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Kulmbach

Eine vergessene Idylle in Stadtsteinach

Stadtsteinach hatte einst ein imposantes Berg-Café. Einheimische, Urlauber und vor allem die Grenzer schätzten es sehr. Geöffnet war es nur vier Jahre.



Das Berg-Café in Stadtsteinach war leider nur vier Jahre in Betrieb, jedoch von vielen hoch geschätzt. Fotos: Archiv Siegfried Sesselmann
Das Berg-Café in Stadtsteinach war leider nur vier Jahre in Betrieb, jedoch von vielen hoch geschätzt. Fotos: Archiv Siegfried Sesselmann   » zu den Bildern

Stadtsteinach - Vor einiger Zeit ein Gespräch bei einem Stadtsteinacher Friseur: Ein älterer Mann sitzt auf dem Frisierstuhl, zwei jüngere warten gelangweilt. Aus heiterem Himmel fragt der eine belanglos: "Wie viele Wirtshäuser gibt es heute in Stanich, die mindestens sechs Tage in der Woche geöffnet haben?" Jeder, auch der Friseur, beginnt angespannt stillschweigend zu zählen. Um ganz sicher zu sein, gebraucht jeder seine Finger zum Zählen, doch keiner kommt über eine Hand hinaus.

Nun meldet sich der ältere Kunde zu Wort. "Um 1950 weiß ich von 14 Wirtshäusern im engeren Stadtgebiet und zehn so außen herum - ohne die Flaschenbierhandlungen!" Die anderen glauben, dass er übertreibt. Doch als er anfängt aufzuzählen, hören sie erstaunt zu.

Die Serie beginnt mit dem Berg-Café im Lindenweg, an der Auffahrtsstraße zur Siedlung Flürlein, rechts auf halbem Weg gelegen. Früher hatte dieser Einschnitt, in der dieser Weg liegt, den Flurnamen Scherlitzgrund. Mit der Zeit sind die Büsche und Bäume so gewachsen, dass das Haus nicht mehr zu sehen ist. Nur die lange Treppe aus Steinen des Bergfeldes lässt vermuten, dass diese zu einem Haus führt.

Oben am Berg: Im Jahre 1949 bauten der Büttner und Landwirt Andreas Waas (1897 bis 1978) aus der Forstamtstraße 7 und seine Frau Maria (1896 bis 1991) dieses Haus auf ihrem Grundstück im Scherlitzgrund. Ob das Haus für sie selbst oder für eines ihrer Kinder gedacht war, ist nicht mehr festzustellen. Die Steine zum Bau holte man vom nahe gelegenen Steinbruch auf dem Bergfeld. Das Haus thronte majestätisch am Berg, weshalb der Name Berg-Café auch besonders geeignet war.

Georg, der älteste Sohn (geboren 1920) von Maria und Andreas Waas fiel im Zweiten Weltkrieg. Der jüngere Bruder Heinz (geboren 1932) besaß ein großes künstlerisches Talent als Schnitzer und Maler. Tochter Hildegard Albertine, genannt Hilde, sollte mit ihrem Mann Willy für einige wenige Jahre das Berg-Café führen. Doch zuvor ein kleiner Rückblick in die Zeit, als Willy August Hermann Schwarzer in den Wirren des Zweiten Weltkrieges seine Liebe in Stadtsteinach fand.

Stadtsteinach blieb nicht verschont von den Wirren seit Ausbruch des Krieges. Schon 1939 kamen etwa 300 Saarländer nach Stadtsteinach und wurden in Privathäusern untergebracht. Im Sommer 1940 kehrten sie wieder heim.

Bataillonsstandort: Um die gleiche Zeit erfolgte die erste Einquartierung von Soldaten in Stadtsteinach. Ein Bataillon (meist Oberpfälzer) wurde nach Stadtsteinach verlegt. Etwa 700 Mann waren hier untergebracht und es herrschte "eine gehobene Stimmung" in dem kleinen Städtchen.

Um diese Zeit kam auch der erste Transport französischer Kriegsgefangener als Arbeitskommando nach Stadtsteinach, die zuerst in der Gastwirtschaft Schott und später im jetzigen Rathaus, Marktplatz 8, dem damaligen Kirchnershaus, lebten.

Im Oktober 1940 dann die zweite große Einquartierung von Soldaten. Ein Bataillon von Oberschlesiern, die von Polen kamen und hier zu einer neuen Division zusammengestellt wurden, war nun in Stadtsteinach stationiert.

Der Bataillonsstab lag im Bezirksamtsgebäude. Stadtsteinach war ein richtiges Garnisonsstädtchen geworden. Es herrschte Hochbetrieb in allen Gasthäusern und oft wurden Tanzabende veranstaltet. Um diese Zeit war "Ruhe vor dem Sturm", der im Jahre 1941 mit dem Einmarsch in Russland erst richtig losbrach.

