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Kulmbach

Das Bezahlen der Zukunft

Tauschen wir unser Geld bald gegen Libra von Facebook ein? Jonas Groß aus Kulmbach erforscht Kryptowährungen und die neue Rolle der Banken.



Digital statt Bargeld - der Internetgigant Facebook will mit Libra eine neue Währung etablieren. Die Banken sind alarmiert. Foto: Stefan Linß
Digital statt Bargeld - der Internetgigant Facebook will mit Libra eine neue Währung etablieren. Die Banken sind alarmiert. Foto: Stefan Linß   » zu den Bildern

Kulmbach/Bayreuth - Schnell und einfach, sicher und billig - das virtuelle Geld soll viele Vorteile für den Kunden bringen. Der Internet-Gigant Facebook will mit Libra, einer neuen digitalen Währung, das Bezahlen stark verändern. Die Pläne sind seit Sommer dieses Jahres bekannt, Anfang 2020 möchte Facebook loslegen. "Libra wird nur eingeführt, wenn es eine Einigung mit dem Gesetzgeber gibt", sagt Jonas Groß. Der 25 Jahre alte Kulmbacher hat mit Kollegen die erste detaillierte wissenschaftliche Arbeit zum Thema Libra verfasst. Er kennt die Chancen und Risiken, die das Bezahlen der Zukunft mit sich bringt.

Preis für beste Abschlussarbeit

Der Kulmbacher Jonas Groß ist für seine Masterarbeit am Lehrstuhl Volkswirtschaftslehre I der Universität Bayreuth mit dem MLP-Förderpreis ausgezeichnet worden. Sein Thema war die Psychologie volkswirtschaftlicher Entscheidungen. Die Forschungsstelle für Bankrecht und Bankpolitik der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät würdigt die besten studentischen Abschlussarbeiten aus dem eigenen Arbeitsgebiet. Sponsoren des mit 500 Euro prämierten Preises sind die Bayreuther Geschäftsstelle des Finanzdienstleisters MLP sowie der Förderverein der Forschungsstelle. 2019 ging der erste Preis an Jonas Groß mit seiner am Lehrstuhl VWL I von Prof. Dr. Bernhard Herz betreuten Masterarbeit. "In den letzten Jahrzehnten hat sich in der Wissenschaft ein Konsens darüber entwickelt, dass Menschen bei ihrer Entscheidungsfindung von psychologischen Faktoren beeinflusst werden", erklärt der Preisträger. "Individuen orientieren sich bei Entscheidungen beispielsweise am Status quo, da sie nur ungern Änderungen in ihren Gewohnheiten und Verhaltensweisen realisieren. Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich den Einfluss dieses Phänomens auf volkswirtschaftliche Größen, wie Wirtschaftswachstum oder Arbeitslosigkeit, modelltheoretisch analysiert."


Nach seinem Master in Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth will Jonas Groß nun promovieren. Sein Thema sind digitale Währungen und vor allem Kryptowährungen wie Bitcoin und Libra und ihre Auswirkungen auf die Banken. In diesem Wintersemester leitet er dazu ein Seminar. Gleichzeitig arbeitet er für das Frankfurt School Blockchain Center und er wird für ein großes Wirtschaftsmagazin in Kürze als einer der Autoren einer regelmäßigen Kolumne über die neuesten Entwicklungen im Bereich der digitalen Währungen schreiben.

Hinter den Kryptowährungen steht als technologische Basis die Blockchain-Technologie, die auf sehr komplizierten kryptografischen Mechanismen beruht, erklärt Jonas Groß. Die Blockchain-Technologie ermöglicht beispielsweise direkte Online-Zahlung ohne Mittelsmann. "Banken werden auf diese Weise bei Überweisungen überflüssig."

Auch der Konzern Facebook will nun eine digitale Währung etablieren. Hinter Libra steht ein Konsortium mit aktuell gut zwei Dutzend mächtigen Partnern wie Visa, Mastercard, Vodafone und Uber. 2020 sollen viele weitere Unternehmen dazukommen. Das bedeutet eine große Machtfülle. "Facebook will durch Libra auch im Markt für Geldtransfers ein Wörtchen mitreden", sagt der Kulmbacher.

Nationalstaaten und die EU werden sich Libra nicht so einfach bieten lassen. Der Vorstoß von Facebook wird als Angriff auf die eigene Finanzsouveränität gesehen. Die Digitalwährung hätte womöglich zur Folge, dass Bargeld immer weniger genutzt wird. Damit könnten Zentralbanken nach und nach ihre Möglichkeit verlieren, mit der eigenen Geldpolitik auf gesamtwirtschaftliche Entwicklungen einzuwirken.

