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Kulmbach

Bestattungen künftig ohne Sarg?

Moslems muss es möglich sein, auch in Bayern nur in Leintüchern bestattet zu werden, sagt die SPD. Bestatter halten dagegen: Das sei nicht praktikabel.



Bayern ist eines von nur noch drei Bundesländern, in denen für eine Bestattung ein Sarg vorgeschrieben ist. Vor allem für Angehörige des islamischen Glaubens ist das ein Ausschlusskriterium für eine Beisetzung in Bayern. Doch möglicherweise fällt bald auch im Freistaat dieses Gesetz. Foto: Wolfram Kastl/dpa
Bayern ist eines von nur noch drei Bundesländern, in denen für eine Bestattung ein Sarg vorgeschrieben ist. Vor allem für Angehörige des islamischen Glaubens ist das ein Ausschlusskriterium für eine Beisetzung in Bayern. Doch möglicherweise fällt bald auch im Freistaat dieses Gesetz. Foto: Wolfram Kastl/dpa  

Kulmbach - "Sargpflicht ist von gestern und passt nicht zum modernen, weltoffenen Bayern", sagt der Nürnberger SPD-Politiker Arif Tasdelen. Die SPD hat einen Antrag in den Landtag eingebracht, der die Sargpflicht für Bestattungen im Freistaat aufheben soll. Es spricht einiges dafür, dass der Antrag am Ende durchgeht. Bayern ist neben Sachsen und Sachsen-Anhalt das einzige Bundesland, in dem diese Verpflichtung noch gilt. Wichtig ist das Anliegen vor allem für Moslems. Sie kennen in ihrer Bestattungskultur keinen Sarg. Verstorbene werden in Leintücher gehüllt, wenn sie beigesetzt werden. Doch ganz so einfach ist es nicht, diese Vorstellungen umzusetzen, warnen Bestatter.

Der Kulmbacher Bestatter Michael Stübinger macht aus seiner Meinung kein Geheimnis: "Die Aufhebung der Sargpflicht ist für mich ein Krampf. Wer so etwas macht, hat von der Praxis keine Ahnung." Die Sargpflicht habe nicht nur einen kulturellen Hintergrund. Und es gehe auch nicht vordergründig darum, den Verkauf von Särgen zu sichern. Einen Sarg hält Stübinger vor allem aus hygienischen Gründen für wichtig. Aus menschlichen Körpern treten sehr schnell nach dem Tod Flüssigkeiten aus. Die werden in einem Sarg aufgefangen. "Wie soll das mit Tüchern gehen", fragt sich Michael Stübinger und hat auch keine Lösung, wie ein Transport ohne Sarg funktioniert.

Der Kulmbacher Bestatter fragt sich noch etwas anderes. Einmal hat er für einen jungen Moslem, der in Kulmbach gelebt hat, die Bestattung auf dem Kulmbacher Friedhof organisiert. Die Ausrichtung des Grabs in Richtung Mekka sei in Kulmbach kein Problem. "Die Gräber sind eh so ausgerichtet, dass sie zum Sonnenaufgang zeigen." Der Leichnam sei nach dem islamischen Glauben gewaschen worden, ein Iman habe ihn gesegnet. Der Verstorbene sei in einem Sarg beigesetzt worden, das sei kein Problem gewesen.

Stübinger weiß allerdings, dass das eine Ausnahme ist. Wenn ein Angehöriger des moslemischen Glaubens stirbt, bringt Stübingers Unternehmen den Leichnam zum Friedhof. Dann komme in den meisten Fällen sehr schnell ein Bestattungsunternehmen, das sich auf solche Fälle spezialisiert hat. Die Verstorbenen werden nach den vorgegebenen Ritualen gewaschen, in Tücher gewickelt, mit Rosenwasser besprüht und dann in einem Sarg in ihre Heimat geflogen, wo sie schließlich ohne Sarg beigesetzt werden.

Die Bestattungskultur, sagt Stübinger, habe sich insgesamt sehr verändert. Das sehe man nicht nur an den vielen Feuerbestattungen, sondern auch an der zunehmenden Anonymisierung. Die Wertschätzung gegenüber den Verstorbenen werde immer weniger. "Man hat oft gar keine Zeit mehr, dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen." Deswegen fänden Gottesdienste zunehmend nicht mehr nach dem Tod, sondern oft erst Wochen später zur Urnenbeisetzung statt, die sich besser planen ließen. "Unsere Bestattungskultur geht langsam den Bach runter."

