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Lebendige Erinnerung

Einem Altmeister des Klaviers zum Gedenken: In Thurnau begeistert Ingo Dannhorn mit einem Lieblingsstück des großen Wilhelm Kempff.



Pianist Ingo Dannhorn vor den Hofer Symphonikern und dem Dirigenten Daniel Spaw: Anmut und Vornehmheit, sensibel gemischt. Foto: Gabriele Fölsche
Pianist Ingo Dannhorn vor den Hofer Symphonikern und dem Dirigenten Daniel Spaw: Anmut und Vornehmheit, sensibel gemischt. Foto: Gabriele Fölsche  

Thurnau - So etwas hatte es noch nicht gegeben. In diesem Klavierkonzert, Ludwig van Beethovens viertem, setzt nicht etwa zuerst das Orchester die Themen in Gang; sondern der Pianist, unbegleitet, streichelt wie beiläufig suchende, versuchende Akkorde in die Tasten. Überhaupt markierte dies Opus 58 bei seiner Wiener Uraufführung 1807 eine Wendung. Hatte der Tonsetzer zuvor mit Pathos und Passion komponiert, schien er nun weitaus gelassener aufgelegt. Wilhelm Kempff, einer der bedeutendsten deutschen Pianisten des 20. Jahrhunderts, hielt das G-Dur-Werk für "das schönste aller Klavierkonzerte".

Wohl darum stand es am Freitag im Zentrum des zweiten und letzten Abends, den in Thurnau das Wilhelm-Kempff-Festival dem weltberühmten Musiker widmete. Der lebte bis 1955 zehn Jahre lang hier auf dem Schloss - was Ingo Dannhorn bewog, seiner eben hier musikalisch zu gedenken. Nach dem bedeutenden Kempff-Schüler Gerhard Oppitz nahm am Freitag der 44-jährige, in Kulmbach lebende, in Seoul lehrende Oppitz-Schüler Dannhorn am Flügel im Kutschenhaus Platz; mit nicht geringerem Erfolg: Die knapp 260 Zuhörer feierten ihn, die - im Kammerformat besetzten - Hofer Symphoniker und den Dirigenten Daniel Spaw vom Theater Hof ausdauernd.

Als wär's eine Improvisation, Anmut und Vornehmheit sensibel mischend, schlägt der Solist besagte Einleitungsakkorde an, eine Intimität verbreitend, auf die sich die weitgehend Vibrato-losen Streicher gern einlassen. So bekundet sich eine Haltung, die nicht nach der offiziösen großen Geste strebt. Leicht tupft Dannhorn die Töne hin, lässt Läufe tropfen, Doppeltriller gläsern schimmern. Unprätentiös seelenvoll findet er für sich einen maskulinen, indes nicht machohaften Ausdruck ohne bloß technische Großspurigkeit. Und auch die "Pranke", die Wucht des robusten Zugriffs kennt er, ohne den es bei Beethoven nun einmal nicht geht.

So lädt er denn die große Kadenz des Allegro-Kopfsatzes aufregend mit grimmigem Sarkasmus auf, von dem die Streicher ein Quantum ins Andante überführen. Düsteren Trotz intonieren sie eingangs, Dannhorn aber erhebt beharrlich Einspruch: Mit sacht-tiefsinnigen Akkorden, die sich auch vor Kummer nicht verschließen, besänftigt er das Ensemble. Da mag Dirigent Spaw anschließend, beim Finalsatz, nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen: Erst allmählich lädt er die Symphoniker mit Energien auf, bis sich Dannhorn - von zwei, drei Misshelligkeiten bei Rhythmus und Treffsicherheit abgesehen - forsch und feinsinnig mit ihnen vereint.

So sehr Wilhelm Kempff auch Beethoven verehrte - für ihn stand nicht er, sondern Wolfgang Amadeus Mozart auf dem Gipfel aller Musik, als "ewig junger Gott" (so zitiert ihn das Programmheft). Passend also eröffnen und beschließen Werke des Genies den Abend. Vorbehaltlos enthusiastisch leitet Daniel Spaw das eine wie das andere: Für Plastizität und Schwung sorgt er unwiderstehlich durch einleuchtende Gesten, die seinen Körper vom Kopf bis zu den Füßen mitreißen.

Fieberhaft bringt er die Frechheit der "Figaro"-Ouvertüre ins Rollen, die das - in den Violinen allerdings nicht trübungsfreie - Orchester kraft scharfer Akzente vorantreibt, auch durch Paukenprasseln mit blanken Holzschlägeln, weder von Filz, Flanell noch Fell gedämpft.

Nichts für Leisetreter: In Mozarts 41. und letzter Symphonie, mit dem höchstmöglichen Beinamen "Jupiter", baut Spaw zwar umsichtig spannungsvolle Phrasen auf und bremst deren Enden federnd wieder ab; dennoch verleiht er dem Kopfsatz namentlich durch kernige Pointierung und Forte-Piano-Kontraste Lebensgeist. Beklemmende Schwermut, wie sie die gemütvolle Behäbigkeit des zweiten Satzes unterbricht, löst er im leichtherzigen Fluss des Menuetts und in dessen chromatischem Holzbläser-Wohllaut auf, um sie im pompös sich brüstenden Schluss-Allegro vollends vergessen zu machen. Nachvollziehbar erschließt der Dirigent das bewundernswerte Motivgeflecht, das der gewiefte Kontrapunktiker Mozart durch dies Finale webte; was die Symphoniker aber nicht davon ablenkt, ihn packend als tempogeladenen Triumphzug zu inszenieren. So wie das Thurnauer Festival im Ganzen will dieser Endspurt den Namensgeber Wilhelm Kempff lobpreisen: Der galt unter den Tastenkünstlern seiner Zeit womöglich nicht als Jupiter, doch als ein Gott.

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Michael Thumser

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Veröffentlicht am:
07. 10. 2018
20:34 Uhr

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Michael Thumser

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Veröffentlicht am:
07. 10. 2018
20:34 Uhr



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