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Kulmbach

Höchste Zeit zu handeln

Viele Insekten sind inzwischen vom Aussterben bedroht. Die ÖDP und andere Organisationen gründen heute einen Aktionskreis für das Volksbegehren "Rettet die Bienen".



Mit den Insekten sterben auch viele andere Tier- und Pflanzenarten aus. Foto: Carsten Rehder/dpa
Mit den Insekten sterben auch viele andere Tier- und Pflanzenarten aus. Foto: Carsten Rehder/dpa  

Kulmbach - Seit 1965 sind mehr als zwei Drittel aller Vögel verschwunden, jeder zweite Kiebitz und Bekassine ist mittlerweile verstummt. Um 75 Prozent ist nach Angaben des Bund Naturschutz in den vergangenen 27 Jahren die Biomasse der Insekten zurückgegangen. Laut der Umweltorganisation WWF handelt es sich um das größte Artensterben seit dem Aussterben der Dinosaurier. Mit rund 25 800 bedrohten Tier- und Pflanzenarten sei im vergangenen Jahr ein neuer Höchststand erreicht worden.

Der Aktionskreis

In Bayern gründen sich derzeit zahlreiche Aktionsbündnisse, um die Wahlberechtigten zu mobilisieren. Der Aktionskreis für den Landkreis Kulmbach und Lichtenfels gründet sich am Mittwoch, 9. Januar, um 19.30 Uhr in Burgkunstadt im Hotel "Drei Kronen" in der Lichtenfelser Straße 24.


Der Grund für das Artensterben sei nicht nur der Einsatz von Pestiziden, sondern auch die Rodung der Lebensräume, wie Frank Schneider vom Landesbund für Vogelschutz sagt. Das Artensterben sei schon so dramatisch, dass heute "nur ein Restbestand von dem, was vor 100 Jahren auf der Erde lebte, noch existiert". Mittlerweile habe der Artenrückgang der Insekten Auswirkungen: Pflanzen könnten nicht mehr bestäubt werden, und es fehle an Futter für insektenfressende Vögel. "Alles lebt von den Insekten", sagt Schneider. Deshalb unterstützt er das Volksbegehren der ÖDP.

Denn mit einem Volksbegehren will diese das Artensterben stoppen. Vom Donnerstag, 31. Januar, bis Mittwoch, 13. Februar, müssen sich dafür zehn Prozent der Wahlberechtigten in Bayern eintragen. Das sind rund eine Million Menschen. "Das ist der Wahnsinn, ich hoffe wirklich, dass wir das schaffen", sagt Schneider. Thomas Müller, der Vorsitzende des ÖDP Kreisverbandes Kulmbach - Lichtenfels, zeigt sich optimistisch. "Die Zustimmungsrate in der Bevölkerung liegt sicher bei 50 Prozent, aber wir müssen die Menschen motivieren, sich die Zeit zu nehmen ins Rathaus zu gehen."

Mit Volksbegehren hat die Partei Erfahrung - im Jahr 2010 wurde beim Volksentscheid "Ja zum echten Nichtraucherschutz" ein konsequentes Rauchverbot in Restaurants, Gaststätten und Festzelten durchgesetzt. "Als wir von dem massiven Artenrückgang gehört haben, war uns klar, dass etwas passieren muss", sagt Müller. Mittlerweile unterstützen fast 50 Organisationen und Parteien die Initiative "Rettet die Bienen".

Sollte das Volksbegehren ausreichend Unterstützung finden und auch vom bayerischen Landtag akzeptiert werden, dann sollen bis zum Jahr 2030 insgesamt 30 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen ökologisch bebaut werden. Die Initiative will Bauern verpflichten, Hecken, Büsche, Feldraine und Bauminseln anzulegen und so zerstörte Lebensräume für die heimische Pflanzen und Tierwelt wiederherzustellen. So soll ein Biotopnetzverbund geschaffen werden, das 13 Prozent des Offenlandes im Freistaat umfasst. An Bächen, Flüssen und Seen sollen fünf Meter breite Randstreifen frei von Landwirtschaft bleiben. Denn nur so könne sich die Natur langfristig erholen. "Dort, wo der Mensch aktiv ist und in die Landschaft eingreift, sterben Tiere aus", sagt Schneider.

Dabei suche die Partei die Schuld keinesfalls bei der Landwirtschaft, wie Müller sagt. "Die bäuerlich arbeitenden Familienbetriebe sind vielmehr genauso Leidtragende einer verfehlten Agrarpolitik", sagt Müller. Deshalb wolle das Volksbegehren die bäuerliche, kleinräumig arbeitende Landwirtschaft mit dem Gesetz stärken und ihr eine neue Perspektive geben. Denn Experten zufolge seien es in allerersten Linie die moderne Landwirtschaft mit massenhaftem Einsatz von Düngern und Pflanzenschutzmitteln und den immer größeren Äckern und Monokulturen, die für den Artenschwund verantwortlich sind.

