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Kulmbach

Bienen gerettet, Bevölkerung gespalten?

Das Volksbegehren Artenvielfalt hat auch in Kulmbach das Ziel deutlich überschritten. Doch die Debatte um die Natur hat gleichzeitig tiefe Gräben aufgerissen.



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Kulmbach - Das Volksbegehren Artenvielfalt, vielen bekannt unter dem Slogan "Rettet die Bienen" hat auch im Landkreis Kulmbach die geforderte Marke von zehn Prozent der Stimmberechtigten deutlich überschritten. Fast 9000 Menschen aus dem Landkreis Kulmbach haben in den vergangenen Wochen ihre Rathäuser ausgesucht, um sich in die Listen für das Volksbegehren einzutragen. 15,25 Prozent sind dem Aufruf gefolgt. Bayernweit waren es noch mehr. Damit ist dieses Volksbegehren das erfolgreichste aller Zeiten im Freistaat. Doch während sich die Befürworter freuen, fühlen sich die Landwirte ausgegrenzt und zu Unrecht angegriffen. Gerade die Bauern, sagt BBV-Kreisobmann Wilfried Löwinger, haben schon seit Jahren so viel freiwillig getan, Blühstreifen angelegt, sich aktiv am Projekt "Braunkehlchen im Rotmaintal" beteiligt. Damit könnte im Kulmbacher Land jetzt Schluss sein. "Von uns wird es freiwillig vorerst nichts mehr geben", macht Löwinger seiner und der Enttäuschung seiner Berufskollegen Luft. Er spricht von einer Spaltung der Gesellschaft und sagt: "Das macht mir Angst."

Dagmar Keis-Lechner, Kreisvorsitzende der Kulmbacher Grünen, sieht in dem großen Zuspruch der Bevölkerung einen Hinweis darauf, "dass sich die Leute Gedanken und die Artenvielfalt machen und sich fragen, wie es weitergeht." Die Grünen haben sich dem von der ÖDP angeregten Volksbegehren angeschlossen. Für Keis-Lechner ist es wichtig zu sagen, dass dieses Begehren nicht gegen die Bauern gerichtet sei. "Die Landwirte tun bereits sehr viel, und das ist löblich." Es seien nicht die kleinen Bauernhöfe, die in der Kritik stehen, sondern die, die vielen Subventionen erhalten, sagt Keis-Lechner. "20 Prozent der Landwirte bekommen 80 Prozent aller Subventionen. Das muss doch den kleinen Bauern auch stinken, wenn die Agrar-Industriebetriebe mehr unterstützt werden als die traditionellen Bauernhöfe." Die Wende zur ökologischen Landwirtschaft müsse geschafft werden, fordert die Bezirksrätin der Grünen. "Alle Macht in einer Hand ist nie gut. Das sieht man an der Stromwirtschaft."

Dass nicht nur die Bauern ihren Anteil leisten sollten an dieser Wende zugunsten der Artenvielfalt, sieht auch Dagmar Keis-Lechner. "Wir müssen an vielen Faktoren drehen, damit wir das noch auf die Reihe bekommen." Jetzt gebe es die Gelegenheit, sich am Runden Tisch, den Ministerpräsident Markus Söder bereits angekündigt hat, zusammenzusetzen und zu sehen, was gebraucht wird, um die Lebensqualität zu erhalten. Das Volksbegehren haben den Anstoß gegeben, dass sich viele Menschen mit dem Thema auseinandersetzen.

Arno Pfaffenberger hat in den vergangenen Tagen viel Werbung gemacht für das Volksbegehren. Er findet das Ergebnis hervorragend. "Auch in Stadt und Landkreis Kulmbach haben wir toll abgeschnitten. Das zeigt, dass die Leute begriffen haben, dass der Verlust der Artenvielfalt und die Klimakrise Wirklichkeit sind." Pfaffenberger hofft nun, dass der jetzt kommende Gesetzentwurf auch so umgesetzt wird, wie viele Menschen sich das wünschen.

