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Kulmbach

Heimat - geliebt und gefährdet

Günter Dippold ist seit 25 Jahren für die Wahrung der oberfränkischen Heimatkultur zuständig. Ein Gespräch über seinen Beruf, über den Wert von Heimat - und die Bedrohungen, denen sie ausgesetzt ist.



"Wenn die Welt wie jetzt immer unübersichtlicher wird, brauchen die Menschen einen Anker für ihr Leben": Bezirksheimatpfleger Günter Dippold.	Foto: Archiv/Otto Lapp
"Wenn die Welt wie jetzt immer unübersichtlicher wird, brauchen die Menschen einen Anker für ihr Leben": Bezirksheimatpfleger Günter Dippold. Foto: Archiv/Otto Lapp  

Was bedeutet Ihnen "Heimat"?

Zur Person

Günter Dippold, 57, ist in Schney geboren. Der Historiker ist seit

1. November 1994 Bezirksheimatpfleger. Seit 2004 lehrt er darüber hinaus als Honorarprofessor an der Universität Bamberg.


Günter Dippold: Heimat ist für mich der Ort, der mir Geborgenheit gibt, für den ich mich auch verantwortlich fühle. Der Ort, wo es mir besonders weh tut, wenn was schiefläuft.

Lichtenfels oder Bayreuth?

Heimat gibt es gefühlt auch im Plural. Also: Lichtenfels ist meine Heimat, Bayreuth auch, ein bisschen Bamberg, ein bisschen Franken. Die deutsche Sprache ist meine Heimat, auch die obermainische Spielart des Ostfränkischen. Ich habe viele Heimaten.

Was denken Sie, wenn rechte Parteien den Heimatbegriff für ihre Zwecke reklamieren?

Das ist eine Perversion des Begriffs. Ich möchte mit Max Liebermann sagen: Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte. Pervers ist die Vorstellung, es gäbe eine festgefügte überzeitliche Kultur, an der sich um Himmels willen nichts ändern darf. Das Beständige in der Geschichte ist die Veränderung. Natürlich muss sie menschliches Maß haben und darf uns nicht überwältigen. Heimat ist vielleicht der Ort, wo sie uns nicht überwältigt. Ein Mittel der Ausgrenzung ist Heimat auf keinen Fall.

Hat Heimat Zukunft?

Ich glaube, dass Heimat immer wichtiger wird. Wenn die Welt wie jetzt immer unübersichtlicher wird, brauchen die Menschen einen Anker für ihr Leben. Der soll sie nicht abhalten, auch einmal in See zu stechen und was anderes kennenzulernen. Aber wenn es stürmisch ist oder das Schiff eine Reparatur braucht, muss man mal vor Anker gehen. Dazu ist Heimat da. Als ich ins Amt kam, klang das Heimatgewese, das in den fünfziger und sechziger Jahren in Filmen verkitscht wurde, noch etwas seltsam. Jetzt erleben wir eine Renaissance von Heimat. In vieler Hinsicht ist das gut, weil sich Menschen damit auseinandersetzen. Schlecht ist es, wo Heimat missbraucht wird.

Was bewog den jungen Günter Dippold vor 25 Jahren, sich um das Amt des Bezirksheimatpflegers zu bewerben?

Eine Stellenanzeige in der Zeitung. Ich war damals Leiter des Korbmuseums in Michelau. Das hat mir gut gefallen, aber die Stelle des Bezirksheimatpflegers klang interessant. Und die Bezahlung war auch besser. Teilnehmer meines Bewerbungsgesprächs sagten mir später, mein Auftreten sei etwas nassforsch gewesen. Genau so jemand wurde damals gesucht, und so klappte es.

Haben sie Ihre Bewerbung je bereut?

Solche Zeiten gibt es natürlich. Wenn ich zum Beispiel das Gefühl hatte, dass meine Arbeit nicht geschätzt oder dass ich eingeengt wurde. Aber mit etwas Abstand betrachtet muss ich sagen: Diese Stelle war ein absoluter Glücksfall für mich.

Sie sind 2014 bei der Bürgermeisterwahl in Lichtenfels angetreten. Warum wollten Sie den Job wechseln?

Als Bezirksheimatpfleger berät und unterstützt man, bremst manchmal, begleitet Dinge. Ich wollte mehr und direkt gestalten können.

