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Kulmbach

Ein Aufkleber gegen Gaffer

Die Idee wurde in Kulmbach geboren. Jetzt tragen sie die DPolG, der ADAC und der Bayerische Rundfunk in den ganzen Freistaat. "Gaffen geht gar nicht" kommt bestens an.



Ein Aufkleber gegen Gaffer
Ein Aufkleber gegen Gaffer  

Kulmbach - Das Video haben Tausende gesehen: Stefan Pfeiffer, Leiter der Verkehrspolizei in Feucht, wurde dadurch zum Star in den sozialen Medien und hat Beifall von höchsten Stellen erhalten. Nach einem tödlichen Unfall auf der A 6 Ende Mai ist dem erfahrenen Polizisten der Kragen geplatzt, als er immer wieder Gaffer entdeckte, die erbarmungslos die schlimmen Bilder des schrecklichen Unfalls filmten, bei dem ein Lkw-Fahrer sein Leben verloren hatte. Pfeiffer platzte der Kragen. Er stellte Gaffer zur Rede, provozierte sie, forderte sie auf, auszusteigen, mit ihm zur Leiche zu gehen, damit sie einen besseren Blick haben. Pfeiffer tat das auf Deutsch ebenso wie auf Englisch. Dabei fiel auch immer wieder der Satz "Shame on you." Schäm dich. Das Video wurde viral. Tausende teilten es auf Twitter ebenso wie auf Facebook. Die Aktion des Verkehrspolizisten löste deutschlandweit eine Diskussion aus.

Auch Jürgen Köhnlein, Bezirksvorsitzender der DPolG in Oberfranken, und sein Stellvertreter im Gewerkschaftsamt und auch im Personalrat der oberfränkischen Polizei, haben über die aufsehenerregende Aktion ihres Kollegen aus Feucht gesprochen. Auch Pfeiffer ist in der DPolG, arbeitet dort in der Verkehrskommission der Gewerkschaft mit, die sich des Gaffer-Themas ebenfalls breit aufgestellt gewidmet hat. Jürgen Köhnlein und Peter Stenglein waren zusammen auf dem Kulmbacher Trimm-Dich-Pfad zum Sport unterwegs, erinnert sich Köhnlein. "Beim Walken sagte Peter Stenglein, der Spruch ‚Gaffer - Shame on you‘ gehöre eigentlich als Aufkleber verteilt. Diese Idee habe ich im Landesvorstand eingebracht." Die Idee kam an. Kurze Zeit später verteilte die DPolG die ersten noch von ihr selbst entworfenen Aufkleber. 5000 Stück wurden in dieser ersten Auflage produziert und ab August verteilt. Die Aufkleber waren im Nu vergriffen. Die Nachfrage sei immens gewesen, berichtet Jürgen Köhnlein.

"Dann kam plötzlich der Anruf vom Bayerischen Rundfunk. Der hatte sich bereits mit dem ADAC kurzgeschlossen und bot an, die Sache mit den Aufklebern nicht nur zu bewerben, sondern als Partner zusammen mit dem ADAC einzusteigen", erinnert sich Köhnlein. Beim Dorffest von B3 sollte das Gaffer-Thema besonders angesprochen werden. Der Anti-Gaffer-Aufkleber, gerade erstmals aufgelegt, änderte grundlegend sein Erscheinungsbild. Rund wurde zu rechteckig, weißer Hintergrund wurde grün, und auch der halb englisch und halb deutsche Spruch "Gaffer - Shame on you" wurde deutsch: "#Gaffen geht gar nicht" heißt die Aktion jetzt. Der erste Aufkleber wird keine Neuauflage mehr erfahren. Wer noch einen hat, kann ihn sich als Sammlerstück mit kleiner Auflage aufheben. "Die einen haben, halten ihn auch in Ehren", weiß Köhnlein. Die symbolische Aktion werde gewürdigt. So viel sei klar.

Jetzt steht das neue Motiv mit dem neuen Slogan im Vordergrund. Seit Mitte September wurden bereits 100.000 dieser Aufkleber verteilt, erzählt Jürgen Köhnlein beeindruckt. Seine Gewerkschaft werde sich zusammen mit Bayern 3 und dem ADAC auch an der Herstellung weiterer 100.000 Aufkleber beteiligen. Das Thema, sagt Köhnlein, sei wichtig und gewinne immer mehr an Brisanz. Die Aufkleber-Aktion zeige, dass solche Projekte etwas bewirken können.

