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Kulmbach

Die Falschen kommen früher dran

Ein neues Gesetz soll die Wartezeiten der Patienten auf Termine verkürzen. Ärzte aus Kulmbach und Bayreuth kritisieren den Vorstoß.



Mitarbeiter der Gedikom beantworten Patientenanfragen: Unter anderem betreibt das Tochterunternehmen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern die Terminservicestelle. Foto: privat
Mitarbeiter der Gedikom beantworten Patientenanfragen: Unter anderem betreibt das Tochterunternehmen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern die Terminservicestelle. Foto: privat  

Kulmbach/Bayreuth - Manche nennen das Terminservice- und Versorgungsgesetz schlicht "Schneller-drankommen-Gesetz". Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will damit die heftig kritisierten unterschiedlich langen Wartezeiten für gesetzlich und privat Krankenversicherte abbauen.

Ein Kernpunkt: Niedergelassene Ärzte müssen die für Kassenpatienten reservierten Sprechstunden von 20 auf 25 Stunden pro Woche ausweiten. Bei Augen-, Frauen- und HNO-Ärzten sollen darunter fünf Stunden offene Sprechzeit ohne Terminvergabe sein. Für erfolgreiche Vermittlung erhalten Ärzte finanzielle Zuschläge, die Kassen rechnen mit Mehrkosten von bis zu 800 Millionen Euro. Ab 2020 sollen Termine auch für Haus- und Kinderärzte von der Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) unter der einheitlichen Telefonnummer 11 61 17 oder über eine neue App vermittelt werden.

Für den Kulmbacher Kinderarzt Dr. Patrick Muzzolini geht die Regelung an der Realität vorbei. "Das betrifft uns gar nicht, ich kenne keinen Kollegen in Oberfranken, der diese Anforderung nicht jetzt schon erfüllt", sagt der Bezirksobmann des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendärzte dem Kurier. Möglicherweise sei das in Großstädten anders. Wer bei ihm einen Termin für eine Vorsorgeuntersuchung braucht, müsse mit der üblichen Wartezeit rechnen: bei Säuglingen zwei bis drei Wochen, bei älteren Kindern mit längeren Untersuchungsintervallen etwas mehr. Auch der Kulmbacher Augenarzt Dr. Gernot Petzold kündigt an: "Ich werde in meiner Praxis keine Umstellungen der Patienten-Bestellung oder der Sprechstundenstruktur vornehmen." In den 33 Jahren seiner Niederlassung habe er genügend Erfahrung gemacht, wie er Patientenbedürfnisse und -ansprüche befriedigen könne. Akut- und Notfälle behandle er stets am gleichen Tag, Intervalle bei bestimmten Krankheiten würden eingehalten, wer dagegen beschwerdefrei eine Diabetesvorsorge wolle oder einen Brillenwunsch habe, müsse bei ihm durchaus zwei bis drei Monate auf einen Termin warten.

Als Vorstandsmitglied des Bayerischen Facharztverbandes übt Petzold grundsätzliche Kritik. Niedergelassene Ärzte arbeiteten schon jetzt über 50 Wochenstunden im Durchschnitt. Deutschland brauche keine kleinteilige staatliche Intervention in die Praxisorganisation, sondern bessere Rahmenbedingungen. Um mehr Termine zu schaffen, müsse die Budgetierung beseitigt werden, fordert Petzold. "Andernfalls ist es, als ob ich mit getretener Bremse Gas geben will." Ärzte mit Zwang zu mehr Sprechstunden zu drängen, könne schnell ins Gegenteil umschlagen und zur kompletten Beendigung der kassenärztlichen Tätigkeit führen, warnt Petzold.

Einfache Lösungen, um Wartezeiten zu verkürzen, gebe es nicht, sagt auch Muzzolini. Die Arbeit für Kinderärzte sei mehr geworden, es gebe neue Vorsorgeuntersuchungen, außerdem stiegen die Ansprüche einer sich verändernden Gesellschaft. Die Deutschen seien bekanntlich besonders häufig beim Arzt. Gleichzeitig gebe es in einigen Bereichen tatsächlich Nachwuchsmangel bei Kinderärzten. Einen Aufnahmestopp, wie ihn manche seiner Kollegen verhängt hätten, wolle er aus berufspolitischen Gründen nicht, sagt Muzzolini.

In der älter werdenden Gesellschaft würden die Probleme bei der fachärztlichen Versorgung noch zunehmen, prophezeit Petzold. Extrem ärgert ihn und Muzzolini, wenn Patienten ihre Termine nicht wahrnehmen und nicht einmal absagen. Das sei im Schnitt jeder zehnte Patient. Petzold fordert deshalb, Patienten in die "Ressourcenverantwortung" einzubeziehen. Es brauche mehr Zeit und Kapazität für die Behandlung wirklich kranker Patienten, also vor allem chronisch Kranker. Spahns neues Gesetz fördere aber im Gegenteil mehr Termine für Neupatienten. Dadurch gehe viel Zeit für Bagatell- und Routineuntersuchungen verloren, während chronisch kranke Patienten noch schwerer Termine erhielten. Petzold sagt: "Das ist der wirkliche Skandal."

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Peter Rauscher
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Veröffentlicht am:
30. 04. 2019
17:30 Uhr

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Peter Rauscher

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Veröffentlicht am:
30. 04. 2019
17:30 Uhr



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