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Kulmbach

Der Jugend rennt die Zeit davon

Stress und Termine bestimmen den Alltag junger Leute. Trotzdem engagieren sich viele ehrenamtlich. Kreisjugendpfleger Jürgen Ziegler wirbt um Verständnis.



Die Jugendlichen können nicht nur feiern, sondern auch anpacken. In Kasendorf haben sie den neuen Jugendtreff selbst hergerichtet. Foto: privat
Die Jugendlichen können nicht nur feiern, sondern auch anpacken. In Kasendorf haben sie den neuen Jugendtreff selbst hergerichtet. Foto: privat  

Kulmbach/Mainleus - "Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen." Das Zitat ist nicht besonders neu, sondern Jahrtausende alt und wird dem Philosophen Aristoteles zugeschrieben. Auch seine altgriechischen Kollegen sollen sich despektierlich über dem Nachwuchs geäußert haben. Die Jugend von heute hatte also schon früher einen schlechten Ruf. Bis in die Neuzeit hinein scheinen Erwachsene ein Problem mit dem Verhalten junger Menschen zu haben. Der Kulmbacher Kreisjugendpfleger Jürgen Ziegler kann mit solch pauschaler Kritik nichts anfangen. "Junge Menschen haben es heutzutage nicht leicht", sagt er. Seine Beobachtung ist, dass sich Jugendliche durchaus einbringen und Engagement für die Gesellschaft zeigen.

Jugendtreffs voll im Trend

Gemeinden im Landkreis Kulmbach wollen dem Nachwuchs etwas bieten. Es entstehen unter anderem neue Angebote für die offene Jugendarbeit. Gemeinsam die Freizeit ohne Zwang zu verbringen, das ist ein großes Bedürfnis für viele Kinder und Jugendliche, sagt der Kulmbacher Kreisjugendpfleger Jürgen Ziegler. Bei den Zukunftswerkstätten, die Landkreisjugendarbeit und Kreisjugendring in den vergangenen Jahren veranstaltet haben, brachten viele Teilnehmer den Wunsch vor, dass sie in ihrer Heimatgemeinde gerne einen eigenen Ort als gemeinsamen Treffpunkt hätten. Nach und nach gehen die Wünsche nun in Erfüllung.

"Jugendtreffs liegen im Trend", sagt Ziegler. Im April dieses Jahres hat der Jugendtreff Marktschorgast seine Eröffnung gefeiert. Die Gemeinde hat den Weg geebnet, um die Jugendarbeit im Ort zu stärken. Auch in Stadtsteinach, Neudrossenfeld und Marktleugast gibt es Pläne und Ideen. Derweil schreitet in Mainleus die Sanierung des historischen Spinnstubenareals voran. Dort soll die Jugend künftig in einem eigenen Raum ein neues Domizil für Aktivitäten finden.

Der Marktgemeinderat und Bürgermeister Robert Bosch stehen in Mainleus hinter der Jugend. Sie freuen sich darüber, dass die jungen Leute Verantwortung zeigen. Bei der Zukunftswerkstatt im November ist eine ganze Reihe konstruktiver Vorschläge erarbeitet worden. Ein Ergebnis der Mitmach-Aktion ist der Jugendtreff. Er steht auf Platz eins der Wunschliste, die die jungen Einwohner zusammengestellt haben. Die Zwölf- bis Achtzehnjährigen, die an der Zukunftswerkstatt beteiligt waren, äußerten konkrete Ideen, wie ihr Raum im Spinnstubenareal in Zukunft aussehen soll. Bürgermeister Bosch versprach, alle Vorschläge mit einbeziehen. Der neue Mainleuser Jugendtreff soll unter anderem eine Chill-Lounge haben und natürlich WLAN.

In Marktleugast und Grafengehaig ist die Schmiede ein Resultat aus der Zukunftswerkstatt. Die Schmiede versteht sich als Projekt der gemeindlichen Jugendarbeit und organisiert unter anderem die Ausbildungsmesse. Bei der mittlerweile dritten Auflage der Veranstaltung warben Ende September in Marktleugast 40 Arbeitgeber um Nachwuchskräfte.