Harald Köppel, der Geschäftsführer des Bauernverbands in Kulmbach und in Bayreuth, macht aus seiner Enttäuschung über den Ausgang kein Geheimnis. Die Bauern, sagt er, würden immer öfter als "Schuldige" ausgemacht. Sie seien Tierquäler, würden wegen ihrem angeblichen Anteil an der Feinstaubbelastung angegriffen und "jetzt haben wir auch noch die Bienen umgebracht". Eine traurige Geschichte sei das, sagt Köppel. "Mit einer Unterschrift, glauben die Leute, ist alles geregelt. Viele laufen diesem Thema blind hinterher. Es ist ein Wahnsinn, wie viele diesem Slogan ‚Rettet die Bienen‘ gefolgt sind, ohne nachzudenken." Köppel fragt sich, "was passiert ist, dass die Verbraucher so sehr das Vertrauen in die Leute verloren haben, die sie ernähren." Dann greift zum Sarkasmus. "Aber viele glauben ja längst, dass das Essen aus dem Supermarkt kommt, und wenn wir es nicht mehr selbst herstellen können, dann lassen wir es uns halt aus dem Ausland einfliegen." Von Ideologie, warnt Köppel, werde man nicht satt.

Die Anfeindungen gegen die Landwirte aus den vergangenen Tagen nennt Köppel "harten Tobak". Dass er sich, wie viele andere Bauern auch, verletzt fühlt, daraus macht der Geschäftsführer des BBV kein Geheimnis. "Mit Sachargumenten war da gar nichts mehr möglich."

Köppel spricht von einem "modernen Ablasshandel", wenn er an das Volksbegehren denkt. "Die Leute haben unterschrieben und können jetzt mit ruhigem Gewissen ihren Mäh-Roboter laufen lassen und zweimal im Jahr in Urlaub fliegen. Es wird ja alles gut." In den vergangenen Wochen haben sich, wie der BBV-Vertreter sagt, die Bauern gefühlt als wären sie die schlechtesten aller Menschen. Aufgeben werde der Berufsstand aber nicht. Die Landwirte setzen jetzt auf den Runden Tisch. Daran werden sie teilnehmen und versuchen, ihre Argumente einzubringen.

Wilfried Löwinger, der Kulmbacher Kreisobmann des Bauernverbands, macht deutlich, dass den Bauern schon immer die Natur, in der sie sich täglich bewegen, am Herzen lag und liegt. "Vieles von dem, was jetzt gefordert wird, machen wir doch schon lange freiwillig. Es bedrückt mich und erschüttert mich tief in meinen Grundfesten, wie sehr hier versucht wird, die Gesellschaft zu spalten. Wenn wir fachlich gegen die Argumente angehen, wird mit Aggression und Brutalität auf uns eingeschlagen. Das haben wir in dieser Form noch nie erlebt." Löwinger erzählt von Hass-Mails, von beleidigenden Anrufen. "Das ist nur noch Schwarz-Weiß-Denken. Jeder redet mit, auch wenn er keine Ahnung hat. Ich verstehe das nicht mehr."

Er habe jetzt eine Hoffnung für den kommenden Volksentscheid: "Nur 18 Prozent der Bevölkerung haben unterschrieben. Vielleicht heißt das, dass die anderen 82 Prozent hinter uns stehen. Wir müssen jetzt sehen, dass ein vernünftiger Gesetzentwurf kommt."

Im Kulmbacher Landratsamt sind die Meldungen der Gemeinden zusammengelaufen. Von dort wurden sie, wie Christine Sack vom Landratsamt sagt, bereits an den Landeswahlleiter weitergeleitet. Die Zahlen in Kulmbach sprechen eine deutliche Sprache. In drei Gemeinden, Marktschorgast, Neudrossenfeld und Harsdorf, wurde sogar die 20 Prozent-Marke geknackt. Die Harsdorfer liegen dabei mit 21,66 Prozent auf Platz 1, was die Befürworter des Volksbegehrens angeht. Die Trebgaster und Thurnauer sind mit 19,67 und 19,66 Prozent nur knapp unter 20 Prozent geblieben. Mit 14,78 Prozent haben sich auch die Kulmbacher mit mehr als ausreichender Zahl in ihrem Rathaus eingetragen. Nur in einer Gemeinde wurden, wenn auch knapp, die geforderten zehn Prozent nicht erreicht. In Wonsees erwärmten sich nur 9,41 Prozent der Einwohner für die Forderungen des Volksbegehrens. Foto: Alekss/Adobe Stock

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Melitta Burger
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Veröffentlicht am:
14. 02. 2019
17:32 Uhr

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