Lade Login-Box.
Topthemen: 30 Jahre GrenzöffnungBilder vom WochenendeHofer Filmtage 2019VER Selb

Kulmbach

Jetzt wären Kartoffelferien, wenn . . .

Rund um Marktschorgast werden kaum mehr Kartoffeln angebaut. Die Lese mit der Hand gehört längst der Vergangenheit an. Das war früher Aufgabe der Schulkinder.



In der Pulster Flur baut nur noch die Familie Walter Kartoffeln der Sorte "Krone" an. "Der Ertrag", sagt Siegfried Walter, "ist um die Hälfte geringer ausgefallen. Es fehlten einfach die Niederschläge." Seit 1963 ist sein Vollernter im Einsatz, den er mit seinem Schlepper zieht. Seine Frau Gertraud (rechts) und Bettina Seiferth lesen die Erdäpfel am Förderband aus. Fotos: Bruno Preißinger
In der Pulster Flur baut nur noch die Familie Walter Kartoffeln der Sorte "Krone" an. "Der Ertrag", sagt Siegfried Walter, "ist um die Hälfte geringer ausgefallen. Es fehlten einfach die Niederschläge." Seit 1963 ist sein Vollernter im Einsatz, den er mit seinem Schlepper zieht. Seine Frau Gertraud (rechts) und Bettina Seiferth lesen die Erdäpfel am Förderband aus. Fotos: Bruno Preißinger   » zu den Bildern

Marktschorgast - Kartoffeln sind vom Speiseplan kaum wegzudenken. Nach dieser Knolle richteten sich bis ins 20. Jahrhundert hinein sogar die Ferien. Die Herbstferien waren früher als die Kartoffelferien bekannt, in denen die Kinder mit aufs Feld mussten, um bei der Ernte zu helfen. Früher gab es nur vier Wochen Sommerferien, und dafür zusätzlich drei Wochen Herbstferien, die sogenannten Kartoffelferien.

Landfrau Anneliese Schaller erinnert sich: "Ja Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre musste die gesamte Familie, Schulkinder, Eltern und Großeltern, Jung und Alt, beim ,Erpfllesen’ zusammenhelfen. Mit dem Kartoffelroder wurden bis zu fünf Beete auf einmal herausgeschleudert. Dann ging’s los."

Die Erdäpfel wurden in Körbchen gelesen. Waren sie voll, wurden die Kartoffeln in Säcke geleert, die mitten auf dem Feld standen. Diese wurden abends aufgeladen. "Zwei Mannsbilder", erzählt die Bäuerin, "fassten sich bei der Hand, legten den mit Kartoffel gefüllten Sack in die Arme, und mit Schwung wurden die Säcke der Reihe nach abends auf den Mistwagen geladen und heimgefahren."

Es war eine mühselige Arbeit. "Das ging gewaltig ins Kreuz", erinnert sich Anneliese Schaller. "Vor lauter Bücken tat einem der Rücken weh. Wenn’s gar nicht mehr gehen wollte, rutschte man zwischendurch ein paar Meter auf den Knien weiter. Sehnlichst wurde die Essensträgerin erwartet."

Um keine Zeit zu verlieren, wurde Mittag auf dem Feld gemacht. "Richtig aufgekocht wurde", erzählt Frau Schaller. Es habe mitunter Klöße, Sauerkraut und Schweinebraten gegeben. Zum Kaffee oder zur Milch gab es ein Blech voller Streuselkuchen. Zum Essen habe man sich auf die Kartoffelsäcke gesetzt.

Der Kartoffelvollernter, wie ihn beispielsweise die Familie Walter in Pulst besitzt, brachte eine Erleichterung für die Bauern - und für die Kinder. Das Auslesen auf der Maschine war keine Arbeit für die Schulkinder. Hier brauchte es schon geschickte Helfer, die auf dem Förderband die Steine und sonstigen Unrat von den Kartoffeln trennten. Somit waren auch die Kartoffelferien im Herbst nicht mehr nötig. Heute gibt es nach den Sommerferien, die sechs Wochen dauern, um Allerheiligen noch eine Woche Herbstferien.

Kartoffelferien wären zum anderen in Marktschorgast auch gar nicht mehr nötig, weil man diese Knollen in der Marktschorgaster Flur kaum mehr findet. Die Familie Walter in Pulst hat in diesem Jahr gerade mal einen halben Hektar angebaut. Und zufrieden mit der Ernte ist Siegfried Walter auch nicht. Der Ertrag ist um die Hälfte geringer ausgefallen als sonst. "Es fehlten einfach die Niederschläge."

Vor 135 Jahren sah es in der Marktschorgaster Flur noch ganz anders aus. Lehrer, Organist und Gemeindeschreiber Konrad Schramm hat 1884 in der "Beschreibung der Gemeinde Markt-Schorgast" niedergeschrieben, was im September 1883 auf den Feldern des Ortes an Hackfrüchten angebaut wurde: Kartoffeln 81 Hektar, Runkelrüben acht Hektar, Weiße Rüben ein Hektar und Kohlrüben 16 Hektar.

