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Kulmbach

Menschenfreund mit Witz und Tiefsinn

Phantastischer Realist, Satiriker und Komponist: Das alles ist Stephan Klenner-Otto (60). Der Oberfranke mit Sinn für Humor bringt als Netzwerker Menschen zusammen.



Stifte über Stifte, Pinsel und Federn: In seinem Atelier am Zeichentisch arbeitet Stephan Klenner-Otto an seinen Zeichnungen. Auch Aquarelle und Gemälde lassen sich bei ihm zu Hause entdecken. Fotos: Andreas Harbach
Stifte über Stifte, Pinsel und Federn: In seinem Atelier am Zeichentisch arbeitet Stephan Klenner-Otto an seinen Zeichnungen. Auch Aquarelle und Gemälde lassen sich bei ihm zu Hause entdecken. Fotos: Andreas Harbach  

Neudrossenfeld - Schildkröte Hannibal knabbert an grünen Kohlblättern. 85 Jahre hat sie auf dem Buckel. In dem Mini-Gehege im Garten tummeln sich noch weitere Artgenossen. Das jüngste Exemplar heißt Günter. Die gepanzerten Tiere sind ein altes Symbol. Sie stehen für die Kraft der Ruhe und für Bodenständigkeit.

Stephan Klenner-Otto hält sie in seinem Garten und erfreut sich an den Reptilien. Hin und wieder finden sie sich in seinen Zeichnungen wieder. Der Grafiker und Illustrator, der in Hornungsreuth im Landkreis Kulmbach lebt, feierte kürzlich 60. Geburtstag. Er beschreibt sich selbst als "heimatverbunden" und "tief verwurzelt" in Oberfranken. Seit mehr als vier Jahrzehnten ist er künstlerisch tätig. Einige Jahre verschlug es ihn in den Stuttgarter Raum, "meine Lehr- und Wanderjahre", bevor er 1996 zurückkehrte.

Am Küchentisch in dem Häuschen, das er mit seiner Frau Ingrid bewohnt, fühlt man sich wohl. An den Wänden hängen wie in einer Galerie lauter Klenner-Ottos. In der Küche, im Flur, im Wohnzimmer. In der Werkstatt stapeln sich unzählige, in Papier gewickelte Druckplatten. Gerahmte und ungerahmte Drucke füllen den Raum mit der niedrigen Decke. Sie zeugen von der Produktivität und der unermüdlichen Schaffenskraft Klenner-Ottos.

Schon in jungen Jahren hegte er den Wunsch, einmal Maler zu werden. Vor allem Motive aus der Natur faszinierten ihn. Der Kunsterzieher in der Schule erkannte sein Talent: "Mit Günter Karittke verbindet mich eine lebenslange Freundschaft." Sein größter Förderer und Lehrer wurde Caspar Walther Rauh, in dessen Nachbarschaft in Kulmbach er wohnte. Rauh lehrte ihn das Zeichnen und die Kunst der Radierung. Durch ihn entdeckt er die Welt der Literatur, Klassiker und Romantiker wie den großen Jean Paul, dessen Werke er studierte.

Erste Blätter hängte der gelernte Zeichner und Drucker bereits 1976 im Landratsamt seiner Heimatstadt aus. "Mit 17 Jahren hatte ich meine erste Ausstellung in der Bärenschenke in Münchberg", erinnert sich Klenner-Otto. Weitere sollten folgen. Mittlerweile ist Stephan Klenner-Otto einer der bekanntesten oberfränkischen Künstler, Kulturpreisträger der Oberfrankenstiftung, Künstler des Monats der Metropolregion und Kulturförderpreisgewinner des Landkreises Kulmbach.