Dann unterlagen Sie als CSU-Kandidat mit nur 24,5 Prozent dem jungen SPD-Konkurrenten. Grämt Sie das heute noch?

Nein, gar nicht. Als Bürgermeister hätte ich auf bestimmte Dinge, die mir als Heimatpfleger lieb geworden waren, verzichten müssen. Ich mache meine Arbeit ja aus innerer Überzeugung. Als ich Bürgermeister werden wollte und manche Leute merkten, dass ihnen womöglich der Bezirksheimatpfleger abhandenkommen könnte, wurde mir plötzlich mehr Wertschätzung entgegengebracht. Ein bisschen weniger krachend hätte die Niederlage aber sein dürfen. Andererseits war das Ergebnis für mich ein deutliches Signal, dass mich die Lichtenfelser nicht für geeignet als Bürgermeister halten. Dann machte ich halt das andere, was ich auch gern mache.

Die Oberfranken gelten oft als nörglerisch. Eine Umfrage hat aber gerade ergeben, dass 98 Prozent zufrieden damit sind, wo sie leben. Wie passt das zusammen?

Man kann sich durchaus sehr wohlfühlen und das dann nicht hinausbrüllen. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass man das Eigene zu geringschätzt. Das ist die typische oberfränkische Krankheit. Deswegen sagt man auf die Frage, wie es einem geht: Bassd scho, ohne in Begeisterung auszubrechen.

Das höchste der oberfränkischen Gefühle.

Wird nur getoppt von: Do koo mer nix sooch.

Von einer Benachteiligung Oberfrankens durch München ist in der Tagespolitik anders als früher kaum mehr die Rede. Ist das Thema vom Tisch?

Das ist tatsächlich in der Wahrnehmung zurückgetreten. In den vergangenen Jahren wurden hier auch deutliche Akzente gesetzt. Gleichwohl gibt es in den Köpfen ministerieller Beamter noch eine sehr starke Fixierung auf München und den Süden. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist es ähnlich. Ein Regensburger Sprachwissenschaftler hat einmal zwei Tage bayerisches Fernsehen untersucht und festgestellt: Wenn Dialekt gesprochen wird, ist es zu 98 Prozent der mittelbairische. Wenn das so ist, liegt ein Bruch des Staatsvertrages vor, denn abzubilden wäre Bayern in seiner Komplexität. Was die Benachteiligung Oberfrankens angeht, hat sich in der Wirtschaftsförderung viel zum Besseren gewendet, aber im kulturellen Bereich besteht großer Nachholbedarf.

Förderung kultureller Identität und Erhaltung historischer Baudenkmäler sind Ihre Kern-Aufgabenbereiche. Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie in 25 Jahren erreicht haben?

Einerseits ja. Im Museumsbereich haben meine Mitarbeiter und ich einen großen Schritt vorwärts geschafft. Unserem Solitär, dem Haus Marteau in Lichtenberg, haben wir zu neuem Glanz verholfen. Das gibt es so in Bayern kein zweites Mal. Andererseits: Wenn ich mir die Situation bei Denkmalpflege und Schutz der Kulturlandschaft anschaue, sind wir im freien Fall. So viel Bereitschaft zum Verfallenlassen und zum Abreißen alter Bausubstanz, ein Vollpflastern ganzer Täler mit schlechtester Industriearchitektur, ein ungehemmter Flächenfraß - diese Dinge rauben mir manchmal den Schlaf. Der Denkmalschutz ist in der schlimmsten Krise seit Erlass des Gesetzes in den siebziger Jahren.

Ein Beispiel?

In Röbersdorf verfällt ein schönes altes Fachwerkhaus, und jeder schaut zu. In Bayreuth verschwanden große Teile der Spinnerei. Und zu Füßen von Vierzehnheiligen, auf der Showtreppe dieser architektonischen Diva, sollen Logistikhallen mit 150 Metern Länge und acht Metern Höhe entstehen. Ein Lastwagenparkplatz mit intensivem Verkehr für eine Handvoll Arbeitsplätze. Was will man der Heimat da antun! Ein eklatanter Fall fehlender Wertschätzung für das Eigene in der Heimat.

Und was war der Höhepunkt in ihren 25 Berufsjahren?

Auf den warte ich immer noch.

Das Gespräch führte Peter Rauscher

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Veröffentlicht am:
08. 11. 2019
00:00 Uhr

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