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Kulmbach

Ein Trostpflaster für die Schulkinder

Caspar Walter Rauh verzaubert einen hässlichen Betonklotz auf dem Pausenhof der Oberen Schule. Dort zeugt ein lebendiger Kosmos mit Tieren der Savanne von seiner großen Fantasie.



Kulmbach - Im Herbst 1959 werkelt ein schwarzhaariger, dunkler Typ am Trafohäuschen bei der Oberen Schule. Ein Ausländer, ein italienischer Gastarbeiter, wie sie jetzt häufig in Kulmbach zu sehen sind? Tag für Tag, fünf Wochen lang, erscheint er früh am Morgen. Mit dabei hat er Quadrate aus Packpapier in Fliesengröße, auf der Rückseite beklebt mit farbigen Glassplittern. Er bestreicht die kleinen Flächen mit Zement und drückt sie auf die Wand. Täglich wächst das Glasmosaik um einen knappen Quadratmeter.

Buchtipp

Caspar Walter Rauh, Märchenhaftes - Geschichten und Bilder, Kunstmuseum Bayreuth, 2006.

"Sich träumend über die Misere zu erheben" - das druckgrafische Werk von Caspar Walter Rauh, Wehrhan Verlag Hannover, 2017.


Vom Pausenhof der Oberen Schule aus verfolgen die Kinder mit Spannung den Fortschritt. Das hässliche Grau der Betonmauer weicht an drei Seiten fantasievollen Ornamenten. Auf der dem Innenhof zugewandten Seite jedoch entsteht ein Meisterwerk auf siebzehn Quadratmetern: ein lebendiger Kosmos mit Tieren der Savanne. Im flirrenden Spiel von Licht und Schatten, die eine Zitterpappel davor wirft, jagen Antilopen. Zu ihnen gesellt sich oben ein Zebra und ein Reh springt, während unten ein Häschen verschreckt das Weite sucht. Der Blickfang aber ist ein majestätischer Axishirsch. Sein rotbraun meliertes Fell mit den eingesprengten weißen Tupfen leuchtet aus dem bunten Grasland der Savanne hervor.

Vom Schulhof abgeknapst: Den Schulkindern ist mittlerweile klar, dass kein Terrazzo-Arbeiter die Wände des Trafohäuschens verziert, sondern der Künstler Caspar Walter Rauh. Sein täglicher Weg zum Arbeitsplatz ist fast ein Katzensprung, nur 200 Meter sind es von seiner Wohnung in der Kohlenbachgasse 9 bis zur Oberen Schule. Mit dem Projekt beauftragt worden ist Rauh von der Stadt Kulmbach, die ihm auch den Fliesenlegermeister Oskar Hentschel zur Seite gestellt hat. Die Mission ist etwas heikel, doch zugleich eine willkommene Herausforderung: 1959 geht die Bayerischen Elektrizitäts-Lieferungs-Gesellschaft (BELG) daran, das städtische Stromnetz auszubauen. Hierfür ist eine Trafostation an der Ecke Schießgraben/Abzweigung Weiherdamm erforderlich, wenige Meter vor dem Eingangstor des MGF-Gymnasiums. Das Problem: Hierfür musste ein Teil des sowieso nicht großen Schulhofes der Oberen Schule abgeknapst werden. "Den hässlicher Betonklotz zu verkleiden, dazu war mein Schwiegervater gern bereit", erinnern sich Horst Lohse. "Einerseits konnte er die spärliche Familienkasse aufbessern, zum anderen den Kindern ein kleines Trostpflaster bieten, und zwar mit einem kleinen Zaubergarten, der ihre eigene Fantasie anregt." Noch heute, 60 Jahre später, freuen sich die Schüler an der Kunst. Spricht man einige von ihnen an, die auf dem Hof Fangen spielen, wie es ihnen gefällt, rufen sie wie aus einem Mund "Super!"

