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Kulmbach

Eine der letzten ihrer Art

Die Bäckerei Schoberth ist die älteste Handwerks- bäckerei in Kulmbach. Inge Schoberth ist seit 60 Jahren im Betrieb, doch die Zukunft ist ungewiss.



Inge Schoberth arbeitet seit 60 Jahren in der Bäckerei Schoberth - jeden Tag verkauft sie die beliebten Hörnchen an ihre Stammkunden. Foto: Kristina Kobl
Inge Schoberth arbeitet seit 60 Jahren in der Bäckerei Schoberth - jeden Tag verkauft sie die beliebten Hörnchen an ihre Stammkunden. Foto: Kristina Kobl  

Kulmbach - Es duftet bis auf die Straße hinaus nach Hefe und Zuckerguss. Nicht nach Baguette-Parfüm, das in der Backwarenabteilung im Supermarkt versprüht wird, sondern nach frischem Teig, nach selbstgebacken. Die Tür zur Bäckerei Schoberth steht offen. Morgens um 8.30 Uhr sind die Bleche in der Theke noch gut gefüllt: Hörnchen mit Nougat, Nuss und Marmelade, Quarktaschen, vier verschiedene Kuchen, Pizzataler, ein paar belegte Brötchen. Die Backwaren liegen ungeordnet in der Auslage, sind nicht mit Schildern beschriftet. Aus einer großen Thermoskanne gibt es Kaffee. Hinter der Theke - wie jeden Tag: Inhaberin Inge Schoberth.

Bäckerei und Café Schoberth

Die Bäckerei Schoberth gehört der Familie seit über 115 Jahren. Die Räume für das Café Schoberth nebenan hat die Familie von der Stadt gepachtet - zuerst nur für fünf Jahre, weil sie nicht wussten, ob es läuft. Mittlerweile gibt es das Café seit 22 Jahren.


Seit 60 Jahren arbeitet Inge Schoberth in der Bäckerei und bedient die Kunden, von morgens um 5 bis abends um 6 Uhr, fünf Tage pro Woche. Ihr Alter will sie nicht verraten - man sieht es ihr sowieso nicht an. Sie bewegt sich langsam und gebückt, doch schwach wirkt sie dabei nicht. Eher vorsichtig, souverän, so als wüsste sie genau, wie viel sie sich zumuten kann.

Eine Frau kommt mit ihrem Sohn in die Bäckerei, bevor sie ihn in den Kindergarten bringt. Der kleine Junge läuft zu Inge Schoberth hinter die Theke, die Mutter ist aufgebracht, Schoberth bleibt seelenruhig. "Ich glaube, er bleibt heute bei mir", sagt sie. An der Türklingel hört Schoberth, wenn Kundschaft kommt. Mal klingelt sie jede Minute, mal bleibt sie eine halbe Stunde stumm. Selten bildet sich eine Schlange.

Schoberth führt die Bäckerei in der dritten Generation. Gegründet wurde sie von den Eltern ihrer Schwiegermutter. Inge Schoberth hat in die Bäckerei eingeheiratet, ihr Mann ist Bäckermeister: damals der jüngste in Kulmbach, mit nur 22 Jahren. Durch einen schmalen Gang geht es in die überschaubare Backstube. Darüber liegt die Wohnung des Ehepaares. "Es ist nicht groß hier", sagt Schoberth, als müsse sie sich rechtfertigen. Trotzdem klingt sie überzeugt, wenn sie sagt, sie wollte nie etwas Größeres aus der Bäckerei machen. Der Markt sei überlaufen, es gebe zu viele Supermärkte und Filialbäcker. Eine kleine Handwerksbäckerei habe mehr Wert - und die Qualität sei besser. "Es haben bereits Supermärkte angefragt, ob wir sie mit Brötchen beliefern würden", sagt Schoberth, als sei es eine verrückte Idee. Sie hat abgelehnt. Stattdessen beliefert sie Stammkunden: Bis nach München würden Bestellungen aufgegeben. Kulmbacher, die weggezogen sind, bestellten 30 Hörnchen vor, wenn sie in die Heimat kommen. In Ingolstadt verteile eine Frau in ihrem ganzen Block die Weihnachtsstollen der Schoberths.

