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Kulmbach

Kampf um ein Leben ohne Suff und Zoff

Er ist 27 Jahre alt, sitzt im Gefängnis. Sein Vorstrafenregister ist lang. Nach einer Randale am ZOB steht er nun wieder vor Gericht. Jetzt hat er sich unter Betreuung stellen lassen.



Nach reichlich Alkohol und Drogen hat ein 27-jähriger sich am ZOB in Kulmbach mit der Polizei angelegt. Es war nicht das erste Mal. Jetzt hat sich der junge Mann Hilfe gesucht, um aus dem Teufelskreis auszubrechen. Foto: Martin Kreklau
Nach reichlich Alkohol und Drogen hat ein 27-jähriger sich am ZOB in Kulmbach mit der Polizei angelegt. Es war nicht das erste Mal. Jetzt hat sich der junge Mann Hilfe gesucht, um aus dem Teufelskreis auszubrechen. Foto: Martin Kreklau  

Kulmbach/Bayreuth - Er gehört zu der Gruppe junger Leute, die in den vergangenen Jahren immer wieder durch Trinkgelage und Ärger am Zentralen Busbahnhof in Kulmbach aufgefallen sind. Die "Knast-Tatoos" auf seinen Händen und Unterarmen vermitteln auf Anhieb einen Eindruck, dass der junge Mann nicht zu denen gehört, die auf der Sonnenseite des Lebens groß geworden sind. Und in der Tat: Der Kulmbacher ist erst 27 Jahre alt und hat trotzdem eine ellenlange Vorstrafenliste. Zu seiner jüngsten Verhandlung vor dem Bayreuther Amtsgericht ist der Kulmbacher aus der Strafhaft vorgeführt worden. Bis Ende Mai 2021 dauert die gegen ihn verhängte Gefängnisstrafe noch. Wenn die jüngste Verhandlung vorüber ist, könnte es sogar noch einen "Zuschlag" geben. So kann das nicht weitergehen, hat der Kulmbacher beschlossen und einen ungewöhnlichen Weg gewählt. Er hat sich selbst unter Betreuung stellen lassen. Mit Hilfe seines Betreuers will er sich nun aus dem Teufelskreis von Drogen, exzessivem Alkoholmissbrauch und Gewalt befreien.

1,3 Millionen Menschen haben einen rechtlichen Betreuer

Rechtliche Betreuung bekommen Menschen über 18 Jahre, die nicht in der Lage sind, für sich selbst zu entscheiden. Das können zum Beispiel Menschen sein, die eine geistige Erkrankung oder Behinderung haben. In Deutschland haben nach Angaben des Familienberaters der Aktion Mensch etwa 1,3 Millionen Menschen einen rechtlichen Betreuer. Seit den 1990er Jahren hat sich die Zahl der Betreuungen ungefähr verdreifacht.

Eine Betreuung kann man für sich selbst beantragen oder für eine andere Person anregen. Gegen den freien Willen einer volljährigen Person kann es keine Betreuung geben. Den Antrag kann man schriftlich oder mündlich beim Betreuungsgericht stellen. Wenn tatsächlich eine Betreuung notwendig ist, bestimmt das Gericht einen Betreuer und entscheidet, für welche Bereiche eine Betreuung stattfinden soll. Wenn der Betreute damit nicht einverstanden ist, kann er Beschwerde dagegen einlegen.

Das Gericht setzt die Betreuung erst einmal für ein halbes Jahr fest.Danach prüfen die Richter, ob man eine dauerhafte Betreuung braucht. Das Betreuungsgericht prüft dauerhafte Betreuungen nach sieben Jahren nochmals.

Das Gericht bestimmt, für welche Bereiche eine Betreuung notwendig ist. Nur für Bereiche, für die der Betreute nicht mehr selbst entscheiden kann, springt der Betreuer ein. Wenn es dem Betreuten zum Beispiel schwer fällt, mit Geld umzugehen, kann dies der Betreuer übernehmen.

Er hatte ordentlich "getankt" an diesem Nachmittag Ende Mai am Kulmbacher ZOB. Zusammen mit Freunden floss Alkohol in Strömen, auch Joints wurden geraucht. Schließlich wurde es Passanten zu bunt, als die Gruppe immer wieder Flaschen zerschlug. Die Polizei wurde gerufen. Die Beamten sprachen Platzverweise aus. Auf dem Platz rund um den Busbahnhof ist der Alkoholkonsum verboten.

