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Kulmbach

Opferstätte oder Rastplatz?

Der Hainberg birgt ein Rätsel. Ein Steintisch wirft so manche Fragen auf, die wohl nicht zu klären sind.



Ein herrlicher Ausblick belohnt den Wanderer, der vom 524 m hohen Hainberg über Stadtsteinach blickt, das etwa 300 tiefer liegt.	Fotos: Siegfried Sesselmann
Ein herrlicher Ausblick belohnt den Wanderer, der vom 524 m hohen Hainberg über Stadtsteinach blickt, das etwa 300 tiefer liegt. Fotos: Siegfried Sesselmann   » zu den Bildern

Stadtsteinach - Wenn man die Einwohner in und um Stadtsteinach fragt, ob sie schon einmal vom 524 Meter hohen Hainberg aus den herrlichen Blick über Stadtsteinach genossen haben, so schütteln viele den Kopf. Genauso reagieren sie auf die Frage, ob sie etwas von einer alten Opferstätte in Stadtsteinach wissen.

Die Quellen sind nicht eindeutig. Existierte in der Germanenzeit von 50 bis 500 nach Christi eine Opferstätte? Davon war der Stadtchronist Simon Köstner überzeugt. Oder hat irgendwann irgendwer auf dem Weiherer Berg, wie der Hainberg auch bezeichnet wurde, nur einige Steine übereinander gelegt? Wollte jemand ein geschichtliches Denkmal hunderte Jahre nach den Germanen errichten oder sollte nur eine Raststätte an einer Altstraße, inklusiv herrlicher Aussicht, erstellt werden.

Keine neueren Erkenntnisse: Im Buch "Oberfranken in vor- und frühgeschichtlicher Zeit" von Professor Abels, dem Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege in Bamberg, wird der Festungsbau einer Höhenburg auf der Grünbürg in Stadtsteinach erwähnt, jedoch mit keinem Wort eine Opferstätte. Auch im Buch "850 Jahre Stadtsteinach" steht nichts über den Hainberg und seine Opferstätte.

Auf einer alten Landkarte aus den Jahren um 1830 ist nur der Hainberg eingezeichnet, der auch "Waiherer Berg" genannt wird, weil früher die Wallfahrt nach Marienweiher über den Hainberg nach Tannenwirtshaus führte. Auch hier fehlt der Hinweis auf eine Opferstätte, zumal in dieser Karte so ziemlich alles in Perfektion eingezeichnet wurde.

Handschriftliche Chronik: Ganz anders sieht es der Chronist der Stadtgeschichte von Stadtsteinach, der Heimatforscher Simon Köstner (1865 - 1939). Der pensionierte Lehrer machte sich die "mühselige Arbeit", alle Urkunden der Stadt, alle Kirchenakten und weitere Quellen zur Geschichte Stadtsteinachs zusammenzutragen. Seine Leistung ist aus heutiger Sicht besonders hoch zu schätzen, denn er übertrug handschriftlich, was aufzufinden war und stellte somit eine Fortführung der Stadtbücher zusammen. Seine Arbeit besitzt einen unschätzbaren Wert und ist das Fundament für alle weiteren heimatverbundenen, geschichtlich Interessierten. Nur die Sprache seiner Texte lässt deutlich einen Spätromantiker erkennen, der sich gerne der Sagen- und Mythenwelt hingibt.

Schon im Vorwort zu seiner 360-seitigen, handschriftlichen Chronik aus dem Jahre 1897 stellt er fest: "Denkmäler aus der Germanenzeit sind: der Hainberg mit dem Opferhügel, die Grünburg mit der Wallburg; einige von den Kupferlöchern im Hammergrund." Und weiter auf Seite 257: "Der östliche Gipfel des Berges ist abgegraben, eben gemacht, und die Ränder ringsum hat man stehen lassen, sodass eine ovale Pfanne fünf mal acht Meter groß entstand. Ein Augenzeuge berichtet, er habe noch den Stein gesehen, der in der Mitte aufgestellt war; diesen habe der hiesige Bürger Hermann auf Hausnummer 148 mitten geteilt und die eine Hälfte zur vorderen Haustürtreppe benutzt. Als Letztere durch eine Steintreppe ersetzt wurde, kam dieser Stein an die hintere Haustür, wo er sich tatsächlich noch befindet.

Etwas unter der Opferstätte ist nochmals ein Eingriff am Terrain bemerkbar, der eine halbmondförmige Vorstufe, eine Art Chor oder Empore bildet, vielleicht für die vornehmen Teilnehmer am Opfer, die dabei nach Südosten schauen mussten. Stellen wir uns vor, dass die geräumige Ebene östlich für das Gros der Opferteilnehmer war, so überkommt den Beschauer von der Mitte der Pfanne aus, wenn er sich an die Stelle des Druiden denkt, heute noch ein Andachtsschauer."