Die meisten Gäste sind Stammkunden, sie kommen jeden Tag hierher. Eine Frau bekommt ganz ohne Bestellung eine Tasse Kaffee hingestellt - dann unterhält sie sich mit Schoberth, bis der Kaffee leer ist: über das Wetter, die Baustellen und das Altstadtfest. Viele Kunden duzen Schoberth. "Das stört mich nicht, ich bin ja keine Prinzessin." Wenn sie lacht, kneift sie ihre Augen zusammen. Ihre Lachfalten lassen sie jünger wirken. Manchmal streicht sie sich nervös durch die kurzen, dünnen weißblonden Haare. Wenn es um sie geht, rollt sie mit den Augen und winkt ab.

Wenn die Hörnchen frisch aus dem Ofen kommen, bestreicht Schoberth sie mit Glasur. Es wird immer nur das Nötigste gebacken. Wenn etwas übrig bleibt, verschenkt sie es. Zwischendurch geht sie nach hinten und räumt auf. Sie ist es gewohnt, den ganzen Tag auf den Beinen zu sein. Nur nachmittags, wenn es ruhiger wird, setzt sie sich in die Küche und liest ein Buch. "Meine Freundinnen haben mich damals ausgelacht, dass ich weiter arbeite. Jetzt hätten sie auch gerne mein Leben. Was macht man denn sonst den ganzen Tag?"

Schoberth redet viel über Supermärkte. Der Schmerz über den Triumpf der Industrie ist ihr anzumerken. Die Konkurrenz durch Supermärkte und Filialbäcker begann Anfang der 90er-Jahre, erklärt Schoberths Enkel Michael Düreth, der mit seiner Mutter das Café Schoberth neben der Bäckerei leitet. Zuerst sei den Supermärkten erlaubt worden, Brot und Backwaren zu verkaufen. Die Kundschaft in den Bäckereien sei dadurch weniger geworden. "Die Leute gehen da einkaufen, wo sie am ehesten vorbeikommen", sagt Düreth. Kurz darauf sei die Regel aufgehoben worden, dass in jeder Filiale ein Meister tätig sein muss. Durch diese Lockerung seien mehr Filialen eröffnet worden - für die Handwerksbäckereien verschlimmerte sich die Situation: zu viel Konkurrenz, zu wenig Zeit für weite Wege; Handwerksbäckereien mit nur einem Standort sind schlechter aufgestellt. Doch die Bäckerei Schoberth hält sich seit mehr als 115 Jahren.

Nachwuchs für das Handwerk zu finden sei allerdings schwierig: Den letzten Lehrling hatten die Schoberths vor neun Jahren. Die körperliche Arbeit schreckt ab, meint Düreth, und die Bezahlung ist schlecht. Auch neue Bäcker suchen die Schoberths dringend. "Einmal kam ein Bewerber, der die Arbeit ohne Maschine gar nicht kannte", sagt Düreth. "Der dachte, man kippt Mehl und Wasser oben rein und der Rest geht von allein." Wie lange es die Bäckerei noch geben wird, steht in den Sternen, sagt Schoberth. Fast wäre sie schon an die nächste Generation übergeben worden: Sie wurde überschrieben auf den Sohn der Schoberths. Kurz darauf starb er mit nur 49 Jahren. Das ist noch keine zwei Jahre her. Vielleicht wird Inge Schoberths Enkel die Bäckerei übernehmen. Er hat das erste Mal mit zehn Jahren in der Bäckerei ausgeholfen. Sein Großvater habe schwer loslassen können, als sein Sohn gestorben ist, erzählt Düreth. Noch einmal loszulassen, um ihm das Geschäft zu überlassen, wird ihm sicher genauso schwerfallen. Doch eine Alternative sieht er nicht: "Wir wollen es nicht ganz bleiben lassen."

Auch die Stammkunden wollen nicht, dass der Familienbetrieb schließt. Die Bäckerei Schoberth ist eine Institution in Kulmbach. Eine der letzten ihrer Art.

Autor

Kristina Kobl
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Veröffentlicht am:
27. 06. 2019
17:54 Uhr

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Kristina Kobl

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27. 06. 2019
17:54 Uhr



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