Auch in Kasendorf loben die Verantwortlichen in der Gemeinde das Engagement der Jugend. Der Nachwuchs hat angepackt und aus der ehemaligen Tankstelle Raimund in der Kulmbacher Straße den neuen Jugendtreff gemacht. Mitte September sind die neuen Räume eröffnet worden. Übergangsweise bis Ende 2020 soll der Betrieb in der Kulmbacher Straße stattfinden. Währenddessen wird der eigentliche Jugendtreff am Marktplatz renoviert. Wenn alles fertig ist, steht erneut der Umzug an. Dass alles klappt, daran zweifelt in Kasendorf niemand. Denn der Zusammenhalt ist groß. Der Treff dient als Rückzugsort und Freiraum, sagte Sarah Schilge vom Jugendtreffteam bei der Eröffnung. Von beidem können die Jugendlichen gar nicht genug haben. sli


Ausflüge und Partys: "Unsere Zukunftswerkstätten in den Kommunen sind ein Beispiel, das zeigt, wie junge Leute ihre Lebenswelt aktiv verändern wollen", sagt Ziegler im Gespräch mit der Frankenpost. In den Workshops merken die Teilnehmer: Wenn ich mich engagiere, dann tut sich etwas. Ende letzten Jahres fand die Zukunftswerkstatt in Mainleus statt. Dort hat sich eine Gruppe junger Leute zusammengetan, die seitdem gemeinsam Ausflugsfahrten und Partys organisieren. Es ist eine ganz neue Form von Engagement in der Gemeinde entstanden, stellt der Kreisjugendpfleger fest.

Eine neue Orientierungslosigkeit: Dass es Jugendliche heute nicht ganz leicht haben, liege unter anderem daran, dass ihnen immer weniger Zeit zur Verfügung steht. Sie werden von der Schule über die reinen Unterrichtsstunden hinaus in Anspruch genommen. Viele junge Menschen werden einfach überfrachtet und haben damit nicht mehr die Chance, sich in Ruhe auf eine Sache zu konzentrieren. Die vielen Möglichkeiten - allein die Anzahl der künftigen Studienfächer ist immens - bringt zudem eine neue Orientierungslosigkeit mit sich.

Es gibt es schier unbegrenzt viele Angebote, Trend und Interessengebiete. Das führt dazu, dass es nicht mehr nur einen Mainstream junger Leute gibt, sondern innerhalb der Generation ausdifferenzierte Gruppen. Die digitalen Medienkanäle bewirken, dass Jugendliche Youtube oder Instagram nutzen, um nach sozialer Anerkennung in ihrer Gruppe zu streben.

In der eigenen Welt: Es könne der Eindruck entstehen, jeder mache sein eigenes Ding. "Früher haben im Dorf nachmittags alle Kinder gemeinsam gebolzt. Heute befindet sich jeder den ganzen Tag in seiner Welt", sagt Jürgen Ziegler. In den weiterführenden Klassen dauert die Schule bis zum späten Nachmittag. Es bleibe generell wenig Zeit.

"Bestes Beispiel ist der Führerschein. Den macht man heutzutage nicht nebenher, sondern im Ferienintensivkurs. Weil die Schüler sonst keine Zeit mehr dafür haben", stellt der Kreisjugendpfleger fest.

Eine Reihe von Studien bestätigt, dass der Druck für Jugendliche größer wird. Die Belastung führt heute wesentlich häufiger als im Vergleichszeitraum vor zehn Jahren zu psychischen Erkrankungen, hat die Kaufmännische Krankenkasse KKH mitgeteilt. Der Stress könne unter anderem depressive Reaktionen, Reizbarkeit, Frust, diverse Ängste und Burnout auslösen.

Auch einmal Mist bauen: Frühere Generationen durften ausprobieren und auch einmal Mist bauen, sagt Ziegler. Einst hatte in der Region die Kerwa-Rauferei eine feste Tradition. Dort wusste jeder, wann Schluss ist. Das habe sich in vielen Fällen gewandelt. "Heute ist eine schier grenzenlose Gewalt und Zerstörungswut ein gesellschaftliches Phänomen", sagt der Kreisjugendpfleger. Und wer in der Schule eine schlechte Note oder einen Verweis erhält, der schaltet den Anwalt ein. Bei all diesen Entwicklungen sei es wichtig, die positiven Beispiele herauszustellen. "Was die Jugendlichen in Mainleus und anderen Gemeinden zeigen, könnte der Weg in die Zukunft sein", sagt Ziegler.

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Stefan Linß
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Veröffentlicht am:
04. 10. 2019
17:54 Uhr

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Stefan Linß

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Veröffentlicht am:
04. 10. 2019
17:54 Uhr



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