den Attributen Freiheit und Lebensgefühl. Es sei möglich, dass sich einige Kunden wegen der anhaltenden Diskussion statt eines SUVs in Zukunft lieber ein unauffälligeres Auto kaufen. Vielleicht steigen einige um auf Elektromobilität und machen sich damit auf ganz andere Weise zum Umweltsünder.

Umweltfreundliches Elektroauto: Nur wenn das Elektroauto zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien mit Strom versorgt wird, sei es wirklich umweltfreundlich, betont der Kfz-Sachverständige. Unabhängig davon stelle sich die Frage, an welchen Orten ein Elektrofahrzeug überhaupt sinnvoll eingesetzt werden kann. "Die nötigen Verkehrskonzepte fehlen an allen Ecken und Enden", sagt Burger.

Menschen und Güter müssen auch in Zukunft bewegt werden. Ob mit der Bahn, mit dem Bus, dem Lastwagen oder dem eigenen Kraftfahrzeug - es gibt viele Möglichkeiten. Die Ideen müssen zusammenpassen und ineinandergreifen. "Es bringt nichts, über ein einzelnes Auto zu streiten."

In der Familie anfangen: Wer die Mobilität verändern will, könne im eigenen Umfeld anfangen, rät Burger. Es sei sinnvoll, in der Familie und in der Nachbarschaft Fahrgemeinschaften zu bilden, um gemeinsam zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren.

Verkehr von außerhalb: Fritz Hornschuch, der Gründer der Kulmbacher Spinnerei, habe es einst vorgemacht. Rund um seine Fabrik wohnten die Arbeiter. Sie konnten bequem zu Fuß in den Betrieb gehen und hatten in unmittelbarer Nähe Geschäfte und Freizeitangebote. Heutzutage wohnen die Menschen in den Randbezirken. Zum Einkaufen fahren sie mit dem Auto. Verkehrsströme sind danach ausgerichtet worden. Dasselbe Problem gibt es bei den Schulen. Die Dorfschulen sind verschwunden. Je zentraler die Einrichtungen liegen, desto mehr Verkehr von außerhalb verursachen sie.

Die autogerechte Stadt ist keine Lösung, sagt Burger. Ein Denkansatz wäre, ein generelles Fahrverbot in den Innenstädten durchzusetzen. Es brauche dabei Entwicklungskonzepte, die neue Ideen berücksichtigen. Für Autos, Flugzeuge oder Kreuzfahrtschiffe müssen umweltfreundliche Antriebsmöglichkeiten umgesetzt werden. Die Industrie sei gefragt. Hingegen sei es unfair, nur den Verbraucher in die Verantwortung zu ziehen.

Nach dem Skandal: "Es ist wichtig, etwas Sinnvolles und Nachhaltiges zu tun statt in Panik zu verfallen", sagt Burger und denkt dabei an Dieselgate. Der Skandal um Abgasmanipulationen bei VW habe gezeigt, wie schnell die Menschen ihr Verhalten in die eine oder andere Richtung verändern können. Im Jahr 2017 hatte die Affäre um manipulierte Werte ihren Höhepunkte erreicht. Der Wiederverkaufswert der Autos mit den betroffenen Motoren ist damals eingebrochen. Auch die Zahl der neu zugelassenen Diesel-Pkw sank. Mittlerweile haben sich der Verkaufswert und die Zulassungszahlen wieder auf dem Niveau vor der Affäre eingependelt, stellt der Kulmbacher Kfz-Sachverständige fest.

Die Zeitspanne, in der sich die Menschen über einen Skandal empören, ist also durchaus überschaubar. Heinz Burger hält es für plausibel, dass es beim SUV-Hass ähnlich abläuft.

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Stefan Linß
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Veröffentlicht am:
24. 09. 2019
18:18 Uhr

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Stefan Linß

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Veröffentlicht am:
24. 09. 2019
18:18 Uhr



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