In Bayreuth gibt es bereits seit einiger Zeit ein muslimisches Grabfeld in St. Georgen. Dort werden schon lange Moslems beigesetzt, von denen viele schon in Bayreuth zur Welt gekommen sind, weiß der Bayreuther Bestatter Alexander Christ. Auch für dieses Gräberfeld gelte aber die Sargpflicht. Das werde von denen, die ihre Angehörigen dort bestattet lassen, auch akzeptiert.

Dass Bestattungen künftig ohne Sarg möglich sein sollen, sieht Alexander Christ ebenso kritisch wie sein Kulmbacher Kollege. Länder können die Vorgaben ändern, sagt er. Mit der Umsetzung bleiben dann allerdings die Kommunen oder Friedhofsträger allein. Viele Fragen seien offen. Längst seien in unseren Breiten Feuerbestattungen mit mehr als 80 Prozent die am meisten genutzte Bestattungsart. Die Krematorien brauchen das Holz der Särge, um die Körper zu verbrennen, sagt Christ und erinnert daran, dass ein menschlicher Körper zu 75 Prozent aus Wasser besteht. Arif Tasdelen, der jetzt den Antrag auf Abschaffung der Sargpflicht gestellt hat, habe ausgerechnet damit argumentiert, dass sich ohnedies die meisten Menschen heutzutage für eine Feuerbestattung entscheiden. Dafür, habe Tasdelen gesagt, brauche es keine Särge. Alexander Christ hält dagegen: "Das geht so nicht." Für den Kremationsprozess werde die Brenn-Nutzlast des Holzes, aus dem der Sarg ist, benötigt.

Doch auch wenn man eine Erdbestattung wählt, kann man, wie Christ weiß, einen Körper nicht einfach in der Erde begraben. Damit sich ein Körper zersetzen kann, wird Sauerstoff gebraucht. "Selbst im Wüstengrab werden Bretter oder Äste über den Körper gelegt, um das nötige Raum-Luft-Volumen zu schaffen. Man muss etwas über den Körper setzen. Ob das ein Sargdeckel ist oder eine Gruft oder was auch immer. Ohne geht es nicht."

Ein weiteres Problem seien die anderen klimatischen Bedingungen, die hier herrschen und die schweren und feuchten Böden, die in vielen Regionen vorkommen. In solchen Böden zersetze sich ein Leichnam nur schwer. Er könne sich gar nicht zersetzen, wenn er dicht von Erdreich umschlossen ist. "Es kann nicht sein, dass wir jetzt Tatsachen schaffen, mit denen die nachfolgenden Generationen Probleme haben", sagt Christ. Er erinnert auch daran, dass Gräber von Moslems für die Ewigkeit gedacht sind. "Wir haben auf unseren Friedhöfen aber keine endlosen Gräber."

Die tatsächlichen Hintergründe würden bei dieser Debatte nicht ausreichend betrachtet. "Da gehen Leute nur von der Wahrnehmung ihrer eigenen Wünsche aus, ohne Sinn oder Unsinn bestimmter Vorstellungen zu beachten." Christ bedauert, dass Bestatter und Friedhofsverwaltungen die letzten sind, die zu diesem Thema gefragt werden, obwohl sie es sind, die am meisten damit umgehen. "Natürlich soll jeder nach seiner Façon glücklich werden. Aber es gibt Gründe, warum man das nicht beliebig machen kann."

Der Kulmbacher katholische Dekan Hans Roppelt sagt auf die Frage, ob Moslems auch nur in Tücher gehüllt, beigesetzt werden können, ganz spontan: "Ich habe damit überhaupt keine Probleme. Das soll jeder nach seiner Kultur machen, so wie er es für angemessen hält." Allerdings schränkt Roppelt ein, dass er von den Hygienefragen zu wenig versteht. Die könnten dem Anliegen entgegenstehen. "Aber von der prinzipiellen Sache habe ich keine Bedenken."

Christina Flauder ist als evangelische Christin in der Landessynode und auf vielen kirchlichen Ebenen aktiv. "Wenn es um Glauben geht, sollte man Toleranz üben. Jesus hat uns das vorgemacht." Wen der Glaube eine Bestattung ohne Sarg vorgibt und nichts zwingend dagegen spricht, ist Christina Flauder für die Aufhebung der Sargpflicht für Verstorbene, in deren Religion ein Sarg bei der Beisetzung nicht üblich ist.

Bestatter Alexander Christ gibt ein weiteres Argument zu bedenken und spricht damit nicht nur die möglicherweise entfallende Sargpflicht an: "Mit der ganzen Liberalisierung werfen wir unser Kulturgut Friedhof weg."

Autor

Melitta Burger
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Veröffentlicht am:
29. 04. 2019
17:12 Uhr

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Melitta Burger

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29. 04. 2019
17:12 Uhr



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