Selbst in den 40er- beziehungsweise 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden in Marktschorgast noch viele Kartoffeln angebaut. Das zeigen alte Bilder an der Bernecker Straße vor dem Ausbau der Kreisstraße KU II. Dort ernteten Anton und Margareta Hecker reichlich Kartoffeln. Sie besaßen damals schon einen Kartoffelroder.

Manch einer wird sich noch daran erinnern, was Herbert Lauterbach erzählt: "In den Jahren 1947 bis 1949 mussten wir Schüler während der Schulzeit bei schönem Wetter Kartoffelkäfer und rote Larven auf dem Acker des Bauern Johann Adam Sack suchen. Für uns war das eine Abwechslung und eine Gaudi. Dafür gab’s dann vom Bauern ein Stück Brot und Milch. Der Herr Lehrer bekam natürlich eine bessere Brotzeit in der Bauernküche."

Doch diese Zeiten sind vorbei und mit ihnen auch die jährlich drei Wochen Kartoffelferien, die wohl jetzt um diese Zeit wären. Ein Trost für die Kinder nach der ersten Woche Unterricht nach den Sommerferien: In sechs Wochen gibt’s eine Woche Herbstferien.

Autor

Bruno Preißinger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
17. 09. 2019
17:14 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Geschichte Kartoffeln Landwirte und Bauern Lehrerinnen und Lehrer Milch Sauerkraut Schulkinder Schülerinnen und Schüler Sommerferien Steckrüben
Marktschorgast
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Eine Müllaktion starteten die Kinder und Jugendlichen der Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt in Kulmbach. Zehn große Säcke wurden im Ortsteil Weiher und Herlas aufgelesen. Mit im Bild Christine Friedlein von der Buchhandlung Friedrich, die den Kindern eine Müllgeschichte nahebrachte. Foto: Gabriele Fölsche

30.10.2019

Fleißige Schüler sorgen für saubere Straßen

Die Kinder der Betreuungseinrichtungen der Arbeiterwohlfahrt sammelten vergangene Woche Müll. Sie waren entsetzt, was alles in der Natur entsorgt wird. » mehr

Fotosession am Melkroboter: Da werden die Kühe schon mal neugierig.

08.09.2019

Die Mischung macht's

Im Jahr 1710 hat der erste "Müller" das Anwesen Schwärzhof 1 bei Himmelkron gekauft. Der 21 Jahre alte Markus Müller gehört zur mittlerweile elften Generation. » mehr

Wie oft schaffen es die Schüler, den Ball innerhalb von dreißig Sekunden aufprellen zu lassen?

08.10.2019

Die künftigen Sportskanonen

Die Grundschüler in Burghaig machen sich fit: Mit gesunder Ernährung und viel Bewegung startet eine große Gesundheitsaktion. » mehr

Baustellentermin am CVG: Architekt Helmut Zink (links) erläutert die behindertengerechte Aufzugsanlage. Von rechts Landrat Klaus Peter Söllner und Schulleiterin Ulrike Endres. Foto: Werner Reißaus

02.10.2019

Caspar-Vischer-Gymnasium bekommt einen Aufzug

Die Anlage wird noch in diesem Jahr errichtet und soll einen Beitrag zur Barrierefreiheit leisten. Die Kosten belaufen sich auf rund 250 000 Euro. Der Kreistag hat zugestimmt. » mehr

Alle waren begeistert beim Flugtag von Round Table. Foto: Dieter Hübner

30.09.2019

Mit Round Table in die Luft gehen

Der Serviceclub ermöglicht Kindern einen Blick von oben auf ihre Heimat. Vor allem der Blick auf die Plassenburg beeindruckt die jungen Fluggäste. » mehr

Birgit Distler erntet mit den Schülern die Radieschen, um anschließend einen leckeren Wrap zuzubereiten. Rechts im Bild Lehrer Daniel Späth. Foto: Werner Reißaus

03.07.2019

Eigene Radieschen schmecken am besten

Kinder der Oberen Schule beteiligen sich am Projekt "Wissen, wie’s wächst und schmeckt!" Voller Begeisterung säen, pflanzen und ernten sie Gemüse. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Rathaussturm in Naila Naila

Rathaussturm in Naila | 11.11.2019 Naila
» 72 Bilder ansehen

Wunsiedel

20. Wunsiedler Kneipennacht | 09.11.2019 Wunsiedel
» 98 Bilder ansehen

Kickers Selb - FC Vorwärts Röslau

Kickers Selb - FC Vorwärts Röslau | 09.11.2019 Selb
» 5 Bilder ansehen

Autor

Bruno Preißinger

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
17. 09. 2019
17:14 Uhr



^