Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom Wochenende30 Jahre GrenzöffnungBlitzerwarnerVER Selb

Kulmbach

Geschenkte Arbeit für den Chef

1,2 Millionen Überstunden im Landkreis Kulmbach - 628 000 davon werden nicht abgegolten: Die Gewerkschaft NGG warnt vor einem "Durchlöchern des Arbeitszeitgesetzes".



Und noch eine Stunde: Gerade in Hotels und Gaststätten werden im Sommer kräftig Überstunden geleistet. "Das darf nicht weiter ausufern", warnt die Gewerkschaft NGG und hat deshalb die Kampagne "#fairdient" gestartet. Foto: NGG
Und noch eine Stunde: Gerade in Hotels und Gaststätten werden im Sommer kräftig Überstunden geleistet. "Das darf nicht weiter ausufern", warnt die Gewerkschaft NGG und hat deshalb die Kampagne "#fairdient" gestartet. Foto: NGG  

Kulmbach - Wenn der Landkreis Kulmbach richtig schuftet, kommt ein Überstunden-Berg heraus: Rund 1,2 Millionen Arbeitsstunden haben die Beschäftigten hier im vergangenen Jahr zusätzlich geleistet. Davon 628 000 Überstunden zum Nulltarif - ohne Bezahlung. Das geht aus dem "Überstunden-Monitor" hervor, den das Pestel-Institut im Auftrag der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erstellt hat. Demnach haben alle Beschäftigten den Unternehmen im Kreis Kulmbach 16 Millionen Euro "geschenkt".

Allein in Hotels und Gaststätten leisteten die Beschäftigten hier im vergangenen Jahr rund 28 000 Überstunden. Das hat das Pestel-Institut auf Basis des Mikrozensus berechnet. Die Wissenschaftler sind von bundesweiten Durchschnittswerten ausgegangen. Demnach waren 46 Prozent aller im Landkreis Kulmbach geleisteten Überstunden im Gastgewerbe unbezahlt. Für 2018 bedeutet dies - bei 12 Euro Lohnkosten pro Stunde für den Arbeitgeber - ein "Lohn-Geschenk" von 151 000 Euro.

"Von der Küchenhilfe im Hotel bis zum Kellner im Biergarten: Wer im Gastgewerbe arbeitet, ist auf jeden Euro angewiesen. Dabei sind 54 Prozent dieser Arbeitsplätze im Kreis Minijobs", sagt NGG-Geschäftsführer Michael Grundl. Das Problem der 450-Euro-Kräfte: Sie dürfen keinen Euro hinzuverdienen. "Also werden die Überstunden entweder gar nicht oder schwarz bezahlt - bar auf die Hand. Statt Minijobber mit 450 Euro abzuspeisen, sollte das Gastgewerbe endlich mehr Menschen regulär beschäftigen und ordentlich bezahlen", fordert Grundl.

Die NGG geht in Sachen Arbeitszeit jetzt in die Offensive: Sie stellt sich mit der Gastgewerbe-Kampagne "#fairdient" hinter die rund 1200 Beschäftigten in den Hotels, Restaurants und Gaststätten im Kreis Kulmbach. Denn ihnen drohe - über den verlorenen Lohn bei Umsonst-Überstunden hinaus - noch ein anderes Problem: Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) dränge die Bundesregierung, die Arbeitszeiten noch flexibler zu machen. "Es geht darum, das Arbeitszeitgesetz zu durchlöchern. Ziel der Arbeitgeber ist es, die Höchstarbeitszeit auf bis zu 13 Stunden pro Tag auszuweiten", kritisiert Grundl.

Der Dehoga werde sich mit seinem Vorstoß "ein Eigentor schießen", so die NGG. Denn das Hotel- und Gaststättengewerbe könnte durch eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit an Attraktivität einbüßen. "Gerade junge Menschen werden dadurch verschreckt. Und das bei der - im Branchenvergleich - ohnehin schon besonders niedrigen Ausbildungsquote", sagt Grundl. Der Gewerkschafter warnt: Mehr arbeiten zu müssen, bedeute immer auch ein höheres Gesundheitsrisiko. "Schlafstörungen, Erschöpfung, Rückenschmerzen und sogar Arbeitsunfälle können die Folge sein." Die bestehende Regelung der Arbeitszeit sei deshalb ein wichtiger Schutz der Beschäftigten.

