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Kulmbach

Bier, Bratwurst und Bananen

Mit ihren 100 Mark Begrüßungsgeld stürmen DDR-Bürger 1989 die Kulmbacher Läden. Neben Südfrüchten finden fränkische Westprodukte reißenden Absatz.



In Kulmbach war der EKU-Truck für die Besucher aus dem Osten eine Attraktion. Jeder DDR-Bürger erhielt im November 1989 von der Brauerei ein Begrüßungsgeschenk. Fotos: Stadtarchiv Kulmbach
In Kulmbach war der EKU-Truck für die Besucher aus dem Osten eine Attraktion. Jeder DDR-Bürger erhielt im November 1989 von der Brauerei ein Begrüßungsgeschenk. Fotos: Stadtarchiv Kulmbach   » zu den Bildern

Kulmbach - Nach 40 Jahren Planwirtschaft wartet im vermeintlich goldenen Westen der Konsumrausch. Größer könnte der Kontrast kaum sein. Auf dem Kulmbacher Zentralparkplatz drängen sich im November 1989 die Trabis und Wartburgs. Daneben steht wie ein Koloss aus einer anderen Welt der EKU-Truck. Die Brauerei verteilt von der Ladefläche Kostproben für die Gäste aus dem Osten, die es kaum erwarten können, den Geschmack des Westens zu probieren.

Die Serie

Vor 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Wir erinnern uns mit Zeitzeugen an Geschehnisse und Geschichten aus Kulmbacher Sicht rund um die friedliche Revolution.


Der US-amerikanische Freightliner ist von einer dichten Menschentraube umgeben. Jeder Bürger aus der DDR erhält einen Begrüßungstrunk gratis. An der Seitenwand des Trucks hängt ein Banner mit der Aufschrift "Herzlich willkommen". Auch die Reichelbräu macht mit und verteilt Rabattgutscheine für die Getränkemärkte.

Begehrte Südfrüchte: Nicht nur das Bier ist bei den Besuchern begehrt. Die Kulmbacher Bratwurst findet besonders bei den Wurstkennern aus Thüringen neue Freunde. Die Wiener mit Brötchen werden am Zentralparkplatz sogar kostenlos an die DDR-Bürger verteilt.

Doch wesentlich gewaltiger ist der Ansturm auf die im Osten sehr raren Südfrüchte. In einem Kulmbacher Supermarkt hängt ein Schild im Fenster. "Ab ca. 15.15 Uhr wieder Bananen + Mandarinen" ist darauf zu lesen. Darüber hinaus decken sich die Besucher mit Alltagswaren ein und kaufen unter anderem Bekleidung und Kosmetikartikel.

Freude beim Schlange stehen: Sich in langen Schlangen anstellen zu müssen, ist in der DDR kein ungewohntes Bild. Bei ihrem Besuch auf der anderen Seite der Grenze nehmen die Ostbürger die Warterei gerne in Kauf. Zuerst beim Begrüßungsgeld. Wer auf die historischen Fotoaufnahmen blickt, sieht strahlende Gesichter. Die Menschen sind euphorisch und freuen sich. Die Mitarbeiter hinter den Schaltern haben alle Hände voll zu tun, das Begrüßungsgeld auszuzahlen.

Das Landratsamt beginnt an den Tagen nach dem Mauerfall damit, 100 D-Mark an jeden DDR-Bürger zu zahlen. Am ersten Wochenende erhalten in der Kulmbacher Behörde weit mehr als 2000 Menschen ihr Begrüßungsgeld. Um die große Nachfrage bewältigen zu können, eröffnen danach weitere Zahlstellen in Postämtern, Banken und Gemeindeverwaltungen. Am zweiten Wochenende nach dem Mauerfall können sich die DDR-Bürger in Kulmbach auch an der Stadtkasse in der Buchbindergasse sowie in der Stadthalle ihr Geld abholen. Am Samstag, 18. November, zahlen das Landratsamt und die Kommunen im Landkreis an insgesamt 6500 Besucher die 100 Mark aus.

Stollen für die Verwaltung: "Kulmbach ist damals ganz schön überrollt worden", erinnert sich eine Verwaltungsmitarbeiterin an die Ereignisse vor 30 Jahren. Die Schlangen vor den Schaltern schienen nie mehr enden zu wollen. Obwohl die Umstände alles andere als gewöhnlich waren, musste alles korrekt zugehen. Wer die 100 Mark abholen wollte, hatte seinen DDR-Pass vorzuzeigen. Die Verwaltungsmitarbeiterin machte einen Stempel und Vermerk in das Dokument und überreichte dann das Geld. Dasselbe Prozedere lief immer und immer wieder ab.

Eine Szene ist der Kulmbacherin aber besonders im Gedächtnis geblieben. Eine glückliche DDR-Bürgerin überreichte einen großen Dresdner Stollen an die Mitarbeiter der Verwaltung. Der Geschmack des Ostens war für die Kulmbacher ein Genuss.

Überwältigt vom Warenangebot: Eine Frau aus Altenburg in Sachsen schildert in einem Dankesbrief an den damaligen Kulmbacher Landrat Herbert Hofmann ihre Emotionen. Als sie das riesige Warenangebot in den Kulmbacher Läden gesehen hat, sei ihr regelrecht schlecht geworden, weil sie so überwältigt war. In ihrer Heimat gab es zu dieser Zeit nur Zwiebeln, diverse Kohlsorten, Äpfel und Birnen.

Bei ihrer ersten Fahrt über die Grenze habe sie bitterlich geweint, heißt es in ihrem Brief weiter. Die Freiheit zu spüren, sei das schönste Erlebnis in ihrem Leben gewesen, schreibt sie. Ein Gefühl der Beschämung habe sich eingestellt, als sie das Begrüßungsgeld erhalten hat. Die Freundlichkeit der Bevölkerung und der Mitarbeiter im Landratsamt sowie die nette Art des Landrats haben die DDR-Bürgerin sehr beeindruckt.

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Stefan Linß
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Veröffentlicht am:
16. 11. 2019
00:00 Uhr

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Stefan Linß

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Veröffentlicht am:
16. 11. 2019
00:00 Uhr



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