Wesentliche Vorteile soll die neue Kryptowährung aus Sicht von Facebook und seinen Partnern vor allem für Entwicklungs- und Schwellenländer bringen. "Rund zwei Milliarden Menschen haben weltweit keinen Zugriff auf das Bankensystem", erklärt Jonas Groß. Mit Libra könnten sie nicht nur schnell und sicher Geld transferieren, sondern auch billig. "Grenzüberschreitende Zahlungen kosten im Durchschnitt sieben Prozent Gebühren." Die Kosten können mit Libra auf möglicherweise sogar unter ein Prozent sinken.

Dass die digitale Währung demnächst starten kann, hält der Volkswirt dennoch für unwahrscheinlich. "Ich bin der Meinung, dass 2020 noch nichts passiert. Dafür sind aktuell noch zu viele regulatorische Fragen offen", sagt er. Trotzdem bringe allein die Ankündigung das Bankensystem in Bewegung. Das hat mit der Macht des Libra-Konsortiums zu tun. Diesem gehört auch der digitale Musikdienst Spotify an. Spotify könnte Kunden zum Beispiel Rabatte gewähren, wenn sie mit Libra statt mit ihrer nationalen Währung bezahlen. Die Folge ist, dass viele Leute ihr Streamingabo künftig tatsächlich mit Libra kaufen könnten. Facebook sei für seine einfachen Anwendungen bekannt, erklärt Groß. Dazu gehören auch Whatsapp und Instagram. Den Nutzern könnte es ermöglicht werden, ganz einfach per Knopfdruck Geld zu senden.

Neben den Vorteilen werden viele Nachteile von Libra diskutiert. "Facebook ist nicht unbedingt bekannt dafür, dass es sehr vertraulich mit den Daten seiner Nutzer umgeht", gibt der Wissenschaftler zu bedenken. Es hänge davon ab, welche regulatorischen Einschränkungen der Gesetzgeber bei der Einführung der neuen Kryptowährung macht. Wenn die Risiken minimiert werden, könnten durchaus die Vorteile überwiegen, glaubt der Kulmbacher. Wobei der größte Nutzen sicherlich in den Entwicklungsländern zu erwarten sei, weniger in den Industrieländern.

Vielleicht wird Libra niemals kommen. Das könne man nicht ausschließen, sagt Jonas Groß. Die Banken und Zentralbanken haben trotzdem bereits reagiert. Sie denken darüber nach, eine eigene digitale Währung zu etablieren, die schnelle Überweisungen in Echtzeit ermöglicht. Im Gespräch ist der E-Euro. Der digitalen Version unseres europäischen Zahlungsmittels würde vermutlich mehr Vertrauen entgegen gebracht als einer privatwirtschaftlichen Kryptowährung wie Libra, heißt es.

"Die Bundesregierung will den E-Euro vorantreiben", sagt der 25-Jährige. Dahinter stecke eine spannende Diskussion. Darin geht es um die Frage, ob Währungen staatlich sein müssen oder auch privat sein können. Das Fürstentum Liechtenstein setzt bereits verstärkt auf Blockchain und hat in der vergangenen Woche als erstes Land ein eigenes Blockchain-Gesetz beschlossen. Auch Deutschland ist im weltweiten Vergleich vorne dabei. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hat vor wenigen Tagen eine europäische Alternative zu Facebooks Libra gefordert. Er will "das Feld nicht China, Russland, den USA oder irgendwelchen Privatanbietern überlassen", sagte er in der Wirtschaftswoche.

Kryptowährungen verändern unseren Alltag, sagt Groß. In ferner Zukunft könnten selbstfahrende Autos die Parkhausgebühr oder die Tankfüllung automatisch begleichen. Digitale Verträge, sogenannte "Smart Contracts", wickeln auf der Grundlage der Blockchain-Technologie dann die Zahlungen im Hintergrund ab. "So weit sind wir noch lange nicht. Aber wir müssen uns heute damit beschäftigen und dürfen das Thema nicht verschlafen", fordert der Kulmbacher.

In zwei bis drei Jahren, so lautet die Prognose des Volkswirts, wird sich jedes Unternehmen mit den Themen Kryptowährungen und Blockchain beschäftigen.

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Stefan Linß
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Veröffentlicht am:
11. 10. 2019
17:02 Uhr

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Autor

Stefan Linß

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Veröffentlicht am:
11. 10. 2019
17:02 Uhr



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