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Kulmbach

Einzelkämpfer auf zwei Rädern

Oliver Trelenberg hat eine lange Leidensgeschichte. Aber er gibt nicht auf und radelt für sich selbst und für soziale Zwecke.



Seit einem Monat mit Rad und 30 Kilo Gepäck unterwegs, machte Oliver Trelenberg am Wochenende seine erste längere Rast in Kulmbach. Zweiter Bürgermeister Frank Wilzok hieß den Benefiz-Radler vor dem Rathaus in Kulmbach willkommen. Foto: Klaus Klaschka
Seit einem Monat mit Rad und 30 Kilo Gepäck unterwegs, machte Oliver Trelenberg am Wochenende seine erste längere Rast in Kulmbach. Zweiter Bürgermeister Frank Wilzok hieß den Benefiz-Radler vor dem Rathaus in Kulmbach willkommen. Foto: Klaus Klaschka  

Kulmbach - Oliver Trelenberg radelt. Im Jahr 4000 Kilometer und mehr. Für ihn geht es aber nicht darum, möglichst viele Kilometer in möglichst kurzer Zeit zu absolvieren. Er ist "Radreisender" und macht das aus "Leidenschaft, Selbsthilfe und sozialem Engagement", wie er es selbst zusammenfasst.

Flying Hope

Der gemeinnützige Verein "Flyin Hope" vermittelt kostenlose Flüge für schwerkranke Kinder, die aufgrund ihres körperlichen, geistigen oder seelischen Zustandes auf die Hilfe anderer angewiesen sind und selbst nicht die notwendigen finanziellen Mittel haben - Flüge beispielsweise zu medizinischen Behandlungen oder Kuraufenthalten. Spenden nimmt Oliver Trelenberg nicht selbst entgegen, sondern bittet um Überweisung auf ein Konto der Stadt Hagen, Konto: DE23 4505 0001 0004 44, Verwendungszweck: Spende Flying Hope. Überweisungen mit vollständiger Anschrift bekommen eine Spendenquittung zugesandt.


Seit 2014 verbindet er seine Sommertour per Rad und mit 30 Kilogramm Gepäck damit, um auf jeweils ein anderes soziales Projekt aufmerksam zu machen und Spenden dafür zu sammeln - bisher gut 30 000 Euro. Seine diesjährige Rundreise durch Deutschland über 5000 Kilometer in 83 Etappen führte ihn am Wochenende nach Kulmbach, wo er von zweitem Bürgermeister Frank Wilzok am Rathaus erwartet wurde.

Warum sich der 54-Jährige aus Schwerte - zwischen Dortmund und Hagen - jedes Jahr auf die Reise macht, ist eine lange Geschichte. Wenn er sie erzählt verhehlt er nicht, dass in seinem Leben von Anfang das Meiste schief gegangen ist: "Das für eine gesunde Entwicklung notwendige Maß an Schutz, Aufsicht und Erziehung habe ich nicht erhalten. Demütigungen, körperliche- und psychische Gewalt waren in der Familie keine Seltenheit."

So ist er in desolaten Familienverhältnissen aufgewachsen. "Eine Situation die bei mir schon sehr früh zu missbräuchlichem Alkoholkonsum geführt hat." Den Hauptschulabschluss schafft er noch, die Berufsschule aber nicht mehr, denn nun ist ihm die Trinkerei wichtiger. Die Lehre als Betriebschlosser bricht er ab. Es folgen Gelegenheitsjobs. Im Vollrausch wird er aggressiv und rastet aus. Das bringt ihm 16 Monate Freiheitsstrafe ein; danach zurück im "alten Freundeskreis" weitere zehn Monate.

1990 ist er Hilfsarbeiter in einem Stahlhandel. Hier kommt es zu einem schweren Arbeitsunfall, bei dem er sich mehrere Knochenbrüche zuzieht, die in einer zehnstündigen Operation wieder zusammengeflickt werden. Die vollstationäre Behandlung dauert anschließend über zehn Monate. Danach scheint er sein Leben in der Griff zu bekommen, arbeitet im Großhandel und qualifiziert sich zum stellvertretenden Lagerleiter. Endlich 1992 verlässt er sein bisheriges Umfeld und hört mit dem Trinken auf.

Im Jahr darauf heiratet er, macht den Lkw-Führerschein und ist Fernfahrer - bis nach fünf Jahren die Ehe zerbricht. "Wieder konnte ich mein Leben nur unter Einfluss von Alkohol ertragen," berichtet er. In den nun folgenden Jahren heiratet er ein zweites Mal, beendet die Ehe allerdings selbst zwei Jahre später. "Der jahrelange Alkoholkonsum hat mich längst in die Abhängigkeit geführt."