Nebenbei bemerkt ist der Druide keltisch und nicht germanisch und man vermutet die Kelten bei uns etwa 500 bis 300 vor Christus.

Flurdenkmal: Auch Karl Dill schlägt sich in seinem Buch "Flurdenkmäler im Landkreis Kulmbach" auf die Seite des Chronisten Simon Köstner. Er meinte, der Überlieferung nach soll dieser Steintisch ein germanischer Opfertisch sein, der in einer geheiligten Waldung, einem Hain, der von den Germanen verehrt wurde, stehen. Dill und Köstner berichten sogar von verschiedenen Sagen, so von der Weißen Frau, die große Schätze hütet, von Licht, das dort brennt, wo der Schatz liegt, und vom Teufel mit dem Pferdefuß, der dort zu sehen ist.

Dill glaubt, die Vermutung, dass dieser Berggipfel eine Opferstätte, ein Gerichtsort (Thingstätte) oder ein Versammlungsort war, zutreffen könnte, denn schon der Name Hainberg deutet auf einen alten eingefriedeten Ort hin. An dieser "Opferstätte" zog eine sogenannte Altstraße vorbei, eine damals wichtige West-Ost-Verbindung. Diese Altstraßenführung war dann auch der alte Wallfahrtsweg nach Marienweiher.

Fragen über Fragen: Was ist nun aus heutiger Sicht anzunehmen? Es erheben sich viele Fragen: Warum hat Simon Köstner nicht auch den Namen des Augenzeugen genannt? Aus welchem Grund zerschlug der Bürger Hermann so ein "sagenumwobenes, geschichtsträchtiges Denkmal"? Dieser Bürger Herrmann, Sebastian Herrmann, von Beruf Weber, wohnte tatsächlich im Haus Nummer 148, heute Kulmbacher Straße 23. Er stammte aus Wehrstraße 8 und lebte um 1850 dort in dem einstöckigen Haus, das erst 1923 um ein Stockwerk erhöht wurde.

Warum wurde der Verbleib der anderen Steinhälfte nicht festgehalten? Dann wäre wenigstens die Sicherheit vorhanden, dass oben auf dem Hainberg einstmals ein schwerer Steintisch stand. Eigentlich könnte dann sogleich der Einwand erhoben werden, dieser Steintisch könnte erst in nachheidnischer Zeit für die Jagdgesellschaften aufgestellt worden sein. Klar ist, dass die angebliche Steinhälfte im Haus Kulmbacher Straße 23, in dem mittlerweile die Gerberfamilie Motschenacher wohnte, wohl 80 Jahre lang als Treppe ruhte.

Der um 1930 dort wohnende Rechtsanwalt Lothar Finger (1897 - 1957) und sein Bruder, der Redakteur Alfons Finger (1899 - 1960), legten um 1934 diesen Stein frei. Er wurde wieder zum Hainberg gebracht und man versuchte, die vermeintliche Opferstätte wieder herzurichten. Besonders werbewirksam beteiligte sich der damalige Ortsgruppenleiter und Sparkassenangestellte Wilhelm Harburger, der diese Aktion politisch vermarktete.

Geschichtsfälschung: Leider gehört ein Artikel aus der Ostmarkzeitung Bayreuth aus dem Jahre 1934 in den Bereich "Verfälschung von Geschichte". In dem Artikel ist zu lesen: "Wir Stadtsteinacher aber sind stolz darauf, eine einwandfreie altgermanische Opferstätte zu besitzen, welche auch gleichzeitig die erste Opferstätte in Deutschland ist, welche wieder ihre ursprüngliche Ansicht und Gestalt erhielt. Wie von maßgeblicher Seite mitgeteilt wird, findet die Einweihung derselben im September des Jahres statt, wenn Kultusminister Hans Schemm …usw."

Seit dieser Zeit kann ein Besuch dieser "Opferstätte", deren Geheimnis wohl kaum zu lüften sein wird, empfohlen werden. Der Weg lohnt sich: vom Campingplatz in etwa 45 Minuten über den Steinbruch Schricker, früher Heiß, gleich rechts den Berg hoch oder über den Weg nach Vogtendorf, gleich nach den Fischteichen links, auch der Aussicht wegen. Leider hinterlassen Besucher des Platzes oft Unrat.

Auch wenn viele Stadtsteinacher noch nicht den herrlichen Blick genossen haben, so kennen doch viele Drachensegler aus nah und fern das Plateau des Hainbergs. Sie steigen dort bei guter Thermik auf, wagen den Flug über Stadtsteinach und landen dann neben dem Freibad.

Autor
Siegfried Sesselmann

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Veröffentlicht am:
29. 08. 2019
17:12 Uhr

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Siegfried Sesselmann

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29. 08. 2019
17:12 Uhr



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