 

Die meisten der jungen Leute zogen sich zurück, als die Polizei kam. Einer wollte nicht weichen. Schließlich kehrte auch der jetzt 27-Jährige zurück, baute sich vor den Beamten auf. Die Situation eskalierte, wie drei Kulmbacher Polizisten vor Gericht aussagten. Selbst als er schon in Handschellen war, tobte der Mann noch. Er trat und spuckte. Er bedachte die Polizisten mit wilden Beleidigungen, die nicht druckfähig sind. Am Ende stellte sich heraus: Gegen 18 Uhr hatte der 27-Jährige bereits mehr als 1,8 Promille Alkohol im Blut. Dazu kam eine reichliche Menge Cannabis.

Zur Klärung des Sachverhalts konnte der Angeklagte selbst nicht viel beitragen. Er habe nur noch einzelne Bilder im Kopf, könne sich nicht erinnern, was an diesem frühen Abend am ZOB vorgefallen war. Als ihm Richter Daniel Götz vorhielt, was die Polizisten ausgesagt hatten, zuckte der Angeklagte mit den Schultern: "Es kann schon sein."

Einen Tag vor dem Vorfall sei er an der Hand operiert worden, gab er an. Die Handschellen hätten ihm Schmerzen zugefügt. Vielleicht habe er sich deshalb gewehrt. Das ließ die Staatsanwältin nicht gelten: "Dass man sich einen Tag nach einer Operation nicht gleich so die Kante geben soll, müsste einem die Lebenserfahrung sagen." Und auch die Polizistin, die die "Achter" angelegt hatte, wies darauf hin, dass sie dem jungen Mann mehrfach gesagt hat, er brauche nur ruhig zu bleiben, dann tue es nicht weh.

Nüchtern im Gerichtssaal und offensichtlich unter dem Eindruck des Gefängnisaufenthalts, von dem er in Fußfesseln ins Gericht gebracht worden war, entschuldigte sich der Angeklagte bei jedem der Kulmbacher Polizisten persönlich. Es fiel ihm nicht leicht. Das war ihm anzusehen. Er hat es trotzdem insgesamt viermal durchgezogen und seinen Gegenübern dabei ins Gesicht geschaut.

Mit 13 Jahren war der Mann mit Drogen in Berührung gekommen. Dann kam Alkohol hinzu. Als Jugendlicher hatte er es bereits auf ein stolzes Strafregister gebracht. Mit der Volljährigkeit hörten die Straftaten nicht auf. Diebstahl, Sachbeschädigung, Körperverletzung, Hausfriedensbruch, Beleidigung, Drogendelikte, Betrügereien sind in den Gerichtsakten vermerkt. Auch ein Fall von schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern ist darunter.

Ein Fall, von dem Richter Daniel Götz sagte, man könne ihn für diese aktuelle Verhandlung fast eins zu eins ins Urteil übernehmen, brachte den Kulmbacher schließlich ins Gefängnis. Ein Jahr und zwei Monate muss er derzeit in der JVA in Bayreuth absitzen. Auch dieser Verurteilung war ein Granatenrausch vorangegangen, die Polizei war gekommen. Es kam zu Handgreiflichkeiten gegen die Beamten.

Der jetzt 27-Jährige kommt nicht aus einer intakten Familie. Er war schon in ganz jungen Jahren mehrfach in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei ihm ist ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) diagnostiziert worden. Aus der Berufsschule ist er rausgeflogen, aus einer Altenpflegeschule ebenfalls. Dann hat er erneut eine Altenpflegehelferausbildung begonnen und abgeschlossen. Er verlor den Job, als er zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Nach verschiedenen Gelegenheitsjobs packte er die Altenpflege nochmals an, fand Arbeit bei einem ambulanten Pflegedienst. Die Arbeit mache ihm Spaß, gibt der 27-Jährige an.

Sein Anwalt, Ralph Pittroff aus Kulmbach, bestätigt das. Sein Mandant finde in dieser Arbeit Erfüllung. Ralph Pittroff ist auch der vom Gericht eingesetzte Betreuer des 27-Jährigen. Der Jurist will über die Verteidigung vor Gericht hinaus mithelfen, dass der junge Kulmbacher endlich Boden unter die Füße bekommt und sich Stück für Stück von seinem früheren Leben, dem Alkohol, den Drogen und der Gewalt lossagt.

Zu einem Urteil kam es noch nicht. Das Gericht muss erst noch eine Akte hinzuziehen, weil es noch eine weitere Verurteilung gibt, die in eine Gesamtstrafe mit einbezogen werden muss. Am 25. September um 14 Uhr wird der Prozess am Bayreuther Amtsgericht fortgesetzt.

Autor

Melitta Burger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
18. 09. 2019
17:10 Uhr

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Melitta Burger

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Veröffentlicht am:
18. 09. 2019
17:10 Uhr



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