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Kulmbach

Gesichter jüdischer Mitbürger

Am Montag wird in der Buchhandlung Friedrich eine Ausstellung mit Fotos von Kulmbacher Juden eröffnet. Bearbeitet hat die Bilder Manfred Ströhlein.



Nach bestandenem Abschluss an der Realschule begeben sich die vier Schulfreunde ins Fotoatelier: Rechts Siegfried Weiß, links sitzend der junge Beyerlein, daneben Simon Hartmann und Max Schmiedel. Fotos: Wolfgang Schoberth
Nach bestandenem Abschluss an der Realschule begeben sich die vier Schulfreunde ins Fotoatelier: Rechts Siegfried Weiß, links sitzend der junge Beyerlein, daneben Simon Hartmann und Max Schmiedel. Fotos: Wolfgang Schoberth   » zu den Bildern

Kulmbach - "Zusammen leben - zusammen wachsen". Das Motto der diesjährigen Interkulturellen Woche ist wunderbar gewählt für die heutige Zeit. Doch es trifft auch zu für viele Jahre des Zusammenlebens jüdischer und nichtjüdischer Kulmbacher vom Ende des 19. Jahrhundert bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten. Die dreißig bis vierzig Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde, die 1903 ins Leben gerufen worden ist, waren für die kleine Stadt Kulmbach mit ihren 10 000 Einwohnern eine Bereicherung - in ihrer Sprache mit ihren vielfältigen jiddischen Anklängen, ihrem Brauchtum, der Leistungsfähigkeit ihrer Geschäfte.

23. September, 19 Uhr

Eröffnet wird die Ausstellung "Jüdische Gesichter in Kulmbach" am Montag um 19 Uhr in der Buchhandlung Friedrich. Historiker Wolfgang Schoberth wird anhand der Fotos die Lebensgeschichte der Personen vorstellen. Die Bilder werden eine Woche zu sehen sein.


Die Kulmbacher kauften gern in den kleinen Läden für Damen- und Herren-Konfektion, für Unterbekleidung und Weißwäsche, für Kinderspielzeug und in den Schuhläden, die es in der Innenstadt gab. Sie galten als preisgünstig und äußerst flexibel. Über Nacht, so haben es Zeitzeugen erzählt, konnten die Inhaber durch ihre weiträumigen Beziehungen die gewünschte Ware besorgen.

Die Juden gehörten zum Stadtbild: Zum Beispiel, wenn sie am "Schabbes" mit ihren schwarzen Anzügen und Hüten zu ihrem Bet-Raum im Hotel Krone (später: Café Beyerlein) spazierten oder als Pferde- und Viehhändler auf dem Marktplatz und Auf der Draht (Stadtpark) ihre Geschäfte machten. Selbstverständliches Miteinander, gute Nachbarschaft, oft Freundschaften, waren typisch bis an die Schwelle von 1933.

22 Jahre nach der Vertreibung zurück: Ein Beispiel für die selbstverständliche Zugehörigkeit zu Kumpel-Cliquen ist Siegfried Weiß, Sohn von Henriette und Franz und Weiß. Sein Vater, ein gelernter Schneider aus Ungarn, kommt 1902 nach Kulmbach und ist Mitbegründer der jüdischen Gemeinde. In der Spitalgasse 2 übernimmt er das Bekleidungsgeschäft seines Vorgängers. Seinem 1905 geborenen Sohn möchte er die Möglichkeit bieten aufzusteigen. Er scheut die beträchtlichen Kosten für das Schulgeld nicht und schickt ihn an die Realschule (Vorgänger des MGF-Gymnasiums). Das Foto zeigt ihn mit seinen Schulfreunden 1923 nach dem erfolgreichen Abschluss. Die jungen Herren haben sich festlich gewandet und sichtlich stolz zum Fotografen begeben. Um auch ihre männliche Reife zu demonstrieren, darf die Zigarette nicht fehlen. Rechts Siegfried Weiß, links sitzend der junge Beyerlein (Vorname nicht bekannt), daneben Simon Hartmann und Max Schmiedel. Siegfried Weiß schließt danach eine Schneiderlehre ab und steigt in die Textilbranche ein. In Augsburg wird er kaufmännischer Leiter eines großen Textilbetriebs und lernt dort auch die große Liebe seines Lebens kennen - die katholische Krankenschwester Kunigunde Brögmann, seine "Gundi". Doch 1937 sieht er keinen anderen Ausweg mehr, den Nazis zu entkommen, als in die USA zu emigrieren.

Nach dem Krieg gilt er bei seinen ehemaligen Freunden als tot, doch dann, 1958, steht er plötzlich im Café seines Schulfreundes Simon Hartmann in der Spitalgasse 12. Die Kumpel von einst fallen sich in die Arme, hauen sich auf die Schultern, tanzen im Café umher, dass die Stühle purzeln - wie sich Margitta Müller, die Tochter Hartmanns, erinnert.

Siegfried Weiß kommt danach wiederholt nach Kulmbach, schließlich auch mit "Gundi", seiner Jugendfreundin, die er nach langem Suchen gefunden hat und 1961 heiratet. Siegfried Weiß stirbt im Februar 1989. Er lässt sich auf dem jüdischen Friedhof in Bamberg bestatten - im Grab seiner Mutter Henriette Weiß, die schon seit 1930 hier ruht.

Fotos von Ermordeten und Überlebenden: Zwei Dutzend Ansichten von jüdischen Mitbürgern werden am kommenden Montag in der Bücherstube Friedrich vorgestellt. Manfred Ströhlein, der Organisator der 25. Interkulturellen Woche von Kulmbach, hat sie ausstellungsgerecht bearbeitet.

Darunter sind auch Fotos, die das Ehepaar Ruth und Georg Goldzweig zeigen, die 1957 erstmals von New York aufbrechen, um in ihrer ehemaligen Heimatstadt die Freunde aufsuchen, die ihnen in den Verfolgungsjahren geholfen haben. Zu sehen sind aber auch Fotos von ermordeten Kulmbachern - von dem Viehhändler Karl Strauß zum Beispiel, der sich bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges voller Patriotismus freiwillig an die Front meldet und während des Zweiten Weltkriegs in Auschwitz ermordet wird. Oder von Selma Emma Lump, die mit ihren Schwestern ein Damenhutgeschäft geführt hat, oder ihrem Mann, dem Schuhhändler Max Michaelis, die beide in Vernichtungslagern umkommen.

Autor

Wolfgang Schoberth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
19. 09. 2019
16:22 Uhr

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Autor

Wolfgang Schoberth

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
19. 09. 2019
16:22 Uhr



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