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Kulmbach

Interview

Man kann vorbeugen und braucht im Fall des Falles eine gute Pflege: Warum der Gerontopsychiater Christian Mauerer keine Angst vor Alzheimer hat.



Vorbeugen lautet auch bei Demenz die Devise, sagt Dr. Christian Mauerer, Leitender Arzt am Gerontopsychiatrischen Zentrum des Bezirkskrankenhauses in Bayreuth.	Foto: red
Vorbeugen lautet auch bei Demenz die Devise, sagt Dr. Christian Mauerer, Leitender Arzt am Gerontopsychiatrischen Zentrum des Bezirkskrankenhauses in Bayreuth. Foto: red  

Bayreuth/Kulmbach - Was fühlen Demente eigentlich, muss man vor der Krankheit Angst haben und wie kann man sie verhindern? Aus Anlass der am Freitag, 13. September, beginnenden ersten bayerischen Demenzwoche mit zahlreichen Veranstaltungen auch in der Region ein Interview mit Dr. Christian Mauerer, Leitender Arzt am Gerontopsychiatrischen Zentrum des Bezirkskrankenhauses Bayreuth.

240 000 Menschen in Bayern sind an Demenz erkrankt, Tendenz stark steigend. Jeder Zweite in Bayern hat laut Umfrage Angst, später einmal an Demenz zu erkranken. Sie auch?

Nein, das habe ich nicht. Es gibt aus meiner Sicht viel schlimmere Krankheiten im Alter, vor denen ich mehr Angst haben könnte.

Der Playboy Gunter Sachs hat sich 2011 sogar umgebracht, weil er Angst hatte, an Alzheimer-Demenz erkrankt zu sein.

Bei Gunter Sachs spricht alles dafür, dass er gar nicht dement war, sondern dass er möglicherweise nur aus Eitelkeit, vor dem Hintergrund seines Lebenswandels, Angst hatte, an Demenz erkrankt zu sein. Demenz ist auf jeden Fall kein Grund für einen Suizid.

Müssen Demenzkranke nicht unter ihrer Krankheit leiden?

Nein. Im fortgeschrittenen Stadium ist es für Demenzkranke eine Gnade, dass sie vergessen, vergesslich zu sein. Die Belastung liegt bei den Pflegenden und Angehörigen, besonders bei den engen Familienmitgliedern.

Kann man als Demenzkranker noch würdig leben?

Mit guter Pflege und Versorgung kann man als Demenzkranker noch sehr gut leben. Dafür gibt es in Bayreuth viele Beispiele.

Können Demenzkranke noch glücklich sein?

Der Affekt, also das Glücksempfinden, Freude, Gereiztheit, Depression, ist bei Demenzkranken genauso vorhanden wie bei anderen Menschen im gleichen Alter. Demenzkranke können also sehr wohl auch Glück und Freude empfinden.

Wie groß ist das Risiko, im Lauf seines Lebens an Demenz zu erkranken?

Etwa jeder Zehnte über 64-Jährige in Deutschland hat Demenz, wobei das Risiko erst im hohen Alter steil ansteigt. Bei den über 89-Jährigen sind gut 40 Prozent an Demenz erkrankt, mehr Frauen als Männer. Das ist ein Preis, den wir zahlen, wenn wir immer älter werden wollen und die Lebenserwartung steigt.

Vor 20, 30 Jahren sprach kaum jemand über Demenz, jetzt ist das ein Dauerthema auch in der Politik. Woher kommt das?

Einerseits gibt es mehr Demente, weil die Menschen immer älter werden. Andererseits ist es auch Folge eines gesellschaftlichen Wandels. Früher blieben demenzkranke Menschen überwiegend in den Mehrgenerationenfamilien und wurden dort versorgt. Heute zerbrechen mehr Familien, die Zahl der Single-Haushalte steigt, Angehörige sind wegen Berufs- und Ortswechseln oft nicht mehr in der Nähe. Damit wird das Problem der Versorgung Demenzkranker sichtbarer und auch drängender. Und es wird ein Problem, das die Gesellschaft lösen muss.

Was soll jemand tun, wenn der Verdacht auf Demenz aufkommt?

Ich würde von einem Gerontopsychiater testen lassen, ob es sich wirklich um Demenz handelt oder einfach nur um altersbedingte Vergesslichkeit. Demenz ist eine Erkrankung, die wir im Frühstadium sehr gut behandeln können. Deswegen ist es wichtig, sich früh Klarheit zu verschaffen.

Wie lange kann man mit Demenz noch Auto fahren?

Das ist ein ganz heißes Eisen. Wer jetzt an Demenz erkrankt, ist mit einem Auto als Statussymbol aufgewachsen. Sachstand ist: Bereits bei einer leichten Form einer Demenz ist die Fahrtauglichkeit nicht mehr gegeben. Das müssen wir Betroffenen und Angehörigen auch klar sagen. Nach einer entsprechenden Diagnose sind Themen wie Vorsorgevollmacht, Betreuungsvollmacht, Mobilität und Einschränkung der Fahrtüchtigkeit Gegenstand eines ausführlichen Beratungsgesprächs.

Woher kommt eigentlich die verbreitetste Form der Demenz, die Alzheimer-Krankheit?

Das ist immer noch nicht aufgeklärt. Man geht davon aus, dass bestimmte Eiweißstoffwechselvorgänge und Botenstoffsysteme im Gehirn geschädigt sind. Aber viele Faktoren, auch die Biografie, spielen bei der Erkrankung eine Rolle.

Gibt es Medikamente gegen Demenz?

Wir mussten in den letzten ein, zwei Jahren lernen, dass alles, was die Pharmaindustrie an Demenzmitteln angeboten hat, nicht zum Erfolg führte. Das ist der Stand heute und wohl auch in den nächsten Jahren, und das muss man auch ehrlich zugeben. Es gibt ein paar Medikamente, die Demenz verzögern können, aber heilbar ist Demenz nicht und es gibt auch keine Impfung dagegen. Das heißt im Klartext: Man muss viel früher bei der Prävention ansetzen und jetzt schon bei seiner Lebensführung anfangen, um später im Alter möglichst nicht an Demenz zu erkranken.

Und was kann man selber tun?

Was schon Hildegard von Bingen gesagt hat: Das rechte Maß finden bei Ernährung und trinken. Aufs Gewicht achten, Alkohol, Tabak und Drogen vermeiden. Und dann: Bewegung, Bewegung und noch mal Bewegung. Neugierig auf Neues bleiben und sich immer wieder neue Hobbys suchen, das regt die Gehirnzellen an. Das Schöne ist: Mit der Demenzprävention kann man heute beginnen.

Wie viel hat man selber in der Hand, um Demenz zu verhindern, und wie viel ist Schicksal?

Zu etwa 30 Prozent haben wir es durch unsere Lebensführung selber in der Hand, im Alter gesund zu bleiben.

Das Gespräch führte Peter Rauscher

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Veröffentlicht am:
10. 09. 2019
18:12 Uhr

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10. 09. 2019
18:12 Uhr



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