Am 4. April 1941 nachts um 0 Uhr wurde das Bataillon in Richtung Frankreich an die Kanalküste beordert. Im Mai 1942 wurde es nach Russland eingesetzt und hatte schwere Verluste.

Liebe und Liebschaften: Einige junge Burschen aus diesem Bataillon hatten in Stadtsteinach ihre große Liebe kennengelernt, so Richard Wilzok, Helmut Gärtner, Fritz Liebig, Ewald Max Glauch, Hubert Taugs und Adam Hohner. Sie kehrten nach Kriegsende und Gefangenschaft wieder in den Frankenwald zurück.

Bei der Einquartierung der Oberschlesier war auch Willy Schwarzer dabei. Er wurde 1913 in Tannowitz im Riesengebirge an der polnisch-tschechischen Grenze als Sohn des Briefträgers Hermann Schwarzer und dessen Ehefrau Anna geboren. So lernte der Oberfeldwebel Willy Schwarzer die junge Hilde Waas kennen und man heiratete im Juli 1941. Nach Kriegsende und nach russischer Gefangenschaft in Estland kehrte er zu seiner Ehefrau Hilde zurück.

Nun wartete das idyllische Berg-Café auf das Paar, das der Krieg so lange getrennt hatte. Am 13. August 1949 ließ Hilde Schwarzer das Gewerbe bei der Stadtverwaltung eintragen, und bald kamen Gäste aus nah und fern, um die Ruhe und den herrlichen Garten zu genießen und um dort ihren Urlaub zu verbringen.

Im Jahr 1951 kam dann richtig Bewegung nach Stadtsteinach. Der Bundesgrenzschutz zog in die sogenannten Postbauten ein, die eigentlich als Kindererholungsheim gedacht und zwischendurch auch von den Amerikanern besetzt waren. Der Bundesgrenzschutz (BGS) blieb zunächst von Juni 1951 bis Mai 1952. Damit darf mit Fug und Recht behauptet werden, dass das Grenzschutzkommando Süd seine Anfänge in Stadtsteinach hatte.

Zwischen Mai 1952 und Mai 1955 standen die Kasernen leer. Erst 1955 zog der BGS zum zweiten Mal ein und blieb bis Februar 1962. Dann zogen erst die 2. Hundertschaft und schließlich auch die 3. Hundertschaft von Stadtsteinach nach Hof um. Diesmal verließen die Grenzer endgültig Stadtsteinach. Kurze Zeit gab zwischen 1962 und 1966 noch die Bundeswehr ein Gastspiel in den Postbauten: Die 16. Kompanie des Fernmelderegiments 32, eine Luftwaffeneinheit, wurde in Stadtsteinach stationiert.

Die vielen "Grenzer", wie die jungen Soldaten in Stadtsteinach genannt wurden, waren eine starke und treue Kundschaft im Berg-Café. Wenn man bedenkt, dass etwa 70 Grenzer und Bundeswehrsoldaten in Stadtsteinach ihre Liebe fanden, kann man sich vorstellen, wie viele Jungverliebte sich im Berg-Café näher kamen. Natürlich witterten auch andere Wirte dieses Geschäft mit den Grenzern und stellten sich auf die Bedürfnisse der Partnersuchenden wie auch auf die Atmosphäre der Junggesellen ein.

Italienische Nächte: Als man im Jahre 1951 die 800-Jahr-Feier von Stadtsteinach groß und prunkvoll inszenierte, präsentierte auch die Familie Schwarzer im Berg-Café ihre Angebote, um viele Gäste in ihre Wirtschaft zu locken. In einer Anzeige von 1951 bot man im Juli zwei Nächte lang italienische Nächte an.

In weiteren Anzeigen preist man Erdbeerbowle und andere Spezialitäten aus dem Garten des Hobby-Gärtners Willy Schwarzer an. Neben seinen Bienen pflegte er seine Obstbäume und bot seinen Gästen in schattigen Plätzchen Ruhe und Erholung in seinem Garten-Restaurant.

Beruflich war Willy Schwarzer im Amtsgericht Stadtsteinach und später im Amtsgericht Kulmbach tätig. Er starb im Jahre 1984. Leider wurde das Gewerbe "Berg-Café" mitsamt Fremdenpension bereits zum 31. Dezember 1953 abgemeldet. Doch die älteren Stadtsteinacher haben das schmucke, liebevoll gestaltete Idyll noch gut in Erinnerung.

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Siegfried Sesselmann

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Veröffentlicht am:
03. 12. 2019
18:04 Uhr

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Siegfried Sesselmann

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Veröffentlicht am:
03. 12. 2019
18:04 Uhr



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