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Kulmbach

Das Glück in ihren Händen

Heute gibt es Hebammen fast nur noch in den Krankenhäusern. Das war früher ganz anders. In Stadtsteinach brachten sie mehr als jeden vierten Tag ein Kind auf die Welt.



Das Glück in ihren Händen
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Stadtsteinach - Vor vielen, vielen Jahren gab es in Stadtsteinach eine ganze Menge Bedienstete und Ämter, die heute längst nicht mehr existieren. So zum Beispiel einen Stadtschreiber, der in der Regel der Schullehrer war, einen Türmer, der Wache halten musste oder den Stadtmusikus, der im Kirchturm wohnte. Die Stadt beschäftigte auch Lehrer, die im Kirchendienst als Kirchner, Chorleiter und Mesner tätig waren, einen Stadtknecht (auch "Gemaadiener" genannt), Torwarte, einen Hirten oder einen Flurer, der über die Gemeindegrundstücke wachen musste. Nachtwächter, Polizeidiener, Totengräber, Brunnenmeister, Brot- und Fleischbeschauer setzten die Reihe fort, zu der auch Ganshirten und Hebammen gehörten.

Gut zu wissen

Heute leisten im Klinikum Kulmbach sieben Hebammen ihren Dienst und als freie Hebamme ist im gesamten Landkreis nur noch Henrike Schramm aus Marktleugast tätig, die Enkelin der bereits genannten Hebamme Helene Ludwig.


Die wichtige Tätigkeit der Hebammen wird bereits in den Stadtbüchern von 1558 erwähnt. Es gab keine Ärzte, vielleicht noch einen Bader, aber bei den Geburten war sie alleine zuständig, denn eine richtige medizinische Versorgung gab es auf dem Land nicht. Die Aufgabe der Hebamme war klar und spiegelte sich in ihrem Diensteid, den jeder Stadtbedienstete nach festgelegtem Ritus für seine Zuständigkeit zu leisten hatte:

"Gelobe und schwere bey Gott dem Allmächtigen, daß ich auf Erfordern einer jeden erbarn schwangeren Frau, sie sey arm oder reich oder weß Standes immer, bei Tag und bey Nacht ohne Verzug beystehn und was einer Hebamme gebühret, nach höchstem Verstand leisten will. Falls andere versttändige Weiber nothwendig sind, will ich dieselben beyziehn, damit kein Mangel erfunden werde, den ich bey Gott dem Allmächtigen beim jüngsten Gericht zu verantworten hätte. Auch verpflichte ich mich, bey Tag und Nacht zu Hause zu sein, mich nicht im Ambte zu betrinken, noch Frauenheimlichkeiten auszuschwätzen." Besoldung einer Stadthebamme: "¼ Tagwerk Wiesen neben den Pfarrwiesen, 2 Lachter Holz, die unentgeldlich gehauen und gefahren werden (ein Lachter: entsprach in etwa dem Maß, welches ein Mann mit ausgestreckten Armen umfassen konnte); bürgerliches Mitleiden gefreit; von jeder Erstgeburt 1 fl (= Gulden), von jeder anderen ½ fl vom Kindesvater"

Nebenbei sei erwähnt, dass bereits nach 1500 Hebammen mittels Lehrbüchern ausgebildet wurden und gleichzeitig auch oft als Hexen verfolgt worden sind. Noch während des 30-jährigen Krieges wurden mancherorts alle Hebammen verbrannt, wenn man ihnen die Schuld von Totgeburten oder Fehlgeburten zuschrieb. Doch ist hiervon in Stadtsteinach nichts bekannt. Nach 1800 stieg sowohl die Qualität der Ausbildung und auch einer soziale Steigerung und Anerkennung. Die althochdeutsche Bezeichnung "Hevanna", also "eine Großmutter, die das Neugeborene aufhebt" wandelte sich nun zu einer unabkömmlichen Fachkraft, die in jedem größeren Dorf gebraucht wurde.

Wenn man zufällig das Jahr 1880 herausnimmt und die Geburten sucht, kommt man in Stadtsteinach auf 48, in Zaubach auf 18 und in Schwand auf 40 - also zusammen knapp über 100 Geburten, die die Hebamme von Stadtsteinach zu leisten hatte. Sie musste auch in kleine Einzeln und Ortschaften laufen und das bei Regen und Schnee, bei Tag und bei Nacht.

Leider sind die Namen der Hebammen vor 1850 namentlich nicht bekannt. Die ersten Nennungen sind eine Margaretha Fießenig, geborene Schneider in der Kulmbacher Straße 11 (heute Heimatmuseum), die etwa um 1850 praktizierte und ihre Tochter Margareta Weber, die mit dem Bader Andreas Balthasar Weber verheiratet war, der von Kirchleus kam. Sie war als Geburtshelferin tätig bis 1909, als sie mit 68 Jahren verstarb

Nach etwa 1900 wirkte als Hebamme Eva Lederer (1880 bis 1957) aus der Staffel Nummer 4. Sie war eine geborene Schneider und ehelichte den Schneidermeister Friedrich Lederer aus Ottenhof bei Plech. Wie lange sie tätig war, ist nicht bekannt, doch ist anzunehmen, dass sie, wie früher üblich, bis zu ihrem Tod tätig war, nur die schwierigen Wege wurden als sie älter wurde, verständlicherweise reduziert.