Der Mann mit der dunklen Strubbelfrisur und dem spöttischen Blick redet wie ein Buch. Vieles, was er sagt, ist sarkastisch. "Provinz ist überall da, wo man sich selbst inszeniert", zitiert er Horst Janssen. Nicht alles, was sich im ländlichen Raum Kunst und Künstler nennt, hat in seinen Augen diese Bezeichnung verdient. Im Übrigen mag er es selbst nicht, als Künstler bezeichnet zu werden. Sei dies doch mittlerweile ein Allerweltsbegriff. "Qualität bedeutet eine hohe künstlerische Umsetzung mit Verständnis und hohem handwerklichen Niveau", sagt er streng. Manches sei einfach "übelster Dilettantismus", worüber er sich trefflich echauffieren kann.

Kritisch ist er vor allem sich selbst gegenüber: Seine Lucas-Cranach-Serie, die in dem Jahr entstanden sei, als seine Mutter starb, hält er für nicht gelungen. "Die hätte ich besser nicht ausstellen sollen." Im Jahr zuvor, 2013, dem Jean-Paul-Jahr, war er an rekordverdächtig vielen Projekten beteiligt. Denn Klenner-Otto ist umtriebig und ein begnadeter Netzwerker. Augen und Ohren sind immer offen für Neues. Er lässt sich begeistern und verblüffen, tut sich mit Künstlerfreunden zusammen und hilft jüngeren Kollegen, bekannter zu werden. Mit der von ihm initiierten Grafikerloge stellte er zweimal Werke in Thurnau aus.

Ein echter Klenner-Otto ist unschwer zu erkennen: Der Stil seiner Radierungen ist altmeisterlich, der Strich fein und präzise. Die Kompositionen sind oft detailverliebt und strotzen vor skurrilen Einfällen. Meisterhaft sind seine Porträts von großen Dichtern und Denkern, Komponisten und historischen Persönlichkeiten. Aus charakteristischen Bunt- und Bleistift-Zeichnungen, Aquarellen, Radierungen und Stichen entwickelte sich die Schau "Vernetzte Köpfe". Sie zeigte dreißig Köpfe berühmter und weniger berühmter Schriftsteller, Männer wie Frauen des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. "Das konzeptionelle Arbeiten hat mir Caspar Walther Rauh beigebracht."

Die Drucke sind limitiert. Klenner-Otto bevorzugt kleinere Auflagen - auch um stets erfinderisch zu bleiben. Weltliche und sakrale Themen, Naturstudien und Phantastisches stehen Seite an Seite. Und so wird es nie langweilig. Einige neue Vorhaben warten: Eine Zusammenarbeit mit der Wiener Schriftstellerin Sophie Reyer, die ihn für Illustrationen zu einem Buchprojekt gewinnen konnte. Auch soll bald ein "Kreuzwege"-Buch erscheinen, zusammen mit Jürgen Zinck, Dekan im Ruhestand, und Monsignore Rüdiger Feulner. Im Historischen Museum in Bayreuth beteiligt sich Klenner-Otto mit dem Kunstverein an einer Ausstellung zum 9. November. Aus Anlass des Mauerfalls vor dreißig Jahren zeigen Künstler aus Ost und West grafische Arbeiten. Der Künstler Horst Sakulowski aus Saalfeld wird im Kunstkabinett des Kunstmuseums zu sehen sein. "Der 9. November ist ein ganz besonderer Tag in der Geschichte", sagt Klenner-Otto. Die Gemeinschaftsausstellung will diesem Schicksalstag nachspüren.

Über den 60-Jährigen etwas zu schreiben, was noch nie geschrieben wurde, ist nahezu unmöglich. Seine Liebe zur Musik, Klassik wie Heavy Metal, dürfte bekannt sein. Weniger vielleicht, dass Klenner-Otto früher selbst komponierte - nach Gehör und ohne Kenntnis der Notenschrift: ein genialer Autodidakt, der es zu Höchstleistungen brachte.

Autor

Ute Eschenbacher
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Veröffentlicht am:
25. 10. 2019
17:08 Uhr

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Ute Eschenbacher

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Veröffentlicht am:
25. 10. 2019
17:08 Uhr



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