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Kulmbach

Improvisation auf der Rieger-Orgel

Gerd Wachowski ist einer der ganz großen Improvisatoren. In der Kulmbacher Petrikirche gibt er in neun Stücken eine beeindruckende Kostprobe seines Könnens.



Gerd Wachowski improvisierte am Pfingstsonntag auf der Orgel der Petrikirche. Foto: Klaus Klaschka
Gerd Wachowski improvisierte am Pfingstsonntag auf der Orgel der Petrikirche. Foto: Klaus Klaschka  

Kulmbach - Improvisieren ist die Kunst, aus einem musikalischen Impuls Musik zu machen, die sich von oft kompliziert und aufwendig erarbeiteten Kompositionen nicht unterscheidet. Im Jazz ist diese Art zu musizieren üblich, aber nicht dessen Erfindung. Improvisation ist schon seit jeher eine Kunst, die von Organisten gepflegt wird. Organistenzwirn ist die etwas abfällige Beschreibung im Musikerjargon; verlangt aber ein Talent, das man hat - oder nicht hat. Es lernen zu wollen ist meist eine aussichtslose Angelegenheit.

Einer der ganz großen Improvisatoren gab unlängst eine Kostprobe seines Talents: Gerd Wachowski spielte auf der Rieger-Orgel der Petrikirche neun Stücke nach Melodie-Wünschen aus dem Publikum, die er mit dem Beginn seines Konzerts erst erfuhr.

Dennoch bedeutet Improvisieren nicht, einfach drauf los zu spielen. Auf dem Weg zur Orgel der Kirche legt sich Wachowski ein Konzept zurecht: Welche Art von musikalischer Form passt zu welcher Choralmelodie, die ihm vorgegeben war zum Beispiel. So kündigt er auch seine Improvisation über "Wie lieblich ist der Maien" als "Concerto" an, in dem Tutti und Trios miteinander kommunizieren, und zu hören ist ein fröhliches Konzert in Händel‘scher Manier, in der die Melodie ganz und in Teilen immer wieder hervorschaut.

Mit der nächsten Improvisation über "Jesu, meine Freude" schlägt Wachowski meditative Klänge an und lässt mit chromatisch fallenden Begleitmotiven eine Art leisen Liszt assoziieren, zumindest Spätromantik.

In Bach’schem Duktus dann "Ein feste Burg" in voller Orgel mit der Melodie im Pedal und "Nun danket alle Gott" im Doppelpedal - in dem grob gesagt beide Füße eigene Motiv-Linien haben. Apart mischt er dann das Orchestermotiv der Kantate "Jesus bleibet meine Freude" mit dem Choral "Großer Gott, wir loben dich" anstelle des Originalchorals. Mit einem kleinen Stück aus den Kinderliedern "Alle Vögel sind schon da" und "Geh aus, mein Herz" assoziiert er Mozarts Stücke für eine Spiel- oder Flötenuhr.

In im normalen kirchlichen Gebrauch eher ungewohnte Klanggebiete wagt sich Wachowski mit seiner Musik zur Vorgabe "Lied der Gralsritter": Eine als Kinderkanon angelegte Melodie des "Waldorf"-Musikers Alois Künstler (1905-1991). Als "Spiel mit Pfeifen" kündigt er diese Improvisation an, die er mit gehaltenen Sekundschritten beginnt und zu Clusters erweitert, die mit schnell gespielten Klangpassagen abwechseln, die an Messiaens Vogelstimmen-Motive erinnern. Eine Art der Improvisation, bei der sich französische Improvisatoren wie Latry, Lefebvre oder Cocherau keinesfalls zurückhalten und die Klangmöglichkeiten der an sich eher weichen Cavaille-Coll-Instrumente voll auskosten und schier zum Donnern bringen.

Mit einer spätromantischen Improvisation schloss Wachowki sein Konzert ab - Variationen und Fuge über den Choral "Wer nur den lieben Gott lässt walten."

Gerd Wachowki studierte Theologie und Musikwissenschaften in Kiel sowie Kirchenmusik in Lübeck, war unter anderem lange Jahre Organist in Rothenburg ob der Tauber, dann bis 2016 Professor für Kirchenmusik an der Musikhochschule Frankfurt. Der 69-jährige Kirchenmusikdirektor kennt die Petri-Orgel gut. Er selbst hat sie zusammen mit dem jetzt scheidenden Kantor Ingo Hahn und der Orgelbaufirma geplant: Das für das Kirchenschiff maximal ausgerichtete Instrument mit 3493 Pfeifen, 8,40 Metern Höhe und 14 Tonnen Gewicht thront seit fast 20 Jahren an der dem Altar genau entgegengesetzten Stelle der Petrikirche: Mit 50 klingenden Registern eine eher mittelgroße Orgel - die größte Rieger-Orgel im Wiener Konzerthaus hat 116, die größte Europas im Passauer Dom (Steinmeyer) 229 Register. Mehr ging in der Petrikirche allerdings nicht. Es ist sogar so, dass der 32-Fuß-Untersatz im Pedal bereits die gesamte Orgelempore zur Resonanz bringt.

Autor
Klaus Kaschka

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Veröffentlicht am:
11. 06. 2019
17:34 Uhr

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Klaus Kaschka

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11. 06. 2019
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