Bis er 2003 endgültig die Wende schafft: Er krempelt sein Leben völlig um. Allerdings ist sein Alltag aufgrund seiner Lebensgeschichte im nüchternen Zustand nun geprägt von Depressionen, traumatischen Störungen und Zwangshandlungen. Jetzt begibt er sich in psychotherapeutische Behandlung. Außerdem plagt ihn von nun an eine chronische Schuppenflechte.

2009 entdeckt er schließlich das Radfahren und dass er durch regelmäßige Aktivität sein seelisches Gleichgewicht finden kann. "Radfahren entwickelte sich zu meiner großen Leidenschaft, damit kehrte auch langsam etwas Lebensmut zurück," erzählt er.

Doch vier Jahre später kommt der nächste Schlag: Kehlkopfkrebs. Der Kehlkopf muss zum Teil entfernt werden; ebenso alle Lymphknoten im Halsbereich. "Mit viel Glück blieb aber meine Stimme erhalten. Schritt für Schritt kämpfte ich mich ins Leben zurück. Vorsichtig begann ich auch wieder Fahrrad zu fahren. Erste Versuche endeten bereits nach fünf bis sieben Kilometern."

Er bleibt aber am Ball nach der Devise: "Bewegung trotz(t) Erkrankung, und Aufgeben ist keine Option." Und das mit Erfolg: In der Radelsaison 2014 schafft er insgesamt 5000 Kilometer und ruft nun auch sein Projekt "Krebspatient radelt für guten Zweck" ins Leben.

Oliver Trelenberg ist mittlerweile Frührentner "auf Hartz-4-Niveau" und lebt in einer kleiner Mietwohnung, wie er berichtet, kann sich damit aber arrangieren. "Ich kämpfe täglich mit den Langzeitfolgen meiner Krebserkrankung: Kurzatmigkeit, Mundtrockenheit und bei jedem Schluck Flüssigkeit und jedem Bissen die Gefahr zu ersticken, weil die Luftröhre nicht mehr verschlossen wird. Zudem bin ich jetzt über 17 Jahre ,trockener Alkoholiker‘, anhaltend zwar abstinent, aber meine Lebensgeschichte macht mir weiterhin schwer zu schaffen. Deshalb besteht dauerhaft ein erhöhtes Rückfallrisiko wieder zu trinken. Meine seelische Erkrankung ist weiterhin behandlungsbedürftig."

Zudem plagen ihn die Schuppenflechte und eine Sehnervkrümmung, Verdacht auf grünen Star und eine beginnende Schultersteifheit. "Meine körperlichen und seelischen Belastungsgrenzen sind sehr schnell erreicht."

Deshalb hat er vor drei Jahren einen Entschluss gefasst: "Eine Krebserkrankung bringt sowohl für Betroffene als auch für Angehörige, Partner und Familie Veränderungen mit sich. Schweren Herzens habe ich entschieden, dass ich niemandem (mehr) zur Last fallen will, deshalb gehe ich ab jetzt ,den Rest‘ alleine."

Auf seiner diesjährigen Radrundfahrt macht Trelenberg auf die Aktion "Flying Hope" aufmerksam. 2020 ist er zwei Monate später als die Jahre vorher gestartet, da Übernachtungsmöglichkeiten in der Corona-Pandemie ausgeschlossen waren. Das Büro des Oberbürgermeisters von Hagen hatte die Stadt Kulmbach angeschrieben, dass Trelenberg in Kulmbach Station und - seit 6. Juli unterwegs - auch hier seine erste zweitägige Rast machen würde. Für Bürgermeister Wilzok war es deshalb auch eine Selbstverständlichkeit, den Benefiz-Reisenden am Rathaus zu empfangen und ein Quartier für ihn zu besorgen. Die Stadt werde auch eine Spende für "Flying Hope" überweisen und die kleinen Erinnerungsgeschenke an seine Privatadresse schicken, sagte Wilzok zu.

Am heutigen Montag wird Trelenberg Richtung Hof aufbrechen und wird am 26. September zurück in Hagen erwartet.

Autor
Klaus Kaschka

Klaus Klaschka

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Veröffentlicht am:
09. 08. 2020
16:16 Uhr

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Klaus Kaschka

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09. 08. 2020
16:16 Uhr



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