Im Gastgewerbe sei es bereits heute gang und gäbe, überdurchschnittlich oft an Wochenenden und Feiertagen, spätabends und auf Abruf zu arbeiten. "Dazu kommt ein guter ‚Flex-Faktor‘ durch Arbeitszeitkonten. In Tarifverträgen hat die NGG mit dem Dehoga vielfältige Arbeitszeitmodelle vereinbart. Zu viele Betriebe setzen diese aber gar nicht in der Praxis um, sondern wollen einen Freifahrtschein. Wir fordern die Unternehmen auf, sich an diese Regelungen zu halten und die Dienstpläne frühzeitig und verlässlich zu schreiben", stellt der Gewerkschafter unmissverständlich fest.

Autor

Redaktion
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
27. 08. 2019
17:42 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arbeitgeber Arbeitszeitgesetz Bereich Hotels Biergärten Deutscher Hotel- und Gaststättenverband Gaststätten und Restaurants Geringfügige Beschäftigung Gewerkschaften Hotel- und Gastronomiegewerbe Lohnkosten Tarifverträge
Kulmbach
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Reisen liegt im Trend: Urlauber und Geschäftsreisende sorgen dafür, dass die Zahl der Übernachtungen steigt. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnt jedoch vor immer längeren Arbeitszeiten für die Beschäftigten der Branche. Foto: NGG

15.03.2019

Hotellerie am Limit

Die Gewerkschaft NGG kritisiert die ausufernden Arbeitszeiten im Gastgewerbe. Dies sei eine Ursache für den Nachwuchsmangel in der Branche. » mehr

So hell wie auf diesem Foto glänzt der Mercedes-Stern zumindest beim Vertragshändler Auto-Scholz in Kulmbach und Bayreuth zurzeit nicht. Inhaber Michael Eidenmüller will keinen Haustarifvertrag mehr, sondern nur noch Einzelverträge mit den Beschäftigten. Dagegen machen diese mithilfe der Gewerkschaft mobil.	Foto: dpa

29.08.2019

Fronten bei Auto-Scholz verhärten sich

Der Inhaber will aus dem Tarif ausbrechen. Dagegen mucken die Beschäftigten auf. Einen Arbeitsplatz finden sie heutzutage auch anderenorts, sagen sie. Und die Gewerkschaft zieht jetzt vor Gericht. » mehr

Das Essen war gut, aber die Rechnung schmeckt dem Zechpreller gar nicht. Deutschlands bekannteste Zechprellerin heißt Dolores. Sie bringt seit Jahren Thüringer Gastwirte zur Verzweiflung. Vor wenigen Tagen wurde ein Restaurantbesitzer in Kulmbachs Partnerstadt Saalfeld heimgesucht.

13.09.2019

Dolores speist, der Wirt zahlt die Zeche

Deutschlands Zechpreller-Königin ist wieder unterwegs. Auch ein Gastronom in Kulmbachs Partnerstadt Saalfeld macht nun die unliebsame Bekanntschaft mit der Berühmtheit. » mehr

Nach einer einstündigen Protestveranstaltung vor dem Firmensitz liefen die Mitarbeiter von Auto-Scholz zum Streiklokal. Foto: Stefan Schreibelmayer

16.07.2019

Neue Proteste bei Auto-Scholz

Zweiter Warnstreik mit Demonstrationszug: Arbeitnehmer wollen neue Verhandlungen über Haustarifvertrag. » mehr

Wenn es am Monatsende zu eng wird: Wegen niedriger Einkommen sind viele Menschen auf Zusatzeinkünfte - wie hier zum Beispiel aufs Pfand-Sammeln - angewiesen. Foto: NGG

23.09.2019

Wenn das Geld knapp wird

In Oberfranken ist jeder siebte Haushalt von Armut bedroht. Laut Gewerkschaft NGG sind in Kulmbach rund 11 700 Menschen betroffen. » mehr

Kampf gegen das Wirtshaussterben

12.06.2019

Kampf gegen das Wirtshaussterben

Der Freistaat legt ein millionenschweres Förderprogramm auf, um Gaststätten zu unterstützen. Schon Minuten nach dem Start wurde das Programm wieder gesperrt - wegen zu großen Andrangs. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lehrermedientag 2019 Hof

Lehrermedientag 2019 | 20.11.2019 Hof
» 58 Bilder ansehen

Susis Blaulichtparty Weißenstadt

Susis Blaulichtparty | 16.11.2019 Weißenstadt
» 47 Bilder ansehen

SC Riessersee - Selber Wölfe 4:1 Garmisch-Partenkirchen

SC Riessersee - Selber Wölfe 4:1 | 17.11.2019 Garmisch-Partenkirchen
» 29 Bilder ansehen

Autor

Redaktion

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
27. 08. 2019
17:42 Uhr



^