Das ist genau im Sinne der "Erfinder". Die Initiatoren wollen die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren. Nicht nur mit den Aufklebern, auch bei Veranstaltungen und in Diskussionsforen. Dabei kommen Einsatzkräfte und Unfallopfer mit bewegenden Gaffer-Erlebnissen genauso zu Wort wie Experten, die über wichtige Verhaltensregeln am Unfallort, über das Strafmaß für Gaffen und vieles mehr informieren.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft sei natürlich in erster Linie für die Kollegen da, erklärt Jürgen Köhnlein. Gerade für eine möglichst optimale Ausstattung der Beamten, die auf den Autobahnen Dienst tun und auch der Dienststellen, die auf den Autobahnen Unterstützung leisten, habe sich seine Organisation sehr erfolgreich stark gemacht. Er legt aber auch Wert darauf, dass das nicht die einzige Aufgabe für die DPolG sei. Auch die Gesellschaft wolle die DPolG ansprechen. Die Aufkleber-Aktion, die jetzt läuft, sei ein Teil davon.

Die Resonanz auf die Aktion, freut sich der Kulmbacher Polizist, ist gewaltig: "Wir haben die Nachfrage nach den Aufklebern gar nicht so schnell bedienen können, wie sie auftrat." Ganz am Anfang habe die DPolG angeboten, die "Gaffer-Sticker" im Rückumschlag zu versenden. "Wir mussten nach kurzer Zeit sagen, Leute, wir schaffen es nicht mehr. "Aus dem Kulmbacher und Bayreuther Raum seien sofort Anfragen von den Feuerwehren gekommen. "Die haben wir auch sofort versorgt."

Jetzt, mit den beiden Partnern im Boot, habe man sich weitaus besser aufstellen können. Die neuen Aufkleber liegen seit dem 13. September kostenlos in allen ADAC-Geschäftsstellen und -Reisebüros in ganz Bayern sowie in den ADAC-Fahrsicherheitszentren Augsburg, Kempten, Schlüsselfeld, Regensburg aus. Darüber hinaus können mit dem Hashtag #gaffengehtgarnicht alle Social-Media-Fans zusätzlich ein Zeichen gegen die Sensationsgier setzen und die Message unter ihren Freunden verbreiten.

Was soll die breit angelegte Aktion bewirken? "Wir hoffen jetzt, dass die politischen Entscheidungsträger mit ihrer Gesetzesvorlage schnell vorankommen und dass das dann auch Wirkung zeigt." Die Hoffnung Köhnleins und seiner Kollegen ist, dass auch schon der Versuch strafbar wird. Sicher werde auch der Aufkleber wahrgenommen und könne Wirkung zeigen. Jedenfalls sei das zu hoffen. "Das ist auch für die Polizei Neuland. Es hat sich erst in den vergangenen Jahren entwickelt, dass die Gaffer überhandnehmen."

Es gebe bereits einen Paragrafen im Strafgesetzbuch, der das Thema aufgreift, sagt Jürgen Köhnlein. Der "Gafferparagraf", 201a im StGB, regelt die wesentlichen Rechtsthemen. Auf dem Internetportal bussgeldkatalog.org wird erklärt, was nicht erlaubt ist und wie es geahndet werden kann: Neben der Behinderung der Einsatzkräfte durch Gaffer ist demnach das Fotografieren oder Filmen von verunglückten Autos und Verletzten zu unterlassen. Dieses Vergehen sei eine Straftat und könne mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe sanktioniert werden. Dabei sei es unerheblich, ob die Fotos weitergegeben oder veröffentlicht werden; was zählt, sei allein die Anfertigung einer solchen Aufnahme, die laut Paragraf 201a des StGB "die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt”.

Köhnlein wünscht sich, wie viele seiner Kollegen, eine Verschärfung. Schon jetzt sei es unter Umständen möglich, einem Gaffer das Handy abzunehmen. Köhnlein würde das gern als Regel sehen. "Damit treffen wir die Leute, die das machen, am besten. Das ist ein Unding. Man muss sich mal vorstellen, wie es einem selbst ginge, wenn nach einem schweren Unfall wildfremde Menschen die Kameras auf einen richten, während man blutend und eingeklemmt in seinem Auto liegt." Wer die Würde eines Unfallopfers nicht achtet, sollte sich wenigstens vor Strafe fürchten, meint Jürgen Köhnlein. Auch wer nur gafft und keine Fotos macht, begeht unter Umständen eine Ordnungswidrigkeit. Bis zu 1000 Euro Bußgeld können Schaulustigen drohen.

Autor

Melitta Burger
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Veröffentlicht am:
01. 10. 2019
17:06 Uhr

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Melitta Burger

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Veröffentlicht am:
01. 10. 2019
17:06 Uhr



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