170 Kilo Glassplitter: Wie sich Rauh bei der Fertigung abgemüht hat, verrät sein genauer Werkstattbericht. Es sollte ein anspruchsvolles "Palladiano"-Mosaik sein, benannt nach dem italienischen Architekten Andrea Palladio, der in der Renaissancezeit in Venetien und der Toskana Villen und Kirchen gebaut und kunstvoll ausgestattet hat. "Ich habe mir erst einen Entwurf im Verhältnis 1:1 gemacht und dann die große Zeichnung in 293 Quadrate von je 25 mal 25 Zentimetern aufgeteilt. Die Glaskuchen von der Immenhütte in Kemnath werden mit dem Glasschneider in entsprechende Stückchen zerschnitten und dann spiegelverkehrt auf den Plan geklebt. Ein einziges Tier enthält etwa zwei Dutzend Farbnuancen. 170 Kilogramm dieser bunten, vieleckigen Glasplättchen werden auf den Papierquadraten angebracht. In meiner Wohnung sah es zeitweilig aus wie in einer zu Bruch gegangenen Glashütte", so Rauhs Werkstattbericht aus dem Jahr 1959. Immerhin lohnt sich die Plackerei finanziell. Er erhält 5500 Mark für das Kunstwerk, aber erst nach einem längeren Gezerre mit dem Bauausschuss und dem Stadtkämmerer.

Schulen und Swimmingpool: In den späten Fünfzigern erhält Rauh mehrere Großaufträge bei Schulneubauten. In Bayreuth gestaltet er für die staatliche Berufsschule den Treppenaufgang, für die Vorhalle der Volksschule Herzogshöhe ein 54 Quadratmeter großes Glasmosaik. In Kulmbach wird er beim Neubau der städtischen Berufsschule in der Georg-Hagen-Straße 1959 mit der Verkleidung der Pausenhalle beauftragt. Nahezu gleichzeitig entsteht in der Schule von Ludwigschorgast das bezaubernde Mosaik "Brüderchen und Schwesterchen" nach Motiven der Brüder Grimm.

Rauhs explodierende Fantasie verschafft ihm auch mehrere Aufträge für private Schwimmhallen in der Region. Für eine Industriellen-Familie in der Kulmbacher Reuthgasse zum Beispiel entwirft er ein fulminantes Wandmosaik: Große grazile Wasservögel, Kraniche, Ibisse, ein Flamingo, stelzen am Rand des Swimmingpools. Ihr farbenprächtiges Gefieder harmoniert wunderbar mit den türkisenen Fliesen und dem Azurblau des Beckens.

In Rauhs Zaubergarten: Man kann Rauhs Lust am Kreatürlichen, an den Spielformen der Natur, nicht trennen von dem Phantastischen, das uns in seinem zeichnerischen und druckgrafischen Werk begegnet. Seine Welt ist die der Poesie, des Traums, der Märchen und Volkssagen. Rauh illustriert nicht nur, er spinnt die Handlung facettenreich fort - anspielungsreich, grotesk, vor allem unglaublich witzig und humorvoll. Es lässt sich nahezu beliebig an seinen Zeichnungen und Radierungen beobachten: "Rübezahl", "Kalif Storch", "Der Rattenfänger von Hameln", "Das tapfere Schneiderlein" oder an seinen heute so populären Einhörnern.

In den fünfziger Jahren schreibt er auch 33 Märchengeschichten, die größtenteils von Zeitungen gedruckt und im Bayerischen Rundfunk gesendet worden sind; sie sind so skurril, dass sie für die eigentlichen Adressaten, nämlich Kinder, schwer verständlich sind. Für Rauh ist der "Zaubergarten", den er sich schafft, auch ein Schutz gegen eine flache, einengende Wirklichkeit. Eine seiner Grafik-Mappen ("Traumland") versieht er mit dem Zusatz: "Sich träumend über die Misere zu erheben". Es ist zugleich sein Credo als Künstler. Es ist ein gutes Motto auch für uns heute.

Autor

Wolfgang Schoberth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
09. 09. 2019
17:52 Uhr

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Wolfgang Schoberth

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Veröffentlicht am:
09. 09. 2019
17:52 Uhr



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