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Prozess um Entführung: Einblick in den Menschenhandel

Im Prozess um eine Entführung in Kulmbach sagt der letzte Zeuge aus, der nach eigenen Angaben Bodybuilder ist. Mit einem Handgriff soll alles angefangen haben.



Mann droht Nachbarn mit dem Tod
Mann droht Nachbarn mit dem Tod   Foto: dpa

Bayreuth/Kulmbach - Ein Riese erzählt eine Geschichte, die wie das Drehbuch für ein verrücktes Road-Movie klingt. Doch die Geschichte wird als Schwerverbrechen vor dem Landgericht Bayreuth verhandelt. Im Prozess um eine Entführung in Kulmbach hat nun auch der letzte der vier Angeklagten ausgesagt. Sein Bericht bietet Einblick in die Nöte von Flüchtlingen.

Farhad S. ist etwa einsneunzig groß und wiegt 130 Kilo. Der 25-Jährige ist seit eineinhalb Jahren in Deutschland und spricht schon gut Deutsch. Er sagt, er sei ein friedlicher Mann. Er sagt, er sei 20-facher iranischer Meister im Bodybuilding gewesen, ja sogar Weltmeister. Aber er habe seine Heimat wegen seiner Religion verlassen müssen, überstürzt, als Flüchtling, heimlich.

Farhad S. ließ sich aus dem Iran herausschmuggeln. Er verkaufte Haus und Auto für die Hälfte des Wertes, kam über die Rumänien-Bulgarienroute, saß auf der Ladefläche von Lastwagen, lief tagelang ohne Essen durch Wälder in Gegenden, die er nicht kannte. Sein Schleuser, sagt er, sei ein 39-jähriger Mann gewesen, der heute in Kulmbach lebt. Jener, der am 27. Oktober 2018 in der Heinrich-von-Stephan-Straße in Kulmbach angeblich entführt wurde.

Farhad S. und drei andere Iraner sind deswegen wegen erpresserischen Menschenraubes angeklagt. Wie auch die anderen Angeklagten, sagt Farhad S.: "Das war so überhaupt nicht geplant. Es ist außer Kontrolle geraten." Und er betont, der Hauptzeuge, das angebliche Opfer, belaste ihn und die Mitangeklagten zu sehr.

Farhad S. berichtet, wie es dazu kam, dass er mit dem Besitzer einer Kölner Autowerkstatt, dessen Bruder und einem weiteren Landsmann damals nach Kulmbach fuhr: Bei seiner Flucht durch Osteuropa hatte Farhad S. einem anderen Flüchtling, der nicht genug Geld hatte, 1000 Euro geliehen. Das Geld war für den Schleuser. Weil der aber den anderen Flüchtling irgendwo in Bulgarien im Stich ließ, habe er, Farhad S., eben von dem Schleuser das Geld zurückverlangen wollen.

Eigentlich hatte der Bodybuilder die Forderung schon abgehakt, da kam ein Landsmann, der damals mit ihm unterwegs gewesen war und machte ihn mit dem Kölner Werkstattbesitzer bekannt. Der hatte wie Farhad S. ebenfalls eine Forderung an den 39-jährigen Schleuser - 5200 Euro für die gescheiterte Flucht eines Verwandten. Und weil Farhad S. zwei Wochen in Kulmbach gewohnt hatte und ungefähr wusste, wo der Schleuser wohnt, vervollständigte er das Quartett, das von Köln nach Kulmbach fuhr, um dem Schleuser die Rückzahlungsforderung zu präsentieren.

Warum stellte das Quartett den Schuldner nicht zum Gespräch? "Wir wollten zur Polizei gehen und ihn als Schleuser verraten, wenn er uns unser Geld nicht gibt", sagt Farhad S. Dass es anders kam, lag vielleicht an ihm: Der Riese berichtet im Prozess vor dem Landgericht, wie er, nachdem man den Gesuchten auf der Straße entdeckte, aus dem Auto des Kölner Werkstattbesitzer ausstieg, den Gesuchten an der Hand nahm und sagte: "Komm mit, wir müssen mit dir reden." Der andere wollte allerdings nicht, doch für den Bodybuilderriesen war es so gut wie kein Kraftaufwand, den Widerstrebenden zum Auto zu führen. Für Farhad S. war das ein Führen, für den "Geführten" fühlte sich angesichts der Körperkraft des Riesen als "Entführen" an.

Auf der Fahrt ging laut es Farhad S. chaotisch zu, sie habe geendet mit dem Zugeständnis des unfreiwilligen Fahrgastes, innerhalb von 20 bis 40 Tagen das geschuldete Geld zu besorgen. In Offenbach ließen die vier Angeklagten den 39-Jährigen wieder laufen. Doch der hielt sein Versprechen nicht: Anrufe der Angeklagten auf sein Handy soll er blockiert haben. Statt des Geldes bekamen die vier Männer Handschellen und kamen in Untersuchungshaft..

Der Prozess wird fortgesetzt.

Autor

Manfred Scherer
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
09. 10. 2019
17:22 Uhr

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Manfred Scherer

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Veröffentlicht am:
09. 10. 2019
17:22 Uhr



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