Die Hebamme Maria Rößner (1891 bis 1952) wohnte in der Hauptstraße 15 und war von 1932 bis 1951 in Stadtsteinach tätig. Sie war eine geborene Wagner und ihre Mutter war eine geborene Fießenig, eine Stiefschwester des Baders Stefan Weber, also auch die Enkelin der Hebamme Margareta Fießenig und war verheiratet mit dem Steuersekretär Johann Rößner.

Der Vater der Hebamme Margareta Schneider (1907 bis 1991) war der Schneidermeister und Nachtwächter Andreas Nagel aus dem Burggraben 1. Sie heiratete 1930 den Zimmermann Konrad Schneider aus dem Haus Mühlbach 4. Sie begann ihre Tätigkeit als Hebamme 1934 und arbeitete gleichzeitig mit Maria Rößner, denn die Anzahl der Geburten stieg in Stadtsteinach und Umgebung stetig an. In dieser Zeit wuchs auch die Zahl der Einwohner mit der Industrieansiedlung in Stadtsteinach. Wie lange sie als Geburtshelferin in Stadtsteinach tätig war, ist auch nicht mehr zu belegen. Sie wohnte im Lehenthaler Weg 18 und ihre Tochter Cäcilie heiratete Karl Voit aus Rothenkirchen.

Die letzte Hebamme von Stadtsteinach war Evi Ploner. Sie ist die Tochter des Arztes Dr. med. Hans Kremer (1885 bis 1976), ein gebürtiger Römersreuther, der in Stadtsteinach im Dammweg 4 wohnte. Evi ist die jüngste von sechs Kindern und besuchte zwei Jahre die Hebammenklinik in Erlangen. Ihr Vater Arzt, ihr Schwiegervater Georg Ploner war Dentist und Bader, also passte sie auch in diesem medizinischen Beruf, den sie mit Hingabe als Berufung sah.

Ihr Einsatzgebiet war weit gestreut und es ging von Rugendorf bis Wartenfels, von Schwand, Römersreuth, Vogtendorf bis Gumpersdorf und Baumgarten - und natürlich Stadtsteinach. In angrenzenden Bereichen waren in Seibelsdorf eine Frau Kaufmann, in Presseck eine Frau Valtin, in Marktleugast eine Frau Helene Ludwig und in Untersteinach eine Frau Ölschlegel als Hebamme tätig. War eine der benachbarten Hebammen erkrankt oder nicht erreichbar, so sprang die jeweils andere ein. So kam es auch vor, dass Evi Ploner bis nach Enchenreuth musste oder nach Marktleugast gerufen wurde.

Bei Tag und bei Nacht, bei Regen und Schnee rückte sie aus, die ersten vier Jahre sogar noch mit dem Fahrrad. Zu ihrem 80. Geburtstag im Jahr 2011 blickte sie zurück: "36 D-Mark gab es damals für eine Geburt von der Krankenkasse, egal, ob sie nun vier oder vierzig Stunden gedauert hat - inklusiv die Wochenbettbesuche für zehn Tage, versteht sich." Für die Krankenkassen war dies eine günstige Lösung und die Frauen durften nur ins Krankenhaus, wenn Komplikationen zu erwarten waren. Wenn Kinder nach der Geburt in die Bayreuther Kinderklinik gebracht wurden, musste sogar noch der Muttermilchtransport organisiert werden, da oft die Frauen zu Hause unabkömmlich waren.

Evi Ploner arbeitete als selbstständige Hebamme von 1954 bis 1971 in ihrer Praxis in der Kulmbacher Straße 3 und wechselte von 1971 bis 1977 in das Krankenhaus Stadtsteinach. Doch von diesem Jahr an gibt es kaum noch Kinder, die laut Standesamt in Stadtsteinach geboren wurden. Seit 1977 schloss man den Kreißsaal in Stadtsteinach und alle Geburten fanden nur noch im Krankenhaus Kulmbach statt. Also wechselte auch Evi Ploner nach Kulmbach und blieb dort bis 1989 im Klinikum als Hebamme.

Eine besondere Herausforderung war im Mai im Jahre 1962 eine Drillingsgeburt in Stadtsteinach, die als Hausgeburt bei Familie Hans und Anna Sesselmann in der Grünbürgstraße für Überraschung sorgte. Wenn man Evi Ploner fragt, wie viele Geburten sie begleitet hat, kommt die prompte Antwort: "Es waren 3656." Mit Stolz kann man behaupten, Frau Evi Ploner war Hebamme mit Leib und Seele und sie hat ihre Berufswahl nie bereut.

Autor
Siegfried Sesselmann

Siegfried Sesselmann

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Veröffentlicht am:
07. 10. 2019
17:08 Uhr

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Autor
Siegfried Sesselmann

Siegfried Sesselmann

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Veröffentlicht am:
07. 10. 2019
17:08 Uhr



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