Einen Zusammenhang zwischen dem Artensterben und dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sieht Wilfried Löwinger, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes, nicht. "Das hat viele Ursachen, die Landwirtschaft trägt da nur einen kleinen Teil bei", sagt er. Denn die Natur verändere sich nicht nur auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen, sondern auch in den Gärten und städtischen Grünanlagen. "Als wir bis vor einigen Jahren noch bienengefährliche Pflanzenschutzmittel verwendet haben, gab es noch Schmetterlinge, Insekten und Bienen - heute nehmen wir bienenungefährliche Mittel und plötzlich sterben die Insekten aus", wundert er sich. Die Bauern wussten seiner Einschätzung nach damals nicht, dass die Mittel, die sie einsetzen, gefährlich für die Bestäuber sind. "Wir müssen den Zulassungsbehörden vertrauen, dass das Mittel nicht gefährlich für die Umwelt ist", sagt der Kreisobmann. Die Bauern könnten nicht auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verzichten, da sonst massive Ernteausfälle drohen. Allein im vergangenen Jahr hätten die Bauern Ernteeinbußen von 50 Prozent verzeichnen müssen, wenn sie ihre Pflanzen nicht gegen Schädlinge behandelt hätten.

Die Forderungen der Partei sind aus Sicht des Kreisobmanns nicht erfüllbar. Denn die Umstellung von einer konventionellen auf eine ökologische Landwirtschaft bedeute auch, dass weniger Lebensmittel produziert werden können. Derzeit versorge ein landwirtschaftlicher Betrieb rund 150 Menschen mit Nahrung, das würde sich durch die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft ändern. "Würden Bauern in ganz Europa auf eine nachhaltige Landwirtschaft umschwenken, bräuchten wir eine Fläche so groß wie Ungarn, um die gleiche Menge an Nahrungsmittel zu produzieren", sagt Löwinger. Die Folgen: Die Bauern könnten weniger Essen produzieren, die Preise für Lebensmittel steigen und langfristig "können sich Menschen irgendwo auf der Welt kein Essen mehr leisten und müssen hungern". Denkbar wäre aus seiner Sicht, dass die Produktion ins Ausland verlagert wird, wo weniger strikte Regelungen gelten. Dort seien dann bienengefährliche Pflanzenschutzmittel im Einsatz.

Dennoch sagt der Kreisobmann: "Wir Bauern sind durchaus freiwillig bereit mitzuarbeiten." Viele Landwirte würden Grünstreifen rund um Maisfelder anlegen für Bienen. Dennoch sei es falsch, mit dem Volksentscheid die Bauern zu zwingen, auf ökologische Landwirtschaft umzustellen. Denn: "Überall hat die Entwicklung stattgefunden, nur wir Bauern sollen noch wirtschaften wie vor 50 Jahren, während jeder andere den Fortschritt für sich nutzt." Dennoch sei er bereit, sich dem Ergebnis des Volksentscheides zu beugen. "Die Bevölkerung entscheidet - sie sollen uns Landwirten aber nicht die Schuld zuschieben, wenn die Nahrungsmittel nicht mehr reichen."

Aus Schneiders Sicht ist es allerhöchste Zeit zu handeln. "Irgendwann wird es auf uns Menschen zurückfallen - wenn Wildbienen und Hummeln nicht mehr da sind, um die Pflanzen zu bestäuben, gehen uns die Nahrungsmittel aus." Denn in Bayern gibt es 506 Wildbienen-Arten. 40 gelten als ausgestorben oder verschollen. Von den übrigen 466 Arten sind fast die Hälfte vom Aussterben bedroht oder gefährdet. Dagegen soll das Volksbegehren helfen.

Das ist der Wahnsinn,
ich hoffe wirklich, dass wir
das schaffen.


zitat

Frank Schneider.
Landesbund für Vogelschutz


Die bäuerlich arbeitenden
Familienbetriebe sind vielmehr genauso Leidtragende einer
verfehlten Agrarpolitik.


zitat

Thomas Müller,
ÖDP


Die Bevölkerung entscheidet - sie sollen uns Landwirten aber nicht die Schuld zuschieben, wenn die Nahrungsmittel nicht mehr reichen.


zitat

Wilfried Löwinger, Kreisobmann
Bayerischer Bauernverband


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Christina Holzinger
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Veröffentlicht am:
08. 01. 2019
18:00 Uhr

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Christina Holzinger

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08. 01. 2019
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